Stand: 20.07.2020 11:10 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Pest bis Corona: Der Kampf der Menschheit gegen Seuchen

von Stefanie Grossmann, NDR.de
Hygiene und sauberes Trinkwasser wurden schon früh als wirksamer Schutz vor Infektionen identifiziert. Während der Cholera wurde in Hamburg 1892 etwa kostenlos Quellwasser ausgegeben.

Pest, Cholera, Spanische Grippe: In der Geschichte Europas gab es schon etliche Pandemien vor Corona. Die Seuchenbekämpfung ist dabei seit jeher und auch noch heute vor allem ein Wettlauf gegen die Zeit: Neben der fieberhaften Suche nach einem Impfstoff und Medikamenten versuchen Staaten seit Jahrhunderten, die Ausbreitung von Viren und Bakterien mit gezielten Maßnahmen einzudämmen. So kommt schon vor mehr als 650 Jahren das Mittel der Isolation ganzer Städte zum Einsatz, ebenso Maßnahmen wie Kontaktverbote, Meldepapiere, das Zählen von Kranken und Todesopfern, Schutzkleidung - und später auch wirksame Hygienemaßnahmen. Vieles, was Forscher vor Jahrhunderten entwickelt haben, ist noch immer Standard in der Bekämpfung von Seuchen.

Als Inbegriff der Seuche gilt die Pest, die im 14. Jahrhundert in Europa wütet und mehr als 20 Millionen Menschen dahinrafft. Der "Schwarze Tod" ist eine der schwersten Pandemien, gegen die es lange kein Mittel gibt. Und was die Ursache betrifft, die zum Ausbruch der Infektionskrankheit geführt hatte, tappen Mediziner viele Jahrhunderte im Dunkeln.

"Schwarzer Tod": Menschen verlieren Kampf gegen die Pest

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Rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung ist im 14. Jahrhundert an der Pest gestorben. Dargestellt ist das Leiden später etwa in einer Wachsplastik von Gaetano Giulio Zumbo.

Zwar versuchen Menschen schon damals, sich mit Tüchern und Ärzte mit Masken vor dem Mund zu schützen - beides bleibt jedoch ohne Wirkung. In Marseille schirmen sich Pest-Ärzte Anfang des 18. Jahrhunderts mit langen Lederkleidern, Handschuhen und Gesichtsmasken mit Schnabel ab. Mit Gewürzen und Kräutern in Räucherpfannen, Essigwasser-Waschungen und dem Abbrennen ganzer Städte versuchen die Menschen, der ihnen unbekannten Seuche Herr zu werden. Doch erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt der Schweizer Arzt Alexandre Yersin den Pest-Erreger, und erst 1942 kommt mit dem Wirkstoff Penicillin, entdeckt vom Briten Alexander Fleming, das erste Antibiotikum gegen Bakterien auf den Markt.

Abschottung im Mittelalter: Italien als Vorreiter im Umgang mit Seuchen

Im Mittelalter verhalten sich die Italiener vorbildlich in der Seuchenbekämpung: Im Kampf gegen die Pest führen sie die Methode des Abriegelns ein - 1374 dürfen die Menschen aus der Stadt Reggio nell'Emilia weder hinein noch heraus. In Venedig stellen die Regierenden einen "pass a porto" aus: Mit diesem Ausweis gelingt es, den Verkehr von Personen und Waren zu kontrollieren. Pestverdächtige Ankömmlinge und Schiffe müssen in Quarantäne. 1423 entsteht in der Lagunenstadt im Kloster Nazareth außerdem das erste Pestkrankenhaus auf einer Insel, um Kranke gezielt zu isolieren zu können.

Statistik als Mittel der Einschätzung

Die Italiener sind es auch, die statistisch denken und die Todesopfer zählen. So können sie Rückschlüsse ziehen, ob es sich bei einem Krankheitsausbruch lediglich um eine kurzfristige Anhäufung oder gar eine Seuche handelt. Dieses Verfahren gilt bis heute als Standard - auch wenn es darum geht, die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung zu beurteilen.

