Stand: 17.08.2020 14:15 Uhr

Braker machen ihr Plüschkino wieder flott

von Gerhard Snitjer

Überall im Land kämpfen in der Corona-Krise die Kinos um ihre Existenz. In Brake, der Kreisstadt in der Wesermarsch, soll zum nächsten Jahreswechsel eines wiedereröffnet werden. Schon das ist bemerkenswert. Aber noch bemerkenswerter ist, dass für die Sanierung und den Betrieb des "Centraltheaters Brake" eigens eine Kulturgenossenschaft gegründet wurde, deren Mitglieder Geld und Eigenarbeit in das Projekt stecken. Es geht letztlich auch nicht nur um Filmvorführungen, sondern um Kulturveranstaltungen aller Art.

Ein Neonschild mit der Aufschrift "Kino" © imago images / imagebroker
Viele Kinos kämpfen seit der Corona-Krise um ihre Existenz (Symbolbild).

Der Saal soll wieder so aussehen wie auf dem großformatigen Farbfoto, das im Arbeitstrubel an einer Wand lehnt, als sollte es den freiwilligen Helferinnen und Helfern Mut machen. Auf dem Bild ein nostalgisch-rot-plüschiger Kinosaal, in der Gegenwart eine Baustelle mit rohen Wänden und ohne Mobiliar.

Brakerinnen und Braker machen sich hier ehrenamtlich für ihr Veranstaltungshaus stark. Das Centraltheater Brake soll eine Zukunft bekommen. Seine Vergangenheit ist lang und wechselvoll, von der Kutschenremise eines Hotels vor mehr als 200 Jahren bis zu einem der sogenannten "Servicekinos" der 1970er-Jahre, erzählt Norbert Ostendorf, der Vorsitzende der Kulturgenossenschaft: "Man saß an Tischen und hatte da auch so ein Knöpfchen. Wenn man das drückte, kam jemand zum Bedienen. Dieses Ambiente wollen wir wieder erschaffen."

"Richtig schön und gemütlich"

Seit vor 13 Jahren der letzte Pächter ging, versuchen Stadtverwaltung und Bürger in Brake, das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude wieder mit Leben zu füllen. Ostendorf, zunächst noch als Angestellter der Stadt Brake, organisierte Kino- und Theaterabende, Lesungen, Comedy und Konzerte. "Wenn Bands kamen, haben die oft als erstes ihr Handy gezückt, um ein Foto zu machen", erzählt Ostendorf. "Es ist halt ein altes Plüschkino. Richtig schön und gemütlich."

Kulturgenossenschaft als neues Betreibermodell

Das Publikum kam aus dem ganzen Umland - etwa aus Oldenburg, Cuxhaven oder Syke. Bis zum 31. März 2016 lief das Kino, dann erlosch die befristete Betriebserlaubnis und es wurde Abschied gefeiert mit einem Heinz-Erhardt-Abend. Zum dem Zeitpunkt hatten umtriebige Braker Bürger unter Leitung von Ostendorf schon einen mutigen Schritt zu einem neuen Betreibermodell vollzogen. Sie gründeten etwas, das es zuvor hier im Norden noch gar nicht gab: eine Kulturgenossenschaft, mit Ostendorf als Chef. "Man konnte vorher keine Kulturgenossenschaften gründen", erinnert sich Ostendorf. "Das Gesetz ist glaube ich drei Jahre vorher geändert worden und da hat sich noch keiner rangetraut. Und wir waren dann die ersten in diesem Beritt."

400 Personen und Firmen halten Anteile

Brake an der Unterweser als Vorreiter - das hat man nicht oft. Aber hier wurden jetzt Nägel mit Köpfen gemacht. Weit über 400 Personen und Firmen kauften Genossenschaftsanteile à 100 Euro. Das war schon mal ein Anfang. Die weitere Finanzierung lief über Fördermittel der Filmförderungsanstalt und der EU sowie über einen Betriebskostenzuschuss der Stadt. So konnten die Arbeiten beginnen: Der gesamte Dachstuhl wurde mittlerweile ausgetauscht und eine neue Belüftungsanlage installiert.

Einen Veranstaltungsraum in dieser Größe, für fast 200 Personen, gibt es in der Gegend sonst nicht - und darum setzen sich so viele Menschen für den Fortbestand ein. Norbert Ostendorf vergleicht noch einmal das historische Foto mit dem Ist-Zustand. Viel ist schon geschafft. Etwa der Bühnenrahmen, der wieder so aussieht wie das Original. Mit etwas Glück und wenn das Bauamt des Landkreises Wesermarsch zügig grünes Licht gibt, kann das Centraltheater Brake ungefähr zum Jahreswechsel wieder öffnen. Dass es zu dem Zeitpunkt immer noch Corona-Auflagen für Veranstaltungen geben wird, ist zu erwarten. Aber die Braker haben dann trotz allem mit viel Herzblut und Eigenarbeit einen Kulturort in ihrer Stadt gerettet.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.08.2020 | 06:40 Uhr