Stand: 20.04.2020 10:29 Uhr  - Unsere Geschichte

Pest, Cholera, Corona: Quarantäne im Wandel der Zeit

von Dirk Hempel
Wer in vergangenen Jahrhunderten als Verdachtsfall im Pest-Lazarett unter Quarantäne gestellt wurde, wurde in der Regel selbst Opfer der tödlichen Krankheit.

Die Angst vor der Lungenkrankheit COVID-19 infolge des Coronavirus hat das öffentliche Leben auch in Norddeutschland nach wie vor fest im Griff. Geschäfte wurden für mehrere Wochen geschlossen, Spielplätze sind verweist. Museen, Restaurants, Schwimmbäder dürfen nicht betreten werden. Viele Firmen haben ihre Angestellten ins Homeoffice geschickt. Andere wie VW stellten vorübergehend die Produktion ein. Millionen Schulkinder lernen nun zu Hause. Grenzen werden geschlossen, Urlaubsreisen verboten. Ein ganzes Land war auf Wochen dicht.

Corona-Quarantäne mit digitalen Annehmlichkeiten

Um die Verbreitung der Krankheit zu verlangsamen, müssen sich Menschen, die Kontakt zu bereits mit dem Coronavirus Infizierten hatten, in häusliche Isolation begeben - die Kranken sowieso. Quarantäne ist das Wort der Stunde.

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Manche mögen die häusliche Ruhe als wohltuende Entschleunigung empfinden. Doch die Isolation hat auch ihre Schattenseiten. Einsamkeit und Depressionen drohen. Familien mit Kindern fällt die Decke auf den Kopf. Hier und da breitet sich Angst vor Versorgungsengpässen aus. Doch solange das Internet funktioniert, das Netflix-Abo bezahlt ist und die Lieferdienste arbeiten, ist die moderne häusliche Isolierung nicht zu vergleichen mit der Quarantäne früherer Jahrhunderte.

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Beulenpest: 20 Millionen Opfer im 14. Jahrhundert

Isolation im Kampf gegen Seuchen wird erstmals 1377 im dalmatinischen Ragusa, heute Dubrovnik, im Kampf gegen die Beulenpest praktiziert. Um 1340 war die tödliche Seuche in Asien ausgebrochen, möglicherweise im heutigen Kirgisistan oder in China. Mongolische Soldaten brachten die Seuche bis ans Schwarze Meer, von dort hat sie sich über italienische Seeleute bis nach Westeuropa verbreitet. Rund 20 Millionen Menschen fallen ihr binnen 15 Jahren zum Opfer. In den kommenden Jahrzehnten bricht sie immer wieder aus, bleibt aber auf einzelne Regionen beschränkt.

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Pest eindämmen: Hafeneinfahrt verboten!

Deshalb beschließt 1377 der Rat der florierenden Handelsstadt Ragusa Schiffen, die aus einem pestverseuchten Gebiet kommen, die Einfahrt in den Hafen zu verbieten, um Gefahren von der eigenen Bevölkerung fernzuhalten – und erfindet damit ein wirkungsvolles Mittel gegen die Ausbreitung von Epidemien. Zwanzig Jahre zuvor hatte man noch ganze Städte oder Landstriche wegen der Pest vollständig abgesperrt. Mailand schloss seine Tore für zwei Jahre, Polen legte an seiner Südgrenze einen bewachten Pestkordon an. Mit den in Ragusa eingeführten Maßnahmen können Handel und Güterumschlag aber weiterlaufen, der für die Hafenstadt existentiell ist.

30 Tage Isolation auf der Felseninsel - und rigide Strafen

Die fremden Seeleute und Händler werden 30 Tage auf einer nahen Felseninsel (italienisch "Isola") festgehalten. Wenn sie keine Krankheitssymptome zeigen, den Monat überleben, darf ihr Schiff in den Hafen einlaufen und die Händler können ihre Ware verkaufen. Während dieses Monats darf niemand in ihre Nähe kommen, nur vom Rat beauftragte Menschen die Isolierten mit Essen versorgen. Bei Verstößen gegen dieses Gesetz droht den Bürgern von Ragusa eine harte Strafe: 30 Tage Isolation mit den Pestverdächtigen.

"Quarantina di giorni" wird zu Quarantäne

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Getrennt voneinander - aber auch geschützt vor Ansteckung? Zum Schutz der Bevölkerung vor Cholera kamen Schiffs-Offiziere nach ihrer Rückkehr in Marseille in Quarantäne.

