Stand: 18.11.2016 07:45 Uhr

November 1946: "Spiegel" wird in Hannover geboren

von Felix Klabe
Die Sprache nach der Stunde null: Der Titel der ersten Ausgabe von "Diese Woche" zeigt André Kaminker. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er Chefdolmetscher der UNO.

16. November 1946 - nach den Bombenangriffen der Alliierten ist nicht mehr viel übrig von Hannover. Während ein Großteil der Innenstadt durch die Attacken praktisch ausradiert ist, hat das Anzeiger-Hochhaus mit seiner wuchtigen, runden Kuppel die fast 100 Angriffe der alliierten Bomberverbände auf Hannover weitestgehend unbeschadet überstanden. Im Inneren des Backsteingebäudes an der Goseriede sitzen junge Redakteure auf alten Gartenstühlen - bis zum Andruck haben sie an einem neuen Nachrichtenmagazin gearbeitet: Es heißt "Diese Woche", auf dem Titel: UNO-Chefdolmetscher André Kaminker mit ausgebreiteten Armen. An diesem Sonnabend im November 1946 halten es die Leser erstmals in der Hand - für eine Reichsmark. Sechs Ausgaben gibt es, bis das Blatt, unter ständiger Zensur der britischen Besatzungsmacht, einen deutschen Herausgeber bekommt: Rudolf Augstein, der "Diese Woche" wenige Wochen später in "Der Spiegel" umbenennt.

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Rudolf Augstein: Ein streitbarer Geist

Für seine Überzeugungen kämpfte der Gründer des Nachrichtenmagazins "Spiegel" ein Leben lang. Für die Pressefreiheit ging Rudolf Augstein 1962 sogar ins Gefängnis. mehr

Augsteins Aufgabe ist die "politische Überschrift"

Augstein ist 22 Jahre alt, als sich 1945 der ehemalige Feuilleton-Chef der Zeitung, bei der der junge Journalist sich vor seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg zum Redakteur ausbilden ließ, bei ihm meldet. Er habe einen Subeditor gesucht, "weil er eine politische Überschrift gar nicht machen konnte", erinnert sich Augstein in einem Interview im Jahr 1993, neun Jahre vor seinem Tod. Der gebürtige Hannoveraner, der im damaligen Arbeiterviertel Linden zur Schule ging, wird engagiert und schreibt also mit am "Hannoverschen Nachrichtenblatt der Alliierten Militärregierung", einem Zweiseiter.

Drei Briten zum Aufbau freier Medien

Wenig später trifft Augstein den Stabsfeldwebel und tschechisch-britischen Journalisten Harry Bohrer, einen späteren Freund. Bohrer ist mit der Aufgabe betraut, ein deutsches Nachrichtenmagazin im Stile des "Time Magazine" zu entwickeln. Dabei ist er nicht allein. An seiner Seite sind Henry Ormond und John Seymour Chaloner, "der blonde Draufgängertyp, der den requirierten Roadster des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop fährt und unbelastete Journalisten zum Aufbau freier Medien sucht", wie es später in seinem Nachruf steht. Sie rekrutieren Augstein. Ein "british paper"? "Ich glaubte nicht daran, aber ich dachte auch: Warum nicht?", so Augstein später.

15.000 Exemplare werden gedruckt

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Das Anzeiger-Hochhaus in Hannover: Hier gründete Rudolf Augstein den "Spiegel".

"So fingen wir an, so wurden wir angefangen", schrieb Augstein einmal in einem Artikel über die erste Zeit nach dem Kriegsende. 15.000 Exemplare ist die Auflage von "Diese Woche" stark, 70.000 Reichsmark stehen den Machern zur Verfügung. Auf Wunsch der britischen Besatzer orientieren sich die jungen Schreiber am angloamerikanischen Stil, erinnert sich Augstein Jahrzehnte später: "Der Magazinstil erzwingt eine gewisse Kürze und daran haben wir uns anfangs auch gehalten. Das war in Deutschland neu." Wie das geht? Zum Beispiel so: Zunächst übersetzen Bohrer, Ormond und Chaloner "Time"-Artikel, und die legen sie den Journalisten vor.

Kritik gegenüber den Besatzern

Neu ist aber auch die auf Papier gebrachte Respektlosigkeit im Blatt. Deutlich nennt Augsteins Redaktion die Zustände im Nachkriegsdeutschland beim Namen, spart in ihren Artikeln auch nicht mit Kritik an den Besatzern. Und die haben ein Auge auf das, was die Männer im Anzeiger-Hochhaus aus den Schreibmaschinen ziehen. Chaloner lässt dabei immer mal wieder zu, dass Augstein mit Worten austeilt. Dennoch: Die Zensur durch die Briten habe immer Tage gedauert, erzählt Augstein. "Die Franzosen beschwerten sich, die Russen ohnehin, die Engländer auch."