Deutschland beschließt 1400 erstes Seuchengesetz

Im Mittelalter entstehen auch im Norden die ersten Pesthäuser, um Erkrankte zu isolieren: 1473 in Braunschweig und 1495 in Celle. Darüber hinaus dürfen in Deutschland an Pest Erkrankte keinen Kontakt zu anderen Menschen haben. Gesunden ist es phasenweise verboten, in Kirchen, auf Märkte und auf Feste zu gehen. Das erste Gesetz zur Seuchenbekämpfung entsteht 1400 im damals zu Deutschland gehörenden Basel. Es sieht unter anderem vor, dass Händler, die mit dem Pesterreger oder anderen ansteckenden Krankheiten infiziert sind, keine Nahrungsmittel verkaufen dürfen.

Quarantäne und Kontaktverbot sollen auch Corona eindämmen

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Geisterstadt: In Wuhan sind die Straßen während der Quarantäne fast menschenleer.

Diese Formen der Seuchenkontrolle gelten als beispielhaft in der Medizingeschichte - und finden bis heute Anwendung, wie zum Beispiel in der Abschottung ganzer Viertel, Städte, Regionen und Länder zu Beginn der Corona-Pandemie. Anfang dieses Jahres riegeln die Chinesen wegen der massiven Ausbreitung von Infektionen mit Covid-19 die Stadt Wuhan und die angrenzende Region Hubei ab. Rund elf Millionen Bürger leben über Wochen in Quarantäne, in Rekordzeit entstehen dort zwei Krankenhäuser mit rund 1.000 Betten für Infizierte mit dem Coronavirus. Auch europäische Länder übernehmen in der Folge die strengen Quarantäne-Maßnahmen, in Italien, Frankreich und Spanien etwa gelten für Wochen Ausgangssperren. Und auch in Norddeutschland sind die starke Einschränkung von sozialen Kontakten und Ausgangsbeschränkungen zu Beginn der Pandemie ein probates Mittel im Kampf gegen Covid-19.

Hygiene und "Lockdown": Robert Kochs Maßnahmen gegen die Cholera

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Während der Cholera-Epidemie versprühten in Hamburg Desinfektionskolonnen Karbol und Kalk in den Häusern von Infizierten.

Immer wieder haben Seuchen den Norden bis heute heimgesucht. Im 19. Jahrhundert breitet sich die Cholera über den Kontinent aus. Besonders schwer davon betroffen ist Hamburg. Im heißen Sommer 1892 bietet das warme Wasser in den Fleeten und der Elbe einen idealen Nährboden für die Ausbreitung des Erregers - besonders in den armen Viertel mit hohen Häuserfassaden, wenig Licht und frischer Luft. Viel zu spät reagiert die Stadt mit wirksamen Maßnahmen. Das Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin schickt deshalb den Bakteriologen Robert Koch nach Hamburg, um der Stadt in ihrer Not zu helfen. Dieser zeigt sich bestürzt über die dortigen Zustände: "Ich vergesse, dass ich in Europa bin." Als Ursache machte er die katastrophalen hygienischen Verhältnisse aus. Die Medizinalbehörde verteilte daraufhin Zettel mit Verhaltensregeln, Fasswagen verteilen abgekochtes Wasser, Garküchen bieten bakterienfreie Mahlzeiten an und die Häuser von Infizierten werden von Desinfektionskolonnen mit Karbol und Kalk desinfiziert. Robert Koch lässt die Schulen schließen, Handel und Verkehr kommen zum Erliegen. Die Hansestadt ist isoliert.

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Bernhard Nocht wird Hamburgs erster Hafenarzt

Hamburg zieht seine Lehren aus der Epidemie mit mehr als 8.600 Toten. Die Stadt stellt 1893 die Filtrieranlage der Wasserwerke fertig, nimmt eine Müllverbrennungsanlage in Betrieb und lässt die engen Gängeviertel sanieren. Robert Koch holt seinen Schüler Bernhard Nocht in die Hansestadt und gibt ihm einen Posten als Hafenarzt. Der Hafenärztliche Dienst soll das Einschleppen von Seuchen verhindern und kontrollieren, ob von einlaufenden Schiffen eine Infektionsgefahr ausgeht.

