Biograf über Heinrich Schliemann: "Er hat stark manipuliert"

Stand: 06.01.2022 16:02 Uhr

Vor 200 Jahren erblickte im mecklenburgischen Neubukow Heinrich Schliemann das Licht der Welt. Aus dem Kind wurde ein reicher Kaufmann und aus dem Handelsreisenden ein erfolgreicher Hobby-Archäologe. Frank Vorpahl gehört zu den Schliemann-Kennern, die ihn eher kritisch sehen.

Porträt von Heinrich Schliemann © Heritage-Images/Fine Art Images
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Herr Vorpahl, wie kommt ein in der mecklenburgischen Provinz geborener Pastorensohn zu jener Zeit auf die große Weltbühne?

Frank Vorpahl: Ich glaube, aus der Not heraus. Heinrich Schliemann wächst auf in Ankershagen in Mecklenburg, sein Vater ist Pastor - aber keiner, wie er im Buche steht, sondern einer, der gern trinkt und sich die Mägde ins Bett holt. Die Dorfgemeinde protestiert gegen den, es gibt Demonstrationszüge, die Kirche bleibt leer. Heinrich Schliemann leidet darunter, darf es aber nicht sagen. Vor allen Dingen fehlt irgendwann das Geld, damit dieses kluge Kind aufs Gymnasium gehen kann. Also muss er sich mit 14 Jahren als Krämergeselle in Fürstenberg an der Havel verdingen. Er will aber da raus, hat auch das Zeug dazu und geht über Hamburg, Amsterdam und Russland in den Goldrausch nach Sacramento. Da merkt er, dass er mehr kann. Aber der Urinstinkt ist: Ich will raus aus dieser prekären Situation in Mecklenburg.

Kommt daher auch dieser Drang dazu, besonders dick aufzutragen? Ob er Troja tatsächlich selbst entdeckt hat, ist bis heute mindestens strittig. Und dass der "Schatz des Priamos", den er gefunden hat, nichts mit Priamos, und der "Schatz des Agamemnon" nichts mit Agamemnon zu tun hat, gilt mittlerweile als gesichert. War Schliemann ein Münchhausen der Archäologie?

Buchtipp

"Schliemann und das Gold von Troja - Mythos und Wirklichkeit"
von Frank Vorpahl
Verlag: Galiani-Berlin
Seiten: 368 Seiten
ISBN: 978-3-86971-245-1
Preis: 24,00 Euro

Vorpahl: Heinrich Schliemann hat stark manipuliert, das muss man wohl sagen. Der "Schatz des Priamos" hat nichts mit dem König Priamos, den Homer in seinen Epen beschreibt, zu tun. Die "Maske des Agamemnon" hat nichts mit Agamemnon zu tun. Das, was er findet, ist über tausend Jahre älter. Schliemann gründet schon in Sacramento eine Bank und macht Geld. Später ist er an der Börse und lernt in Informationsnetzen zu forschen, zu analysieren. Er ist ein guter Analytiker, hat sichere Instinkte und merkt: Wenn man genügend Informationen sammelt, kann man was daraus machen. Man kann auch selber Informationen einspeisen - und die müssen nicht immer der Wahrheit entsprechen. Heute funktioniert die Börse immer noch so. Und so wie mit der Börse geht er auch mit archäologischen Informationen um. Heute wäre er wahrscheinlich Twitter-König, inklusive Fake News. So etwas funktioniert ja, und das hat bei Schliemann auch schon funktioniert. Er begreift das und nutzt das dann.

Es soll 17 Sprachen gekonnt haben - war er ein verkanntes Genie?

Vorpahl: Genie bedeutet ja vor allen Dingen Fleiß. Ich habe für mein Buch in einer Bibliothek in Athen recherchiert, wo hunderttausende Dokumente von Schliemann liegen: Notizbücher, Tagebücher und unter anderem Übungsbücher in Arabisch. Er hat mehrfach die arabische Welt bereits. Das sind hunderte Seiten mit arabischer Schrift. Schliemann wollte immer die Sprache des Landes lernen, in dem er sich aufhielt, und hat auch ein eigenes Methodenbuch dazu geschrieben. Er war auf jeden Fall ein polyglottes Wunderkind, konnte mit Sprachen wunderbar umgehen - aber es war vor allen Dingen Fleiß, das sieht man in seinem Nachlass: Er übt und übt und übt.

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Schliemann hat im 19. Jahrhundert Archäologie betrieben, wie man sie heute nicht mehr betreibt. Da ist zum Beispiel viel auf der Schutthalde gelandet oder geraubt worden. Aber war das nicht seinerzeit State of the Art? Kann man ihm heute wirklich einen Vorwurf draus machen? Denn es wird jetzt ordentlich an seinem Denkmal gerüttelt.

Vorpahl: Das ist die Frage: Ist die Legitimität von damals die Legitimität von heute? Heute fragen wir nach der Herkunft der Museen, es gibt einen viel stärkeren Blick auf die postkolonialen Bezüge: Wie sind unsere Museen zustande gekommen? Und da gucken wir natürlich anders auf Schliemann - ich glaube, auch mit Recht. Wenn das Meiste illegal hierhergekommen ist, wenn andere Regionen leergeräumt wurden, sich bei uns aber vieles stapelt und oft nicht besonders gut verwahrt wird, weil das Geld fehlt, dann stellen sich solche Fragen. Bei Schliemann kann man das eindeutig sehen: In der Regel versucht er eine illegale Ausfuhr. Kurz vor seinem Tod ist er am Nil unterwegs, findet den "Kopf der Kleopatra", der nichts mit Kleopatra zu tun hat. Stattdessen ist es eine griechische Skulptur, die 800 Jahre später von den Römern kopiert wurde. Aber auch diese Skulptur, von der er meint, sie sei wertvoll, schmuggelt er außer Landes. Schliemann ist schon ein ganz besonders cleverer Schmuggler.

Sollte man also genau durchgucken, was Schliemann alles angeschleppt hat und es womöglich restituieren?

Vorpahl: Es gibt ja das Troja-Museum in der Nähe von Çanakkale, und auch in Istanbul gibt es eine Troja-Ausstellung. Dort wird behauptet, das Gold aus Troja sei illegal außer Landes gebracht worden, und sie fordern das zurück. Sie haben auch osmanische Akten, wie Schliemann vom osmanischen Polizeidienst überwacht wurde. Das ist eine lückenlose Aneinanderreihung von Klageschriften gegen Schliemann, obwohl Schliemanns Prozess damals in einem Vergleich geendet hat, und der "Schatz des Priamos" an die Türken bezahlt wurde. Aber trotzdem stellen sich heute solche Fragen. Aus anderen Ländern - aus der Türkei, aus Griechenland, aus Russland - guckt man anders auf Schliemann als die Deutschen, die sagen, dass Schliemann ihnen den "Schatz des Priamos" geschenkt hat. So sei das Völkerrecht und Punkt. So sehen es die anderen nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.01.2022 | 18:00 Uhr

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