Anzeiger-Hochhaus: Gebäude mit Geschichte

Das Anzeiger-Hochhaus wurde in der 1920er-Jahren erbaut. Nach dem Krieg hat hier Rudolf Augstein nach dem Vorläufer "Diese Woche" die erste Ausgabe des Nachrichtenmagazins "Spiegel" herausgegeben. Henri Nannen gründete hier den "Stern". Heute ist das Anzeiger-Hochhaus quasi das Tor zum Medienzentrum in der hannoverschen Innenstadt - mit Zeitungen, Radiosendern und Medienproduzenten.

"Das Blatt muss in deutsche Hände"

Augstein reizt die Briten - als er zum Beispiel schreibt, die Deutschen im Ruhrgebiet hungerten. Irgendwann reicht es den Besatzern: "Augsteins politische Attacken hatten in kurzer Zeit dazu geführt, dass es hieß: Entweder das Blatt wird eingestellt oder es erscheint unter neuem Namen und einem neuen Herausgeber", wie Augsteins 2009 verstorbener Mitstreiter Leo Brawand, während der "Spiegel"-Affäre Chefredakteur des Blattes, erzählt. "Ich tat auch alles, dass die Beanstandungen berechtigt waren", erinnert sich Augstein Jahre später in einem Interview. "Das Ding war nicht zu halten", so der Journalist, "und so wurde beschlossen: 'Das Blatt muss sofort in deutsche Hände'." Und zwar binnen 24 Stunden.

Augstein lässt Recht auf britische Zensur streichen

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Der erste "Spiegel" kostet wie sein Vorgänger eine Reichsmark. Auch das Layout des Titels ist fast identisch.

Und Augstein ist da, bekommt gemeinsam mit Chaloner und zwei weiteren eine vorläufige Lizenz als Herausgeber - für 10.000 Reichsmark. Die darin vermerkte Anmerkung zur weiteren Zensur durch die britische Besatzungsmacht lässt Augstein höchstpersönlich durch einen Militär streichen - bedankt sich nach eigenen Erzählungen mit einem einfachen "Thank you, Sir". Bei der Namenswahl bemüht der Herausgeber und Chef des neuen, alten Magazins die Meinung seines Vaters. "Die Woche", "Der Spiegel", "Das Echo" stehen zur Auswahl. Augsteins Vater schließt "Das Echo" aus. Es wird "Der Spiegel", schreibt Augstein, der samt Redaktion sieben Jahre später von Hannover nach Hamburg umzieht. In der ersten Ausgabe des "Spiegel", deren Veröffentlichung sich am 4. Januar 2017 zum 70. Mal jährt, wird in einer Meldung des Vorgängers gedacht:

"Vor sechs Wochen kam eine neue Zeitschrift heraus, die sich 'Diese Woche' nannte. Ihr Bestreben, ein Spiegel der Zeitgeschehnisse in aller Welt zu sein, wurde vom Publikum freundlich aufgenommen. Die für die Herausgabe zuständigen britischen Behörden haben entschieden, daß die Zeitschrift nun unter unabhängiger deutscher Leitung herauskommen kann. 'Diese Woche' stellt daher ihr Erscheinen ein und statt ihrer stellt sich heute 'Der Spiegel' vor. Verlags- und Redaktionsleiter der Zeitschrift 'Diese Woche' verabschieden sich von ihren bisherigen Mitarbeitern, danken für die geleistete Arbeit und wünschen ihnen für die neue Zeitschrift 'Der Spiegel' einen ganz großen Erfolg." Erschienen in "Der Spiegel", Ausgabe 1

Beide Magazine fanden reißenden Absatz - warum?

Diesen gewünschten Erfolg wird "Der Spiegel" in der noch jungen deutschen Medienlandschaft haben. Doch auch "Diese Woche" hatte zuvor reißenden Absatz gefunden, auch wenn die Knappheit von bedruckbarem Papier in dieser Zeit der Auflage eine Grenze setzt. Rudolf Augstein führt das aber zeitlebens nicht nur auf die journalistische Qualität zurück: "Ich glaube, man sollte doch bedenken dabei, dass einem damals jedes Blatt aus den Händen gerissen wurde. Die Leute brauchten Papier, und sie brauchten was zu lesen. Man konnte also eigentlich gar nicht fehl gehen. Man würde immer das wenige Papier, das man zur Verfügung hatte, auch verkaufen."

"Die politische Überzeugung im Vordergrund"

Dennoch: Für die jungen Redakteure hat laut Augstein immer der Satz gegolten: "Wir wollen das schreiben, was wir, hätten wir dieses Blatt nicht, anderswo lesen wollten." Bei ihnen habe immer die politische Überzeugung im Vordergrund gestanden. "Sie fächerte sich im Lauf der Jahre naturnotwendig auf. Eisern aber blieb der Grundsatz, vor keiner Autorität, nicht einmal vor einer befreundeten, zu kuschen."

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Seit Jahrzehnten blickt Deutschland in den "Spiegel"

3.650 Ausgaben, 378.000 Artikel, zahlreiche aufgedeckte Skandale: Der "Spiegel" ist bis heute das meistzitierte Medium Deutschlands. Am 4. Januar 1947 erschien er zum ersten Mal. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 16.11.2016 | 07:30 Uhr

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