Ortwin Renn © picture alliance / dpa Foto: Peter-Paul Weiler

Corona: Omikron, steigende Inzidenzen - keine Perspektive?

Stand: 29.11.2021 17:50 Uhr

Die Corona-Inzidenzen steigen, und die ersten Fälle der neuartigen Virus-Variante Omikron wurden in Deutschland nachgewiesen. Wie wirkt sich diese unwägbare Situation auf uns als Gesellschaft aus? Fragen an den Risikoforscher Ortwin Renn.

Herr Renn, mit der Virus-Variante Omikron haben wir einen neuen Unsicherheitsfaktor: Wie ansteckend sie ist und ob unsere Impfstoffe hier den gleichen Schutz bieten, ist noch nicht geklärt. Was machen diese Ungewissheiten mit uns?

Ortwin Renn: Sie verunsichern und sie zeigen, dass man diese Ankündigung, die Corona-Welle sei vorbei und wir könnten wieder zur Normalität zurückkehren, verfrüht war. Es macht für die Menschen auch eine gewisse Zermürbung aus, weil es erstmal nur ein halbes Jahr war, dann ein Jahr, jetzt zwei Jahre, und bald gehen wir schon ins dritte Jahr hinein. Man merkt, dass der Virus doch ein Dauerbegleiter geworden ist, und das schafft noch mal neue Herausforderungen.

Mittlerweile ist kaum einer noch sicher, ob es überhaupt ein "Danach" jemals geben wird. Wie verändert so eine langfristige Unsicherheit eine Gesellschaft?

Renn: Wir hatten in Deutschland immer das Gefühl, dass diese großen globalen Bedrohungen an uns vorbeigehen. Es gab früher auch schon viele Epidemien - bei uns hat das aber nie große Auswirkungen gehabt. Und jetzt ist uns deutlich geworden, dass wir genauso verwundbar sind wie andere und dass uns diese Epidemien oder Pandemien auch treffen können. Ich bin mir sicher, dass auch diese Pandemie vorbeigehen wird. Aber es könnten wieder andere Bedrohungen kommen oder neue Pandemien auftauchen. Wir sind insgesamt weltweit stärker vernetzt, und egal, wo es passiert, kann es Auswirkungen auf uns haben. Und die können uns alle bis ins Mark treffen.

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Ein Mann hält ein Smartphone und einen positiven Coronavirus-Schnelltest in der Hand. Auf dem schwarzen  Display des Smartphones steht in roter Schrift: Testergebnis positiv Omikron. © picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

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Das Statistische Bundesamt hat heute auch noch bekanntgegeben, dass die Inflationsrate im November wohl erstmals seit 1992 bei mehr als fünf Prozent liegt. Zur Sorge um Leib und Leben gesellt sich jetzt also auch noch die Angst vor Armut hinzu. Wie verändert so eine weitere Bedrohung das Risikoempfinden?

Renn: Wir haben schon im letzten Jahr gemerkt, dass es nicht nur um Gesundheit geht, sondern dass es um Verhältnismäßigkeit geht. Das nimmt die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und psychologischen Aspekte mit ins Kalkül auf. Das macht die Politik viel schwieriger, wenn man nur auf Gesundheitsschutz aus ist. Das war in der ersten Welle richtig und notwendig. Jetzt merken wir in der vierten Welle im besonderen Maße, dass auch andere Dinge, die wir wertschätzen, in Mitleidenschaft gezogen werden und dass wird da zwischen Zielkonflikten besser navigieren müssen. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, weil es darum geht, wie viele Tote wir im schlimmsten Falle in Kauf nehmen, um beispielsweise das wirtschaftliche Leben in Gang zu halten. Auch das kann zu großer Leiderfahrung führen, wenn wir das nicht tun. Das ist eine große Aufgabe von Politik und Gesellschaft, diese schwierigen Entscheidungsfragen beherzt anzugehen und sie nicht einfach vorneweg zu schieben.

Momentan macht die Politik keinen besonders souveränen Eindruck. Sie sind Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, die am Wochenende in einer Ad-hoc-Stellungnahme konsequente Maßnahmen gefordert hat. Haben Sie da auch unterzeichnet?