Ähnliche Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung führen in diesen Jahren auch Venedig, Pisa und Genua ein. In Marseille wird die Frist 1383 auf 40 Tage verlängert. Vielleicht in Anlehnung an die biblische Zahl der Tage, die sowohl Moses als auch Jesus allein in der Wüste verbrachten. Möglicherweise leitet sie sich aber auch von der antiken Meinung ab, wie lange eine Krankheit im längsten Fall dauert. Vom Italienischen "quarantina di giorni" für "40 Tage" stammt jedenfalls die bis heute verwendete Bezeichnung Quarantäne.

Isolation von Risiko-Reiserückkehrern im "Lazareti"

Die Isolierung von Reisenden aus Risikogebieten wird mit den Jahren professionalisiert. Ragusa richtet 1397 auf der vorgelagerten Insel in einem Kloster eine regelrechte Quarantänestation ein, um mögliche Kranke zu versorgen. Später wird sogar eine große Anlage gebaut, die "Lazareti", acht Gebäude mit separaten Eingängen, eigener Wasserversorgung, damals mit Ärzten, Priestern, Pflegepersonal und strengen Regeln.

Wochenlang leben die der Seuche Verdächtigten dort hinter dicken Mauern wie im Gefängnis. Sie werden untersucht und ständig beobachtet, dürfen die Gebäude nicht verlassen. Wer gesund ist, läuft Gefahr, sich bei tatsächlich Erkrankten anzustecken. In Zeiten der Pest bedeutet das fast immer den sicheren Tod.

Kranke und Verdachtsfälle kommen auf verschiedene Inseln

Venedig trennt ab 1468 die echten Kranken von den bloßen Verdachtsfällen und bringt sie auf unterschiedlichen Inseln unter. Das Verlassen der Stationen ist bei Todesstrafe verboten. Bald gibt es in den vielen großen Hafen- und Handelsstädten Europas solche Quarantänestationen. Und noch heute arbeitet etwa der hafenärztliche Dienst in Hamburg, der die Besatzungen von aus dem Ausland einlaufenden Schiffen auf ansteckende Krankheiten kontrolliert.

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Unterwanderung der Maßnahmen führt zu Tausenden Toten

Damals schützen die rigiden Maßnahmen zwar viele Menschen vor der Pest, aber ausrotten können sie sie nicht. Denn immer wieder bestechen Kaufleute, die ihre Waren verkaufen wollen, die Kontrollbeamten, wie 1720 in Marseille. Oder Leichtsinnige überwinden heimlich die Absperrungen, wie in Hamburg zehn Jahre zuvor, als in einem Hof des Gängeviertels die Pest ausbricht. Die Bewohner werden sofort in dem Hof eingenagelt und von Soldaten bewacht. Doch die nahrhafte Kost, mit der die Kranken versorgt werden, verlockt hungrige Nachbarn, nachts über die Absperrungen zu klettern. Sie verbreiten das tödliche Bakterium in der ganzen Stadt. Fast 11.000 Menschen sterben.

Angst vor Pest und Cholera: Zwischen Schutz und Schikane

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Während der Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg brachten Pferdewagen die Erkrankten auf Quarantäne-Stationen.

Auch bei anderen ansteckenden Krankheiten wie Pocken, SARS, Schweinegrippe und Ebola ist die Quarantäne bis in die Gegenwart immer wieder das erste Mittel, zu dem Mediziner und Politiker greifen, um die Ausbreitung zu verhindern - aber auch, um Fremde zu kontrollieren. Schikane und Schutz liegen dabei dicht beieinander. Während der Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 werden Osteuropäer, die über die Hansestadt nach Amerika auswandern wollen, isoliert, weil man sie verdächtigt, die Seuche eingeschleppt zu haben. In New York müssen Einwanderer aus der Alten Welt tagelang auf der Insel Ellis Island ausharren. Und die Schweiz steckt während des Zweiten Weltkriegs Asylsuchende zunächst in Quarantänelager, bevor sie ins Land gelassen werden.

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Pandemien und verehrende Krankheitsausbrüche hat es in der Stadt schon einige gegeben - aus jeder einzelnen hat Hamburg allerdings gelernt und seine Versorgung verbessert.

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Unsere Geschichte | 22.04.2020 | 21:00 Uhr

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