Stand: 31.07.2018 14:45 Uhr

20 Jahre Rechtschreibreform

von Hauke Bülow

"Die neue deutsche Rechtschreibung" - so wird sie immer noch genannt, dabei ist sie gar nicht mehr so neu. Am 1. August vor 20 Jahren wurde die Reform verbindlich eingeführt - und das unter großem Protest vieler Kulturschaffender.

Man darf auch "Portmonee" statt "Portemonnaie" schreiben, man muss "Flussschifffahrt" mit drei "s" und drei "f" in der Mitte schreiben - und auch die Orthografie schreibt sich seit 1998 ohne "ph". Gegen diese Neuregelungen der deutschen Rechtschreibung hat Marcel Reich-Ranicki gerne und oft gewettert: "Weil sie im Großen und Ganzen dämlich ist. Nicht alles, was die neue Reform will, ist falsch oder schlecht. Aber doch vieles", sagte er einmal.

Kritik an hohen Kosten und Aufwand

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Er forderte vehement den Stopp der Rechtschreibreform: der Schriftsteller Günter Grass.

Mit dieser Meinung steht der vor fünf Jahren verstorbene Literaturkritiker nicht alleine da. In der sogenannten Frankfurter Erklärung von 1996 forderten Literaten wie Günter Grass oder Siegfried Lenz sowie zahlreiche Verleger, Wissenschaftler und Kulturschaffende, die Einführung der Rechtschreibreform zu stoppen. Sie kritisierten damals unter anderem, dass die Reform Millionen von Arbeitsstunden und mehrere Milliarden D-Mark kosten würde. Sie dürfe nicht dazu führen, dass alle Schulbücher, Lexika und auch literarische Bücher neu gedruckt und zugleich alte verramscht und entsorgt werden müssten.

Mühsam Erlerntes aufgeben

Jörg-Philipp Thomsa, der Leiter des Lübecker Günter Grass-Hauses, kennt die Gründe für Grass' vehemente Ablehnung: "Man darf nicht vergessen, dass Günter Grass kriegsbedingt die Schule frühzeitig verlassen musste und keine akademische Ausbildung erhielt und sich mühsam - wie er selber sagte - die Rechtschreibung überhaupt aneignen musste. Er hatte einerseits keine Lust, sich im hohen Alter noch mal umzugewöhnen, und wollte sich nicht einengen lassen durch irgendwelche Regeln und Konventionen."

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Deutsche Rechtschreibung: Testen Sie Ihr Wissen!

01.08.2018 05:00 Uhr
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20 Jahre Rechtschreibreform: Vor zwei Jahrzehnten trat die große Rechtschreibreform in Kraft. Sind Sie fit in der deutschen Rechtschreibung? Testen Sie Ihr Wissen im Quiz! Quiz

"Macht doch, was ihr wollt!"

Heute, 20 Jahre nach der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung, erscheinen noch immer sämtliche Werke von Günter Grass in der alten Schreibweise. Auch der Verleger und Anführer der Protestbewegung gegen die Reform, Matthias Dräger aus Lübeck, setzt in seinem Reichl-Verlag weiter auf die klassische Rechtschreibung. "Die herkömmliche Orthografie ist die beste Orthografie, die wir je in Europa gehabt haben", ist er überzeugt. "Das Einzige, was man mit der Rechtschreibreform erreicht hat: Ein geordneter Rechtschreibunterricht ist praktisch in der Schule heute nicht mehr möglich. Das hätte man auch einfacher haben können. Man hätte auch sagen können: Macht doch, was ihr wollt!"

Volksabstimmung in Schleswig-Holstein

Dräger war es, der vor 20 Jahren mit der Initiative "Wir gegen die Rechtschreibreform" einen bundesweit einmaligen Erfolg feiert. Denn obwohl das Bundesverfassungsgericht die Reform im Juli 1998 für rechtens erklärt hatte, musste sie in Schleswig-Holstein kurz nach der Einführung im August 1998 schon Ende September wieder zurückgenommen werden. Per Volksabstimmung sprachen sich die Schleswig-Holsteiner mehrheitlich für die Wiedereinführung der alten Rechtschreibung aus.

"Untergang des Abendlandes"

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Für Gisela Böhrk (SPD) bedeutet die Volksabstimmung zur Rechtschreibreform das Ende ihres Amtes als Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

Für die damalige Landesbildungsministerin Gisela Böhrk (SPD) war das eine historische Niederlage: "Es hatte irgendwie etwas von Kulturkampf, als wenn der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevorstünde, wurde dann die alte Schreibweise verteidigt", erinnert sie sich. Böhrk stolpert über das Ergebnis der Volksabstimmung: Sie muss als Verfechterin der neuen Rechtschreibung ihr Amt in der Kieler Landesregierung räumen. Noch heute plädiert sie dafür, "dass da ein bisschen mehr Toleranz gewahrt wird und ein bisschen mehr darauf geguckt wird, was gesprochen wird und nicht, wie es geschrieben wird. Also auf Inhalte zu achten statt auf Formalien."

Nur knapp ein Jahr nach ihrem Abgang aus der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung hebt der Kieler Landtag das Volksgesetz zur Rechtschreibung wieder auf - seitdem gilt im gesamten deutschsprachigen Raum die "neue deutsche Rechtschreibung".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.08.2018 | 07:20 Uhr

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