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Renn: Ich war nicht in der Arbeitsgruppe mit dabei, aber ich möchte diesen Aufruf voll unterstützen. Im Moment haben wir exponentielle Zahlen nach oben, und die können wir nur brechen, indem man die Welle unterbricht. Wenn wir da keine beherzten Maßnahmen ergreifen, geht dieser exponentielle Wachstumsprozess immer weiter. Dann können wir gar nicht mehr zwischen Zielkonflikten entscheiden, weil dann alles von selber nur in eine Richtung gehen kann. Ich glaube, wir sind jetzt an einem Zeitpunkt, wo wir tatsächlich schärfere Maßnahmen für alle treffen müssen - und da müssen wir zwischen Geimpften und Ungeimpften gar nicht mehr trennen. Der Ausbreitungsweg muss jetzt reduziert werden.

Eine der Forderungen ist die nach der Reduzierung der Kontakte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat noch einmal eindringlich dazu aufgerufen, die Bürger mögen sich bitte freiwillig beschränken, um einen Lockdown zu verhindern. Was nützen derartige Appelle aus Ihrer Sicht?

Renn: Es gibt Länder, in denen das viel nützt. In Schweden beispielsweise haben wir im Moment überhaupt keine großen Inzidenzzahlen, weil da die Freiwilligkeit tatsächlich genützt hat. Da musste man nicht zu stärkeren Maßnahmen greifen. Ich sehe das für Deutschland leider noch nicht so. Es wäre schön, wenn wir das auf dieser Basis der Freiwilligkeit auch machen könnten. Aber wenn diese Freiwilligkeit sich nicht durchsetzt, weil sich viele nicht daran halten, dann muss es eben auch gesetzlich gemacht werden.

Ein Hauptproblem ist die geringe Impfbereitschaft in Deutschland. Da sind nicht nur Corona-Leugner unter den Impfunwilligen, sondern auch Menschen, die Angst vor möglichen Auswirkungen haben. Und das, obwohl eine potenzielle Erkrankung mehr Gefahren birgt. Sie haben sich mit dem Risikoparadox auseinandergesetzt, mit der Frage, warum wir uns oft vor dem Falschen fürchten. Woran liegt das?

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Renn: Es liegt daran, dass wir häufig Schwierigkeiten haben, diese statistischen Zahlen richtig zu interpretieren. Impfungen haben auch Nebenwirkungen, wie auch Arzneien Nebenwirkungen haben - die stehen aber in keinem Verhältnis zu den Auswirkungen, wenn man sich nicht impfen lässt. Das ist etwas, das man immer miteinander vergleichen muss. Auch in der Impfkommission oder bei all den Empfehlungen, die von europäischen Behörden oder von Weltbehörden gemacht werden, wird immer erst geprüft, ob die Nebenwirkungen wesentlich geringer sind als das, was man mit der Impfung erreichen kann. Und nur dann werden sie überhaupt zugelassen. Das muss noch deutlicher kommuniziert werden. Es ist also nicht so, dass die Nebenwirkungen übersehen würden oder dass man sie geringschätzt, sondern das wird genau geprüft und aufgrund dieser Prüfung wird erst die Empfehlung ausgesprochen. Eine Impfung ist immer die bessere Lösung, solange sie zugelassen ist. Da tut man mehr für seine Gesundheit und für die Gesundheit der Gesamtheit.

Sie forschen mit Ihrem Institut Dialogik auch zu Kommunikations- und Partizipationsstrategien. Wie beurteilen Sie im Großen und Ganzen die Kommunikation in der Krise von politischer und wissenschaftlicher Seite?

Renn: Auch in unserem Hauptinstitut in Potsdam, wo ich Direktor bin, arbeitet man genau auf diesem Gebiet: Was kann man besser tun im Bereich der Kommunikation, aber auch der Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger an diesen Maßnahmen? Es gibt zum Beispiel einen Bürgerrat in Baden-Württemberg, also Bürger, die zufällig gezogen worden sind und die die Landesregierung beraten, wie man dort besser vorgeht. Das halte ich für ein gutes Vorgehen, weil dadurch den Leuten klar wird, was eigentlich die Optionen sind. Sie können dann ihre Mitbürger und Mitbürgerinnen beraten, und das hat oft mehr Gewicht, als wenn das von irgendwelchen Fachleuten käme.

Die Kommunikation müsste sehr viel eindeutiger sein - nicht in dem Sinne, dass man die Unsicherheiten verschweigt, aber dass man die Bandbreite der Interpretation, die wissenschaftlich noch zulässig ist, nicht überschreitet. Und dass man da auch eine ziemlich gerade Linie fährt.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.11.2021 | 18:00 Uhr

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