Schwarz-Weiß-Bild: Rudolf Augstein stützt den Kopf auf seine Hände und blickt in die Kamera © Picture Alliance / Sven Simon Foto: Sven Simon

Rudolf Augstein: Ein streitbarer Geist

Stand: 04.11.2013 11:01 Uhr

Für seine Überzeugungen kämpfte der Gründer des Nachrichtenmagazins "Spiegel" ein Leben lang. Für die Pressefreiheit ging Rudolf Augstein 1962 sogar ins Gefängnis. 2002 starb er in Hamburg.

"Ich hatte nie Schwierigkeiten, gegen etwas zu sein. Ich hatte mehr Schwierigkeiten, für etwas zu sein", sagte Rudolf Augstein einmal. Dieser kritische Blick auf Politik und Gesellschaft bestimmte das Leben des Journalisten und Gründers des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Wie kaum ein anderer prägte der 2002 verstorbene Verleger die journalistische Landschaft der Bundesrepublik. Als einen Mann, "ohne den unser Land anders aussehen würde - weniger frei und weniger offen", würdigte ihn der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) in einem Nachruf.

Rudolf Augstein: Ein kritischer Schüler

Rudolf Augstein wird am 5. November 1923 in Hannover geboren. Er ist das sechste von sieben Kindern des Fotokaufmanns Friedrich Augstein. Schon als Schüler interessiert er sich für Politik - und zeigt Zivilcourage: In einem Schulaufsatz von 1940 zweifelt er am "deutschen Endsieg" im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Abitur und einem Volontariat beim "Hannoverschen Anzeiger" wird Augstein zunächst zum Arbeitsdienst, 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. An der Ostfront wird er verwundet und gerät 1945 kurz in amerikanische Gefangenschaft.

Nach dem Krieg kehrt der junge Journalist in seine Heimat Hannover zurück und fängt bei dem Nachrichtenmagazin "Diese Woche" an. Das Blatt wird von britischen Presseoffizieren geleitet, doch der Ton wird der Militärregierung zu kritisch. Sie will es loswerden. Augstein erwirbt die Lizenz und bringt das Magazin am 4. Januar 1947 unter dem Titel "Der Spiegel" heraus - als Verleger und Chefredakteur.

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"Der Spiegel" als Sturmgeschütz der Demokratie

1952 zieht Augstein mit dem Magazin nach Hamburg um. Die kritische Haltung des Magazins ist schon bald manchem Politiker ein Dorn im Auge. Augstein selbst versteht den "Spiegel" als "Sturmgeschütz der Demokratie": Seine Redakteure suchen, wühlen, decken auf. Ein Bericht über die Bundeswehr löst 1962 die "Spiegel"-Affäre aus. Augstein muss für 103 Tage ins Gefängnis - wegen des Verdachts auf Landesverrat. Doch die Affäre bringt nicht Augstein zu Fall, sondern den damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), der die "Spiegel"-Redaktion durchsuchen und schließen ließ. Augstein und sein Magazin hingegen gelten fortan als Hort der Pressefreiheit.

Mit bissigen Kommentaren gegen Adenauers Politik

Gegen Strauß als Verteidigungsminister und gegen die Politik Konrad Adenauers (CDU) wendet sich Augstein schon vor der "Spiegel"-Affäre in rund 150 bissigen Kommentaren, die er unter dem Pseudonym "Jens Daniel" veröffentlicht. Adenauers strikt westliche Orientierung empfindet Augstein als Irrweg, der die Trennung Deutschlands zementiert. Später unterstützt Augstein die Ostpolitik Willy Brandts.

Augsteins kurze Karriere als Politiker

Rudolf Augstein am Schreibtisch in seinem Büro. © picture-alliance / dpa
Einen Ausflug vom Politikbeobachter in die aktive Politik im November 1972 beendet Augstein bereits nach drei Monaten.

Ein Ausflug in die Politik endet für Augstein unspektakulär: 1972 nimmt er ein Angebot des damaligen FDP-Vorsitzenden Walter Scheel an und kandidiert bei der Bundestagswahl. Im November 1972 zieht er über die nordrhein-westfälische Landesliste für die Liberalen in den Bundestag ein, scheidet aber schon drei Monate später wieder aus. Als Grund gibt er einen Wechsel in der Chefredaktion beim "Spiegel" an.

