Stand: 29.06.2020 18:18 Uhr  - NDR Kultur

Corona: "Es gibt eine neue Unruhe in der Gesellschaft"

Welche Auswirkungen wird Corona langfristig für die Menschheit, für Europa, für Deutschland haben? Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hatte am Montag ins Schloss Bellevue zu einer Expertenrunde eingeladen. Im Rahmen der Reihe "Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie" wurde diskutiert über die Frage: "Testfall Corona - Wie geht es unserer Demokratie?" Mit dabei war auch der Soziologe Heinz Bude.

Herr Bude, war das eine lohnende Diskussionsrunde?

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Heinz Bude lehrt an der Uni Kassel Makrosoziologie.

Heinz Bude: Ich glaube schon, dass es eine lohnende Diskussionsrunde war, weil sie einen Rückblick auf die ganze Shutdown-Situation geworfen hat und was das eigentlich für Folgen für das demokratische Selbstverständnis in der Bundesrepublik mit sich gebracht hat. Es war die einhellige Meinung der Anwesenden, dass dieser Shutdown und die beträchtlichen Eingriffe in das persönliche Leben nicht so sehr Ausdruck eines neuen absolutistischen Staatsverständnisses gewesen seien, sondern eher eine Bekräftigung unserer demokratischen Verfassung. Gleichzeitig ist deutlich geworden, dass der Staat wieder eine große Handlungsmacht als gestaltender Staat bekommen hat und in gewisser Weise den Optimismus demütig gedämpft hat, dass die Zivilgesellschaft von sich heraus in der Lage hätte sein können, das alles hinzukriegen.

Die einen standen auf den Balkonen, haben geklatscht und gesungen - die anderen waren unzufrieden: Grundrechte wurden in Demonstrationen eingefordert, die Menschen fühlten sich von der Politik bevormundet, von den Maßnahmen über Gebühr eingeschränkt. Was ist in dieser Zeit in Deutschland passiert?

Bude: Die Deutung war, dass das das Ergebnis der Öffnungsmaßnahmen gewesen ist. Der Shutdown war ein vergleichsweise heroischer Akt, wo es eine hohe Mitmach- und Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung gegeben hat. Die Kritiken fanden erst statt, als die Isolationsmüdigkeit manifest geworden ist und die Perspektive der Beendigung des Ganzen existierte. Das wäre auch meine Interpretation. Sie haben vollkommen recht - es gibt eine neue Unruhe in der Gesellschaft. Aber sie ist erst aufgetreten, als eine Öffnungsperspektive da war. Das wird uns noch eine Zeitlang begleiten; die Sache ist demokratisch noch nicht ausgestanden.

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Ist Corona ein Testfall für die Demokratie? Zu welchem Ergebnis kam die Runde?

Bude: Die Runde kam zu dem Ergebnis, dass es einen gestaltungsfähigen Staat hervorgebracht hat, der viel flexibler war, als man das erwarten konnte. Das Ergebnis war, dass die Eindämmungsstrategie sehr erfolgreich gewesen ist, aber die eigentlichen Herausforderungen jetzt erst auf uns zukommen. Wir sehen, dass die Lockerung regional zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt hat, und da ist das Besteck, wie man mit großer Legitimität darauf reagieren kann, noch gar nicht da.

Corona hat vieles in der Gesellschaft verändert - Stichwort Homeoffice und Homeschooling. Wird die Arbeitswelt, das Leben zu Hause, die Trennung zwischen Familienleben und Arbeitswelt neu ausgelotet?

Bude: Da gibt es in der Tat zum Teil berechtigte Befürchtungen. In den Schulen ist es eine interessante Frage, wie man bestimmte Elemente des Homeschoolings, die sich als positiv bewährt haben, erhalten kann, wenn man wieder zu einem Präsenzunterricht zurückkehrt. Da wird auf die Institutionen einiges zukommen. Für die Familien stellt sich die große Frage: Wie kann man wieder ein relativ normales Verhältnis in der Generationenfolge einüben? Wir haben in der Bundesrepublik die demografische Tendenz, dass es sehr viel mehr Großeltern gibt als noch vor 60, 70 Jahren. Die Enkel-Großeltern-Kommunikation ist in unserer modernen Entwicklung der neueren Sozialgeschichte immer wichtiger geworden. Und die hat jetzt einen Knacks gekriegt. Die Frage ist, wie das wiederbelebt werden kann, ohne dass so eine Angstdimension dabei im Hintergrund steht.

Es ist meiner Ansicht nach etwas überdramatisiert worden, dass es eine Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses gegeben hat. Wichtiger scheint mir zu sein, dass es eine andere Stresssituation für die Mütter gegeben hat, dass sie bei steigender Erwerbstätigkeit gleichzeitig eine Intensivierung der Sorgearbeit erleben mussten, also zu Lehrerinnen werden mussten. Das ist auch etwas, was Folgen haben wird, die noch nicht richtig abzuschätzen sind, auch im Sinne einer Wiederherstellung einer innerfamiliären Geschlechtergerechtigkeit.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Heinz Bude © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.06.2020 | 19:00 Uhr

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