Zuschauerraum im Theater mit Masken an den Stuhllehnen © Theater Partout Lübeck

Corona-Pandemie: Freie Theater kämpfen ums Überleben

Stand: 12.02.2021 13:50 Uhr

Seit dem Bund-Länder-Gipfel am 10. Februar ist klar: Die Theater bleiben vorerst geschlossen - bis mindestens März. Gerade für die freien Theater in Norddeutschland ist das keine leichte Situation.

von Kathrin Matern, Linda Ebener

Vor allem finanziell stehen die oft sehr kleinen Privattheater vor großen Problemen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es mehr als 20 freie Bühnen, zumeist Puppenspieler. Unterstützung für die freien Theater im Land kommt vom Bund. Zusätzlich hilft den kleinen Theatern, dass viele Besucher spenden oder ihre bereits gekauften Karten behalten.

"Die Bundesregierung hat ja sehr viel Mittel angepackt mit 'Neustart Kultur', wo es darum ging, die Theater, die also eine feste Spielstätte haben, damit auszustatten, dass Lüftungsanlagen auf den neusten Stand gebracht werden können oder neue Filtersysteme eingebaut worden sind. Da wurde viel Geld ausgegeben und viel bewegt", berichtet Stephan Schlafke, Vorsitzender der freien Theater in Schleswig-Holstein. Öffnen dürfen die Theater dennoch nicht. Trotz teils sehr ausgefeilter Hygienekonzepte und Corona-gerechter Schutzmaßnahmen. Dennoch bereiten die Theatermacher hinter den Kulissen neue Stücke vor, basteln in den Werkstätten neue Requisiten und proben.

Puppenspieler in MV warten auf Neustart

Wie drei Puppenspieler in Mecklenburg-Vorpommern, die nur darauf warten, dass sich ihr Vorhang wieder heben kann. Birgit Schuster aus Gingst auf Rügen macht seit 20 Jahren Puppentheater auf Rügen. Aktuell arbeitet sie an dem Stück "Der Maulwurf und seine Freunde", das in Zusammenarbeit mit der Partnerschaft für Demokratie in Greifswald entstanden ist. Birgit Schuster hat im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr Corona-Hilfen beantragt. "Ich konnte auch Gott sei Dank relativ gut arbeiten im vergangenen Sommer. Ich habe auch noch im November und Anfang Dezember spielen können, weil die Schulen und Kitas auf hatten und ich viel direkt in die Schulen und Kitas gehe", berichtet sie.

Jana Sonnenberg: Übergangsjob beim Bundesverband freier Theater

Auch Puppenspielerin Jana Sonnenberg aus Zempin auf Usedom muss schauen wie sie durchkommt. Sie tourt normalerweise durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Nun probt die Solokünstlerin vom "Theater Randfigur" zuhause für ihr neues Projekt: "Einzelgänger" - ein Stück, das sie für eine Person oder Familie spielt, die in gebotenem Abstand vor ihr sitzt. "Meine Hände fungieren wie Figuren, ich spiele das von oben durch so eine Art Kiste oder Karton, meine Finger sind die Beine, und an meinen Unterarmen wird sozusagen ein Kopf befestigt", erklärt Sonnenberg. Sonnenberg engagiert sich auch im Landesverband freier Theater. Die Künstler, die hier Mitglied sind, sagt sie, haben bislang zu 90 Prozent von eigenen Gastspielen gelebt. Um jetzt über die Runden zu kommen, hat sie vor kurzem eine halbe Stelle angenommen, beim Bundesverband freier Theater. Sie berät nun in Not geratene Kollegen und will die Bundesländer besser vernetzen.

Straßentheaterfestival in Putbus als Fernziel

Silke Technau und Stephan Schlafke stehen vor einer Bühne mit Theaterfiguren © Stephan Schlafke / Kobalt Figurentheater Lübeck
Silke Technau und Stephan Schlafke vom Kobalt Figurentheater Lübeck hoffen, bald wieder spielen zu können.

Stephan Rätsch aus Passentin an der Seenplatte probiert gerade für ein eigenes neues Stück: "Peter Plüsch". Zu Pfingsten will er sein Stück bei "Kunst offen" auf seinem Hof zeigen, unter freiem Himmel. Und im August dann findet hoffentlich das Straßentheaterfestival in Putbus statt. Dafür hat Birgit Schuster aus Gingst gerade einen Förderbescheid bekommen. Die gesamte freie Szene aus dem Land soll dann mit dabei sein, darunter auch Jana Sonnenberg mit ihrem Theaterstück für Einzelgänger.

Uli Sandau vom Theater Partout probt regelmäßig

Auch in Schleswig-Holstein stehen sie in den Startlöchern: von der Niederdeutschen Bühne Flensburg, die für den Sommer bereits Open-Air Veranstaltungen plant, bis hin zum Theater Partout in Lübeck. Obwohl er nicht weiß, wann er die Premiere spielen darf: um nicht aus der Übung zu kommen, wird bei Uli Sandau, Schauspieler und Leiter des Theater Partout in Lübeck, regelmäßig geprobt: "Wir treffen uns noch einmal im Monat, um das Stück am Laufen zu halten, das was immer noch drauf wartet die Premiere zu erleben. Und wir sind auch schon dabei, für das Chanson-Programm 'Der Wind hat mir ein Lied erzählt' die wichtigen Weichen zu stellen, in der Hoffnung, dass wir das dann auch im Juni vor Publikum präsentieren dürfen." Denn Sandau vermisst "seine Bühne, sein Publikum, seinen Applaus".

Vorerst bleibt beim Theater Partout in Lübeck der Vorhang zu. Genauso wie beim "Jungen Theater am Marstall in Ahrensburg" und bei den "Kieler Komödianten": Wie Uli Sandau hat auch sein Kieler Kollege Markus Dentler zu kämpfen, nicht auftreten zu können: "Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben lang so lange nicht gespielt. Eigentlich hat man als Schauspieler den ganzen Kopf voller Ideen und will die natürlich präsentieren." Dennoch arbeiten sie an neuen Stücken und neuen Theaterformen, sagt Dentler.

"Take That" - Maßnahmenpaket der Bundesregierung

Die meisten freien Theater versuchen, sich mit dem Fonds Darstellende Künste von der Bundesregierung für Kultur und Medien über Wasser zu halten. "Take That" heißt das Maßnahmenpaket und hat viele Vorteile, sagt Stephan Schlafke: "Dass wir sozusagen die Möglichkeit hatten, bei diesen Projekten Produktionszeiträume gefördert zu bekommen. Das heißt es geht nicht darum, dass die Premiere fertig ist, sondern man kann sein Stück durchaus so vorbereiten, dass man dann nur noch den letzten Probenzyklus und die Premiere außerhalb dieses Förderzeitraums hat. Normalerweise sind solche Förderungen immer an die Premiere gebunden und die ist natürlich unter Corona-Bedingungen nie zu definieren."

Alle warten sehnsüchtig auf den Startschuss: vom Theater Partout in Lübeck bis zu Puppenspielerin Birgit Schuster auf Rügen. Die Hoffnung, bald wieder öffnen zur dürfen, haben die meisten noch lange nicht aufgegeben. "Es ist eine Zeit, die ein Umdenken erfordert, die zum Innehalten zwingt, aber die das Planen nicht zunichte macht", sagt Uli Sandau.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 11.02.2021 | 19:00 Uhr

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