Mehrere Fläschchen des Impfstoffs Moderna © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Kento Nara

Corona: Warum bleiben viele Zweitimpftermine ungenutzt?

Stand: 05.07.2021 16:40 Uhr

Viele Corona-Zweitimpftermine bleiben ungenutzt. Das scheint weniger ein Organisations-, als ein Kommunikationsproblem zu sein. Ein Gespräch mit der Kommunkationswissenschaftlerin Eva Baumann.

Mehrere Fläschchen des Impfstoffs Moderna © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Kento Nara
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Frau Baumann, ist aus Ihrer Sicht nachvollziehbar, warum nach dem Run auf die Erstimpfungen die Nachfrage nach den Zweitimpfungen deutlich geringer ist?

Eva Baumann: Zunächst mal würde ich hinterfragen wollen, wie die Evidenzlage hier eigentlich ist. Dass einige Leute den zweiten Termin nicht wahrnehmen, ist sicherlich zutreffend. Aber möglicherweise liegt das auch daran, dass die Leute sich an verschiedenen Stellen gleichzeitig angemeldet haben und dementsprechend manche Termine verfallen. Auch das ist ein Kommunikationsproblem, weil die Leute wissen sollten, dass es wichtig ist, einen Termin, den sie nicht wahrnehmen können oder wollen, abzusagen.

Ich habe mir die Quoten des RKI angeschaut und die beiden Kurven der ersten und der zweiten Impfung nebeneinanderlegt, dann sieht man, dass die weitgehend parallel laufen. Das spricht nicht dafür, dass viele Leute eine Zweitimpfung gar nicht in Anspruch nehmen, sondern dass sie sich möglicherweise bei verschiedenen Stellen angemeldet haben und dann entsprechend Termine verfallen.

Welchen Einfluss rechnen Sie der veröffentlichten Meinung, also der Presse-Meinung zu? Da kann man in den vergangenen Wochen den Eindruck gewinnen, dass sich die Lage sehr entspannt. Setzt sich das auch so in den Köpfen fest?

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Mehrere Fläschchen des COVID-19-Impfstoff von Pfizer-Biontech stehen auf einem Tisch. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Stefan Sauer

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Baumann: Die Nachrichten, dass wir hinreichend Vakzine zur Verfügung haben, können natürlich ein Gefühl der Entspannung verursachen. Das mag bei dem einen oder der anderen das Gefühl erwecken, jetzt nicht mehr so sehr um einen Impftermin kämpfen zu müssen, wie das vielleicht am Anfang der Impfkampagne der Fall war. Das kann durchaus zu einer Nachlässigkeit im Umgang mit diesem raren Gut des Impfens führen.

Es ist natürlich wichtig, dass die Presse informiert, wie die Impfkampagne läuft, wo Verfügbarkeiten sind. Aber es geht auch darum, transparent zu machen, wie wichtig es ist, diesen Zweittermin wahrzunehmen. Wir haben aktuell relativ geringe Inzidenzraten, was wunderbar ist und möglicherweise auch das Gefühl erweckt, dass es gar nicht so dramatisch ist. Und da muss man nicht nur kontinuierlich weiter informieren, sondern auch appellieren, wie wichtig es für den Impfschutz ist, die zweite Impfung wahrzunehmen - gerade im Kontext der Delta-Variante. Ich verstehe die Leute, dass sie eine Informationsmüdigkeit entwickelt haben, aber die Herausforderung ist, dass man das auf der Agenda hält.

Herr Lauterbach von der SPD, ein ausgewiesener Experte, sagt, man sollte im Zweifelsfall die Menschen mit den Gebühren belasten, die sie erzeugen. Der Pressesprecher der Bundesregierung Steffen Seibert wiederum dementiert und sagt: "Nein, wir wollen auf keinen Fall drohen." Was ist denn da der richtige Kommunikationsweg?

Baumann: Den richtigen Kommunikationsweg gibt es leider nie, sondern es hängt immer davon ab, auf was für eine Haltung man bei welchen Menschen stößt. Und Druck zu erzeugen, kann gerade bei denjenigen, die sowieso schon kritisch sind oder dafür empfänglich sind, sich von anderen in der kritischen Haltung verstärken zu lassen, auch Gegendruck erwirken. Wir reden da von der Reaktanz, die dann kommen kann, wenn man droht. Wenn man einen Arzttermin nicht wahrnimmt, muss man auch nicht Gebühren dafür zahlen, dass man diesen Arzttermin nicht wahrgenommen hat und ein Leerlauf entstanden ist. Als Kommunikationsstrategie halte ich das für nicht gut geeignet. Ich empfehle, dass man die Vorteile betont und sie auch gut begründet: dass man Schwächere schützt und dass man niedrigere Alltagsbarrieren hat, reibungsloser shoppen und in den Urlaub fahren kann. Positive Anreize können gerade bei diesem sensiblen und emotional aufgeladenen Thema aus meiner Sicht mehr bringen. Man sollte erklären, welchen Nachteil es hat, wenn man Impftermine nicht wahrnimmt und nicht absagt, weil man damit unter Umständen Probleme fürs Gesundheitssystem verursacht. Ganz schlecht jedenfalls sind Pauschalverurteilungen und pauschale Drohungen. Ich glaube, das macht mehr kaputt, als es Gutes tut.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.07.2021 | 18:00 Uhr