Stand: 25.04.2018 15:02 Uhr

Berlin trägt Kippa: "Man muss Solidarität zeigen"

Nach dem Angriff auf zwei Kippa tragende junge Männer in Berlin in den vergangenen Tagen wollen nun viele Menschen ihre Solidarität zeigen, indem sie ebenfalls eine Kippa tragen - ob jüdischen Glaubens oder nicht. Sie folgen damit einem Aufruf der jüdischen Gemeinden und werden sich mit der Kopfbedeckung durch verschiedene deutsche Städte bewegen. In Berlin findet eine Solidaritätskundgebung unter dem Motto "Berlin trägt Kippa" statt. Einer, der dort vor Ort sein wird, ist der Journalist und Autor Enno Lenze. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Lenze, warum machen Sie da mit?

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Enno Lenze ist geschäftsführender Gesellschafter beim Berlin Story Verlag.

Enno Lenze: Ich denke, bei dem immer größer werdenden Antisemitismus und Rassismus, den wir hier in Deutschland sehen, muss man Solidarität zeigen und mit vielen Menschen auftreten. Und wenn es jetzt eine zentrale Veranstaltung gibt, zu der auch viele Politiker kommen und es mediale Aufmerksamkeit gibt, dann ist es nur sinnvoll, wenn da so viele Menschen wie möglich stehen, damit man sieht, dass es einen großen Gegenpol zu diesen wenigen, aber doch mehr werdenden Idioten gibt.

Bei der Aktion macht auch die AfD mit. Wie stehen Sie dazu?

Lenze: Ich würde nicht sagen, dass die AfD dort mitmacht. Sie ist ja weder eingeladen noch willkommen, sondern versucht, wie bei jedem Thema, "Hier! Hier!" zu schreien und ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Es ist ziemlich lächerlich, sich als Partei von Holocaustleugnern und Rechtsextremisten dahinzustellen und jetzt so zu tun, als würde es einen interessieren. Wenn Antisemiten gegen Antisemiten demonstrieren, kann man das nicht ernst nehmen.

Sie haben ein Bild von sich mit Kippa gepostet - sind Sie mit der Kopfbedeckung heute schon den ganzen Tag unterwegs? Gab es Reaktionen aus Ihrem Umfeld?

Lenze: Ja, ich habe die hier in Berlin auf, wobei Berlin - bis auf wenige Ausnahmen - ja ziemlich liberal ist. Ich habe bis jetzt überhaupt keine Rekationen darauf gehabt.

Für viele mag es befremdlich wirken, sich - wenn auch aus gut gemeinter Solidarität - mit einem religiösen Symbol zu kleiden, das gar nicht zur eigenen Tradition gehört. Darf eigentlich jeder Kippa tragen oder ist das vielleicht auch anmaßend Juden gegenüber?

Lenze: Die Kippa ist kein religiöses Symbol in dem Sinne. Im Talmud oder der Tora werden sie die Kippa nicht finden. Man kann sagen, es ist ein Brauchtum, das aber auch nicht einheitlich auf der Welt praktiziert wird, das ist sehr unterschiedlich. In der Praxis ist es eher das Symbol, dass man sich der Religion zugehörig fühlt oder - in diesem Fall - sich solidarisieren möchte damit. Es gibt ganze Länder, in denen man zum Gebet eigentlich keine Kippa trägt.

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Wenn man sich damit solidarisieren will, dann wird das gerne gesehen. Sollte der Antisemitismus ansteigen, dann wäre es ja sinnvoll, wenn sehr viele Leute - egal, ob's ihnen aus religiösen Gründen wichtig ist oder nicht - Kippa tragen, damit die Leute, für die es wichtig ist und die sie nicht einfach ablegen können, in der Masse untergehen. Ich sehe da also überhaupt kein Problem.

Einerseits hat der Zentralrat der Juden in Deutschland davor gewarnt hat, im Alltag Kippot zu tragen. Jetzt haben in Berlin jüdische Gemeinden und Organisationen aufgerufen, bei der Aktion mitzumachen. Kein Widerspruch?

Lenze: Nein, überhaupt nicht. Die sagen ja: Man soll es nicht tragen, weil man als Individuum gefährdet ist durch Antisemiten. Und die Gegenidee ist, wenn jeder das trägt, gibt's gar nicht genug Antisemiten, die so viele Leute verprügeln können, die mit Kippot rumlaufen. Und deswegen halte ich das für sehr sinnvoll. Der Zentralrat hat ja nicht gesagt: Tragt sie nicht, weil wir das nicht wollen, sondern weil es zu gefährlich ist. Und das ist eine sehr traurige Aussage, wenn man sagt: Wir sind wieder vor 75 Jahren angelangt und dass man nicht mehr wagen darf, in der Öffentlichkeit jüdische Symbole zu zeigen, weil man Angst um seine Gesundheit haben muss.

Haben Sie auch Befürchtungen, beziehungsweise, was wünschen Sie sich für diese Aktion?

Lenze: Ich hoffe, dass sehr viele Menschen friedlich zusammenkommen, aus allen Religionen, gesellschaftlichen Schichten, Ländern, Völkern und so weiter - wie man sich das bei solidarischen Veranstaltungen vorstellt. Befürchtungen habe ich nicht wirklich, denn das ist ja auch wieder der Punkt: Antisemiten und Rassisten wollen einzelne Opfer haben. Die wollen keinen Dialog, die wollen sich nicht mit großen Menschenmassen anlegen, die wollen nicht, dass man ihrer habhaft werden kann. Die wollen anonym in der Masse irgendwo mal einzeln jemanden erwischen und den verprügeln, deswegen sind gerade die großen Verstantaltungen sehr sicher. Da mache ich mir keine Sorgen.

Das Interview führte Philipp Cavert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.04.2018 | 17:40 Uhr