Stand: 18.05.2017 14:22 Uhr

Andres Veiel entdeckt Neues von Joseph Beuys

Ruhig war es selten um den Künstler Joseph Beuys. Er mischte die Kunstszene auf und provozierte damit die Gesellschaft: "Den Staat ausschalten, das ist die Idee von Kunst", sagte er einmal. Für ihn war jeder Mensch ein Künstler, der an der sozialen Plastik Gesellschaft mitarbeite. Ein oft missverstandener Satz. Auch 31 Jahre nach Beuys Tod konnte der Autor und Regisseur Andres Veiel ("Black Box BRD") für seinen Dokumentarfilm "Beuys" noch viel über den Künstler herausfinden.

Herr Veiel, die RAF, Gewalt in der Provinz, die Schauspielschule Ernst Busch als Erziehungs- und Machtsystem oder die Deutsche Bank sind Themen, die Sie in letzter Zeit in Filmen, Büchern und Theaterprojekten seziert und unter die Lupe genommen haben. Ihr neuer Film zeichnet in Bildern und Dokumenten das Leben des Künstlers Joseph Beuys nach. Wie passt er in diese Reihe?

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Andres Veiel zeigt in einer aufwendigen Collage das Leben des Künstlers Joseph Beuys.

Andres Veiel: Er passt da unbedingt und sehr gut rein, weil er ein Künstler ist, der immer politisch gedacht hat, der die Museumsräume aufbrechen wollte, der Themen mit seiner Kunst verbunden hat. Das fand ich sehr spannend, als ich mich wieder mit Beuys beschäftigt habe - das war vor ungefähr sechs, sieben Jahren anlässlich einer Ausstellung. Und daraus sind der Wunsch und die Notwendigkeit entstanden, diesen Film zu machen.

Nun war Beuys einer, der es durchaus verstanden hat, sich selber in Szene zu setzen. Kommt das dem Filmemacher eher entgegen oder macht es das gerade schwer, zur Persönlichkeit durchzudringen?

Veiel: Beuys war sicherlich ein Meister der Selbstinszenierung: Das fängt mit seinem Hut und der Anglerweste an, das zeigt sich auch in einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Medienpräsenz. Es ist kein Zufall, dass es über Beuys 300, 400 Stunden Material gibt: Audio, Video, Filme aller Art, unglaublich viele Fotografien. In dem Sinne war es erst einmal überwältigend, so viel Material zur Verfügung zu haben. Aber es war auch eine Herausforderung: Wie finden wir da eine stringente Erzählung, die auch zum Menschen vordringt, die nicht in der Selbstinszenierung steckenbleibt? Interessanterweise haben wir dann viel entdeckt, wenn beispielsweise ein offizielles Interview beendet war und das Band noch ein bisschen weiterlief, wo plötzlich ein Witz, Humor, Entspanntheit in zwei, drei beiläufigen Sätzen reinkam.

Wie sind Sie auf Joseph Beuys zum ersten Mal aufmerksam geworden?

Veiel: Das war schon in meinen Stuttgarter Jugendzeiten. Ich bin auf eine sehr konservative Schule gegangen, wo versucht wurde, uns das Aquarellzeichnen sehr naturalistisch beizubringen. Wir durften aus irgendwelchen Gründen die Farbe Grün nicht benutzen. Da war Beuys natürlich jemand, vor dem uns unser Kunstlehrer gewarnt hat. Das hat mich sofort interessiert.

Beuys hatte viel für die Farbe Grün übrig.

Veiel: Nicht nur für die Farbe Grün. Er hat eben nicht die Zeichnungen durch die Badewanne gezogen, damit sie noch verwaschener und weicher wurden, sondern er hat sehr genau und fein stofflich gearbeitet, mit einer unglaublichen Präzision, und wo es immer über die direkte Abbildung hinausging. Er hatte einen Zauber, einen Eigensinn in seinen Zeichnungen, hat aber darüber hinaus mit Materialien gearbeitet, die provozierend waren - besonders damals im Schwabenland. Wenn die "Fettecke" in Stuttgart auftauchen würde, war klar, dass sie sofort Opfer der schwäbischen Kehrwoche werden würde. Und gerade deshalb war er interessant; er war wichtig für uns. Wir haben angefangen, uns im Supermarkt Margarinewürfel zu beschaffen - wir haben sie mit Farbe befüllt, mit dem Bügeleisen bearbeitet. Wir haben das, was dann heruntertropfte aufgefangen und diese Bilder wieder über die Heizung gehängt. Wir haben Beuys nicht wirklich verstanden, aber wir haben ganz viel von ihm zitiert, um zu provozieren.