Rudolf Augstein - Eckdaten

5. November 1923: Rudolf Augstein wird in Hannover geboren.
ab 1945: Journalist beim Magazin "Diese Woche"
4. Januar 1947: Erster "Spiegel erscheint
1947 - 1959: "Spiegel"-Chefredakteur
Okt. 1962 - Feb. 1963: U-Haft wegen "Verdachts auf Landesverrat"
Nov. 1972 - Feb. 1973: Bundestagsabgeordneter der FDP
1993: Verleihung der Hamburger Ehrenbürgerwürde
1997: Verleihung des großen Bundesverdienstkreuzes
7. November 2002: Augstein stirbt im Alter von 79 Jahren in Hamburg.

Weitreichender ist ein anderer Entschluss Augsteins: 1974 schenkt er den "Spiegel"-Mitarbeitern 50 Prozent des Unternehmens. Bis heute sind die "Spiegel"-Mitarbeiter stille Teilhaber des Unternehmens und mit 50 Prozent an dessen Gewinnen beteiligt.

Für die Wiedervereinigung

1989 tritt Rudolf Augstein mit klaren Worten für die Wiedervereinigung ein. Als "Spiegel"-Chefredakteur Erich Böhme am 30. Oktober 1989, wenige Tage vor dem Mauerfall, schreibt: "Ich möchte nicht wiedervereinigt werden", antwortet Augstein ihm im "Spiegel" mit einem Ja zur Einheit und blickt dabei weiter in die Zukunft als viele seiner Zeitgenossen: "Wir wissen nicht, was schwieriger zu bewältigen ist, die expandierende europäische Einigung - wo soll sie enden, am Ural etwa? - oder die Beendigung der bisherigen deutschen Geschichte mit einem Neuanfang." Seinen Redakteuren, die seine politischen Kommentare in den 90er-Jahren als verweichlicht bezeichnen, entgegnet er: "Entschuldigen Sie mal, Sturmgeschütze sind doch nur in Zeiten angebracht, wo es etwas zu stürmen gibt. Das ist heute nicht mehr der Fall."

Rudolf Augstein: Fünf Ehen, vier Kinder und die Galeristin Anna Maria Hürtgen

Dem "Spiegel" bleibt Augstein zeitlebens treu - privat liebt er die Abwechslung. Er heiratet fünf Mal, zuletzt im Jahr 2000 die Galeristin Anna Maria Hürtgen. "Ich habe Rudolf Augstein immer beneidet: Um seine Gabe der Analyse und der Aussage; um seinen 'Spiegel'-Erfolg  - und natürlich neide ich ihm seine Erfolge bei Frauen", merkte der "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius 1993 über den Publizisten an. 

Mit drei seiner Frauen zieht Augstein vier Kinder groß. Seine Tochter Franziska arbeitet heute als Journalistin bei der "Süddeutschen Zeitung". Auch der Journalist und Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", Jakob Augstein, ist offiziell sein Sohn, jedoch das leibliche Kind des Schriftstellers Martin Walser.

"Ich schreibe, was ich denke"

Rudolf Augstein bleibt bis zu seinem Tod Herausgeber des "Spiegels" und kommentiert Politik und Gesellschaft. Seine Meinung kommt ins Blatt, auch wenn die Redaktion nicht immer hinter ihm steht. Er will ihr Raum für Kritik lassen: "Ich schreibe, was ich denke, weil das die einzige Richtlinienkompetenz ist, die mir verblieben ist. Und nach der muss sich niemand richten."

Kurz nach seinem 79. Geburtstag stirbt Augstein am 7. November 2002 an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein langjähriger Freund und Weggefährte Martin Walser findet in einem Nachruf sehr persönliche Worte: "Man wird doch auch noch schreien dürfen. Wenn so einer stirbt. So ein toller Kerl. Sense."

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Dieses Thema im Programm:

07.11.2002 | 23:30 Uhr

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