Spanische Grippe verbreitet sich besonders durch Matrosenaufstand

Auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen bleiben nicht verschont von Seuchen. Mit infizierten US-Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfen, kommt im Sommer 1918 die Spanische Grippe nach Europa. Und auch deutsche Soldaten bringen das Grippe-Virus als Fronturlauber oder Verwundete mit nach Deutschland. 1918 sucht die "Spanische Grippe" insbesondere Kiel heim. Kurz vor Ende des Krieges proben dort die Matrosen einen Aufstand, ein idealer Nährboden für das Grippevirus. Als der Kaiser schließlich abdankt, reisen die Seeleute in ihre Heimatorte und verteilten den Erreger im ganzen Land. Nach vier Jahren Krieg sind die Menschen ausgezehrt und anfällig. Und in den engen Straßen und Gassen von Städten, wo die Menschen dicht gedrängt beieinander wohnen, hat der Krankheitserreger besonders leichtes Spiel. Zum Beispiel in Hannovers Altstadt. Hier melden die Krankenhäuser zwischen Juni und November 1918 rund 1.300 an der "Spanischen Grippe" Infizierte. 150 Menschen überleben die Krankheit nicht.

Die Spanische Grippe in Niedersachsen

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Die Spanische Grippe war die erste große Pandemie der globalen Welt. Die amerikanischen Soldaten brachten sie 1918 an die Front. Von da aus verbreitete sie sich unaufhaltsam.

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Insgesamt sterben hierzulande 300.000 Menschen, weltweit gibt es sogar 50 Millionen Opfer der "Spanischen Grippe". "Es sind viel mehr Menschen der 'Spanischen Grippe' zum Opfer gefallen als dem Krieg selbst", sagt Oliver Gauert, Historiker und Kurator im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, der derzeit die Ausstellung "Seuchen - Fluch der Vergangenheit, Bedrohung der Zukunft" mit vorbereitet. Auch damals versuchen die Verantwortlichen, die Infektion unter anderem mit geschlossenen Schulen, Theatern und Kinos einzudämmen. Mediziner geben Hygiene-Tipps und raten dazu, Menschenansammlungen zu meiden.

Seuchenabwehr: Hoffnungschimmer durch Fortschritt

Durch Fortschritte in der Medizin und geeignete Hygienemaßnahmen ist es mittlerweile gelungen, etliche Infektionskrankheiten einzudämmen. Doch wenn es heute darum geht, neue Seuchen und Pandemien mit Verhaltensmaßregeln zurückzudrängen, greifen Experten dabei immer noch auf viele der Maßnahmen zurück, die bereits im Kampf gegen Pest und Cholera eingesetzt wurden: "Wir sind, wenn wir uns die Bekämpfungsmaßnahmen gegen Corona anschauen, im Frühjahr 2020 auf dem Stand der Frühen Neuzeit: Seuchenabwehr durch Abschließungsmaßnahmen", sagt etwa Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven. Dank neuer Technologien gibt es allerdings auch den Hoffnungsschimmer, dass Abriegelung nicht das hauptsächliche Mittel der Wahl bleiben muss. Die Corona-Warn-App zum Beispiel soll helfen, Infektionsketten leichter nachvollziehen zu können und die Ausbreitung des Virus so zu bremsen.

Suche nach Impfstoff gegen Covid-19 in Rekordzeit?

Auch die Medizin forscht an immer besseren und schnelleren Verfahren. Im Kampf gegen die Corona-Epidemie entwickeln Wissenschaftler Schnelltests und analysieren Antikörper von Genesenen, ob sie nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung immun sind. Der Kampf gegen Bakterien und Viren ist noch lange nicht zu Ende - und bleibt auch zukünftig auf der Suche nach einem Impfstoff und Medikamenten stets ein Wettlauf gegen die Zeit. Aber die Spanne dafür ist heute viel kürzer. Normalerweise dauert die Entwicklung eines neuen Impfstoffes mehrere Jahre. Im Fall des Coronavirus erwarten die Forscher bereits im Lauf des kommenden Jahres ein Vakzin gegen Covid-19.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.07.2020 | 19:30 Uhr

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