Stand: 16.09.2018 11:20 Uhr

"Patentöchter"-Premiere: Der Abend hallt lange nach

von Katja Weise

Am 30. Juli 1977 wurde Jürgen Ponto, der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, von RAF-Terroristen erschossen. Die Geschichte hat sich auch deshalb eingeprägt, weil Susanne Albrecht, die Tochter eines guten Freundes von Ponto, den Terroristen Zutritt zu dem Haus verschaffte. Danach brach der Kontakt zwischen den Familien ab. Bis Julia Albrecht, die jüngere Schwester von Susanne, rund 30 Jahre später einen Brief schrieb an Corinna Ponto, die Tochter von Jürgen Ponto. Aus dem Briefwechsel ist ein Buch entstanden - "Patentöchter", das der Regisseur Gernot Grünewald nun für die Bühne bearbeitet hat. Am Sonnabend war in Hamburg Premiere im Thalia Theater in der Gaußstraße.

In einer Szene des Stücks "Patentöchter. Im Schatten der RAF" sind zwei Räume zu sehen, über denen große Videoleinwände angebracht sind.

Thalia zeigt RAF-Terror aus Sicht der Nachkommen

Hamburg Journal -

Das Stück "Patentöchter. Im Schatten der RAF" im Thalia Theater erzählt vom Kontakt zwischen den Töchtern der Terroristin Susanne Albrecht und des ermordeten Bankers Jürgen Ponto.

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Julia Albrecht war 13 Jahre alt, als ihr Patenonkel Jürgen Ponto starb, seine Tochter Corinna Ponto 20:

"Liebe Frau Ponto, 1977 war auch für mich der Einbruch in meinem Leben. Nicht nur wegen des unglaublichen Schreckens, den das Verbrechen an Ihrem Vater für mich bedeutete, sondern auch wegen der schieren Unmöglichkeit verstehen zu können, dass meine Schwester das möglich gemacht hatte."

Die Antwort kommt prompt:

"Liebe Julia Albrecht, immer wieder habe ich an Sie und Ihre Empfindungen gedacht. Ich habe ein sehr vielschichtiges Bild über die RAF und über Ihre Schwester. Sollten wir uns nun wirklich trauen, den Raum der Vergangenheit gemeinsam zu betreten?"

Gemeinsam betreten sie diesen Raum, in Briefen und Gesprächen, erinnern sich an jenen 30. Juli 1977, an die 13 Jahre, in denen Susanne Albrecht untergetaucht war, ihre Verhaftung 1990.

"Susanne war allgegenwärtig. Stets war sie vor mir da. Das Fahndungsplakat, was mich am meisten quälte, war jenes an der Waitzstraße am Eingang zur S-Bahn. Hier, wo wir uns nach der Schule am Nachmittag trafen, hing meine Schwester und blieb jahrelang hängen."

"Ich war damals 11 und das hat mich sehr mitgenommen als Kind. Ich konnte nicht verstehen, was da passiert", erinnert sich eine Besucherin am Premierenabend.

Jede Figur besetzt Grünewald mit je drei Frauen verschiedenen Alters

Gernot Grünewald zeigt auf eindringliche Weise, was die Tat für die Menschen bedeutet, die beteiligt waren. Er setzt beide Frauen jeweils in eine Wohnung. Sie liegen auf der Bühne direkt nebeneinander, sind genau gleich eingerichtet, nur verhalten sie sich spiegelverkehrt zueinander. Dazwischen gibt es keine Verbindungstür. Jede Figur besetzt er mit je drei Frauen verschiedenen Alters, arbeitet dazu viel mit Video- und Soundeffekten.

"Es war irgendwie dreidimensional, als würde man sonst immer nur zweidimensional Theater gucken - und das hat es für mich ganz spannend gemacht", erklärte eine Besucherin. "Man konnte dadurch ja eintauchen und dadurch wurde es spannend, dass so viel los war teilweise", ergänzt eine andere.

Die Zeitebenen mischen sich

Verschiedene Kameras begleiten die Schauspielerinnen. Projiziert werden die Bilder, immer mehrere parallel, auf eine Leinwand quer über den Wohnungen. Die Zeitebenen mischen sich, oben ist die ältere Julia zu sehen, unten spricht die jüngere.

Der Abend hallt lange nach

Durch diese Überblendungen entsteht teilweise eine enorme Intensität. Und doch wäre manchmal weniger Effekt noch mehr gewesen, gerät das Ganze zu künstlich-konstruiert, wünscht man sich mehr direkte Spiel-Szenen. Und doch: Der Abend hallt lange nach und erreicht, was Corinna Ponto Julia Albrecht am Anfang prophezeit:

"Unsere Geschichte ist nur eine Miniatur im ganzen RAF-Komplex, aber sie kann dazu beitragen, den Opfern ihre Geschichte wiederzugeben."

"Patentöchter"-Premiere: Der Abend hallt lange nach

Im Thalia in der Gaußstraße in Hamburg hat das Stück "Patentöchter - Im Schatten der RAF" Premiere gefeiert. Es geht um einen Dialog um Schuld und Sühne zwischen Julia Albrecht und Corinna Ponto.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater Gaußstraße
Gaußstraße 190
22765  Hamburg
Telefon:
(040) 32 814 444
E-Mail:
theaterkasse@thalia-theater.de
Preis:
15 - 74 Euro (je nach Kategorie)
Hinweis:
Patentöchter - Im Schatten der RAV
Ein Dialog von Julia Albrecht und Corinna Ponto
Regie: Gernot Grünewald
mit Alicia Aumüller (Julia 2)
Sandra Flubacher (Corinna 1)
Oda Thormeyer (Julia 1)
Maria Magdalena Wardzinska (Corinna 2)
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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo am Morgen | 16.09.2018 | 09:00 Uhr

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