Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story

Samstag, 22. April 2017, 08:30 bis 09:00 Uhr

Raymond Carver: Was ist denn?

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Volker Hanisch liest die Kurzgeschichte „Was ist denn?“ von Raymond Carver.

Raymond Carver ist hierzulande erst nach seinem Tod einer breiteren Leserschaft bekannt geworden. Dabei wird dem Autor, der 1939 geboren wurde und 1988 im Alter von neunundvierzig Jahren starb, nachgesagt, er habe die Kurzgeschichte – oder sagen wir besser die short story – für die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso nachhaltig verändert wie dies Hemingway für die erste Jahrhunderthälfte tat. Dabei ist Carver keineswegs ein Nachfolger Hemingways. Weit eher stehen seine Geschichten in der Tradition von Tschechow, sie handeln – wie man von Tschechow gesagt hat – von "Fast-Nichts", vom alltäglichen Unglück, von den Menschen auf der Verlierer-Seite des Lebens – es sind durchweg Männer.

Vorbild für junge amerikanische Autoren

Viele jüngere Autoren Amerikas aus den achtziger und neunziger Jahren haben sich auf Raymond Carver als Vorbild bezogen, auf die drei Bände mit Kurzgeschichten, die er veröffentlicht hat. Er schrieb über eine Welt, wie auch wir selber sie kennen: wo ununterbrochen der Fernseher läuft, Milchtüten und Ketchupflaschen auf dem Kühlschrank stehen, Asche von der Zigarette fällt und Leute ihre dreckigen Strümpfe in den Waschsalon tragen. Aber das beschreibt nur die Außenseite seiner Geschichten. Sie sind lauter kleine Apokalypsen, zeigen orientierungslos gewordenes Leben. Carver beklagt sich nicht, denn die Schmerzen seiner Figuren sind alltäglich. Er ironisiert nicht – dazu ist er seinen Personen zu nah. Er spricht Mut zu, aber zurückhaltend und diskret, und der Mut reicht dann immer bloß bis zum nächsten kleinen Unglück.

Geschichten von Alkoholismus, Gewalt und Depression

Raymond Carver stammte aus kleinen Verhältnissen, und nichts in seiner frühen Biographie weist auf eine literarische Laufbahn hin – bis er an der Universität von Iowa einen Kurs in Creative Writing absolvierte. Sein Lehrer war John Gardner, über den Carver später gesagt hat: "Er wurde nicht müde, mir zu erklären, worauf es beim Schreiben einer Kurzgeschichte ankommt: nämlich auf alles. Er half mir zu verstehen, wie wichtig es ist, auf der Genauigkeit des Ausdrucks zu bestehen. Und er hat mir gezeigt, wie man mit einem Minimum an Worten ein Maximum an Aussage erzielen kann." Von nun an senkte Carver in allen seinen Geschichten das Senkblei hinab in die von Niederlagen, Alkoholismus, Gewalt und Depression gezeichneten Seelen seiner Figuren. Es sind stets Kleinstädte, triste Nester in der amerikanischen Provinz, wo die Geschichten spielen. Ein Mann wird von seiner Frau verlassen, plagt sich nun mit den Kindern ab und ist einsam. Einem Arbeiter wird gekündigt, und durch die Arbeitslosigkeit gerät er in eine vollständige Lethargie. Ein Alkoholiker verbringt einige Tage im Entziehungsheim mit Erinnerungen an sein früheres Leben. Das ist äußerlich fast alles. Aber eine falsche Geste, ein entgleitender Blick, und das ganze Unglück, die ganze Tragik der von Carver Porträtierten wird spürbar.