Also mit Beuys Rebellion gegen die Kehrwoche...

Veiel: Gegen die Kehrwoche einerseits, gleichzeitig war er für mich auch ein Schlupfwinkel, ein Entkommen aus einer politischen Auseinandersetzung, die festgefahren war. Ich meine damit die Auseinandersetzung mit der extremen Linken, gerade in Stuttgart, wo die RAF einen großen Unterstützerkreis hatte - auch Freunde von mir waren in dem Kreis drin. Ich kam mit dieser betonierten Sprache immer weniger klar. Es war der Deutsche Herbst, der sehr blutig endete mit der Ermordung von Hanns Martin Schleyer. Diese Bilder waren für mich endgültig der Auslöser, dass ich wusste, in diese Richtung kann es nicht weitergehen. Und da kam Beuys, mit seinem Humor. Und wenn etwas nicht zusammengeht, dann ist es Humor und der Dogmatismus der RAF damals.

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

Es darf über Kunst diskutiert werden

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 26. November 1965 zeigt Josef Beuys "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" und bringt die Zuschauer dazu, über Kunst nachzudenken und zu diskutieren.

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Beuys war jemand, der in seiner Hasenhaftigkeit sehr schwer zu fassen war - aber gerade deshalb faszinierend. Und er war in dem Sinne für uns ein Pate, uns über diese engen Grenzen von Kunst, von Museum hinwegzusetzen und selbst ganz viel auszuprobieren - und insofern befreiend. Er war in dieser schwäbischen Heimat, wo die Garageneinfahrten schön betoniert und die Ligusterhecken auf 1,20 Meter heruntergeschnitten waren, in dieser anarchisch humorvollen Wesenhaftigkeit sehr horizonterweiternd. Er war ganz wichtig und er blieb auch wichtig. Er tauchte über die Jahrzehnte immer wieder von der Seite plötzlich auf, verschwand auch wieder, und erst 2006, 2007, 2008 bemerkte ich: Jetzt klopft er lauter an, jetzt muss ich die Tür öffnen und mich richtig mit ihm beschäftigen.

Joseph Beuys ist ja nun schon seit 30 Jahren tot - Sie konnten ihn also selbst nicht mehr filmen oder befragen. War das ein Problem?

Ich glaube, dass es ganz gut war, sehr frei an Beuys heranzugehen. Ich habe ihn selbst nie kennengelernt und bin dann den Weg gegangen, über diese Berge von Archivmaterial an ihn heranzutreten - und war dadurch unvoreingenommen. Natürlich war er wichtig für mich in der Jugend und ich bin sehr stark von ihm geprägt worden, aber ich wollte nicht Beweise liefern für oder gegen eine bestimmte Haltung oder These. Sondern ich habe mit sehr offener Neugierde recherchiert. Es war so ein ganz langsames Eintauchen in diese Materialien, in diese Zeitreise, auch in ein Fernsehen, was es heute nicht mehr gibt, wo Menschen rauchen, wo um 20.15 Uhr, zur besten Sendezeit die Menschen über Provokation und Kunst streiten. Es war für mich in diesem Sinne auch eine Zeitreise in etwas, was nicht mehr vorhanden ist und wo ich Beuys in diesen Zeitläuften neuentdeckt habe.

Das Gespräch führte Claudio Campagna.

Das komplette Gespräch zum Nachhören
40:20

Andres Veiel, Filmemacher

19.05.2017 13:00 Uhr
NDR Kultur

Ein klassisches Porträt hat Andres Veiel mit seinem Film BEUYS nicht geschaffen. Vielmehr erzählt der Regisseur in einer aufwendigen Collage das Leben von Joseph Beuys. Audio (40:20 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 19.05.2017 | 13:00 Uhr

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