Stand: 17.08.2020 19:25 Uhr  - NDR Kultur

Neue Corona-Studie: Charité streitet über Klassikkonzerte

von Lenore Lötsch

Forscher von zwei Instituten der Berliner Charité haben sich gestern dafür ausgesprochen, dass voll besetzte Säle bei Klassikkonzerten und Opernvorstellungen möglich sind, wenn das Publikum einen Mund-Nasen-Schutz trägt. Und auch die Mindestabstände im Orchester könnten laut den Wissenschaftlern der Charité minimiert werden: Zwischen den Streichern reiche ein Meter - aktuell sind es 1,50 Meter - und auch zwischen den Bläsern bräuchte man nicht zwei Meter Abstand wie aktuell, sondern 1,50 Meter würden genügen. Wie reagieren Intendanten und die Kulturpolitik hier im Norden auf die neuen Empfehlungen?

Ein Schild mit der Aufschrift "Bitte Abstand halten", im Hintergrund eine Freilichtbühne mit zum besetzten Zuschauerrängen. © picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Robert Michael
Ohne Abstandsregeln und nur noch mit Mund-Nase-Schutz ins Konzert? Zwei Institute der Berliner Charité empfehlen das jetzt.

"Das ist natürlich eine super positive Nachricht", sagte die Intendantin der Staatsoper Hannover Laura Berman am Montagnachmittag. Die Neuigkeiten hatten sie in ihrem Urlaub erreicht. Allerdings schob sie auch gleich ein "aber" hinterher: "Ich bin auch vorsichtig, denn letztendlich muss die Regierung in Niedersachsen entscheiden, ob wir unseren Zuschauerraum voll machen dürfen."

Charité widerspricht eigenen Forschern

Und die Vorsicht scheint angebracht, denn kaum wurde die Stellungnahme des Charité-Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie und des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin veröffentlicht, war auf dem Twitteraccount der Charité zu lesen, dass es sich bei der Stellungnahme um ein nicht abgestimmtes Papier handelt.

Auch in der Hamburger Kulturbehörde war man erstaunt über die Empfehlung, volle Konzertsäle wären beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wieder möglich, denn die Signale in den letzten Wochen gingen eher nicht in Richtung "vollständige Öffnung". Aufgrund der Streitigkeiten innerhalb der Charité will man sich aber in Hamburg zu dieser Empfehlung nicht äußern.

Rostocker Theater-Intendant Reichel: Lieber Abstand als Maske tragen

Das Schweriner Kultusministerium hat bereits bei den Intendanten der Theater in Mecklenburg-Vorpommern nachgefragt, ob sie sich eher für die derzeit gültige Abstandsregel von 1,50 Metern aussprechen oder für das Tragen von Masken. Der Intendant des Rostocker Volkstheaters Ralph Reichel: "Das Stimmungsbild in Mecklenburg-Vorpommern ist so: Es gibt einzelne Veranstaltungen, wo man auf Masken zurückgreifen würde, aber prinzipiell wollen wir unserem Publikum nicht zumuten, eine Veranstaltung komplett mit Maske wahrzunehmen. Das passt nicht wirklich zu einem genussvollen Theater- und Konzertabend. Wir akzeptieren dann eher den Abstand und nur Sonderveranstaltungen machen wir mit Maske."

Darüber wird beim nächsten MV-Corona-Gipfel in einer Woche gesprochen. Und auch was den Abstand unter den Orchestermusikerinnen und - musikern angeht, sucht man nach sinnvollen Strategien. "Unsere Strategie wird eine Mischung aus Abstand und Testen sein", sagt Reichel. "Und dass man bestimmte Teams hat, die mit Abstand arbeiten, so dass im Fall einer Erkrankung das Team in Quarantäne muss und nicht das ganze Theater." Auch über die Coronatests bei den Musikerinnen und Musikern der Norddeutschen Philharmonie einmal in der Woche sei man gerade mit der Politik in Verhandlungen.

Verkürzter Abstand ermöglicht "Don Giovani" in Hannover

Die Intendantin der Staatsoper Hannover Laura Berman verweist, was die Abstandsregelungen im Orchester betrifft, auf die Stellungnahmen der Berufsgenossenschaft und der Unfallkasse: "Wenn wir einen Fall unter unseren Mitarbeitern haben, ist das ein Arbeitsunfall und deswegen ist die Unfallkasse für uns als GmbH in Niedersachsen entscheidend."

Aber Laura Berman gibt unumwunden zu, wie sehr sie sich freuen würde, wenn die Empfehlungen der beiden Charité-Institute im niedersächsischen Orchestergraben Realität werden würden: "Diese neue Abstände würden bedeuten, dass wir zum Beispiel 'Don Giovanni' mit den Musikern im Graben spielen könnten."

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.08.2020 | 06:40 Uhr