Elizabeth Prommer © picture alliance/dpa-Zentralbild Foto: Britta Pedersen

Sichtbarkeit von Frauen im Fernsehen: Minimale Fortschritte

Stand: 05.10.2021 18:59 Uhr

Vor vier Jahren hat das Institut für Medienforschung der Uni Rostock zum ersten Mal die "Audiovisuelle Diversität" untersucht, also nach den "Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland" gefragt. Seinerzeit wurde deutlicher Verbesserungsbedarf festgestellt. Nun wurde eine Fortschrittsstudie dazu präsentiert.

Elizabeth Prommer © picture alliance/dpa-Zentralbild Foto: Britta Pedersen
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Ein Gespräch mit der Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Uni Rostock, Elizabeth Prommer.

Frau Prommer, gibt es denn tatsächlich einen Fortschritt bei der Sichtbarkeit und Vielfalt im deutschen Fernsehen?

Elizabeth Prommer: Ja und nein. Wir sehen tatsächlich in einigen Bereichen Fortschritte, aber wenn man alles zusammen betrachtet, noch nicht so viel. Das liegt vor allem daran, dass an einem Punkt kein Fortschritt gemacht wurde, nämlich bei den Experten, die befragt werden. Das sind so viele, dass sie die Quote nach unten reißen.

Wie erklären Sie sich das?

Prommer: Wir haben interessanterweise Fortschritte im fiktionalen Bereich gesehen. Dort, wo erfundene Geschichten erzählt werden und die 2020 produziert wurden, ist es fast ausgeglichen. Wir sehen auch ältere Frauen: Vorher war es so, dass Frauen ab Mitte 30 verschwinden, jetzt dürfen sie zumindest Ende 50 werden. Offensichtlich ist es so, dass es bei diesen erfundenen Geschichten Zeit gibt, um darüber nachzudenken, ob das nicht auch eine Frau sein kann, die nicht mehr 30 ist und ähnliches. Bei den Expertinnen und Experten scheinen redaktionelle Routinen so zu greifen. Da muss eine Nachrichtensendung fertig werden und da greift man offensichtlich auf bewährte Experten und nicht auf Frauen zurück, weil sie nicht in den Datenbanken sind.

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Wie ist es denn mit der Realität? Gibt es möglicherweise nach wie vor an Universitäten, oder wo immer man Expertinnen und Experten sucht, zu wenig weibliches Personal?

Prommer: Ja und nein. Das haben wir auch genau untersucht. An Universitäten sind nur 25 Prozent der Professorinnen und Professoren weiblich. Aber wir haben eine ganze Menge Bereiche, wo nicht unbedingt der Prof gefragt wird. Während der Corona-Krise hatten wir die Pfleger, die Kassierer und die Erzieher, die befragt wurden und nicht die Erzieherinnen, die Krankenpflegerinnen oder die Kassiererinnen. Wir haben sehr viele Berufsbereiche, wo es genug Frauen gibt - die Hälfte der Richter sind Richterinnen, die Hälfte der Staatsanwälte sind Staatsanwältinnen -, und trotzdem werden Männer befragt. Ich glaube, dass es eine unterschiedliche Wahrnehmung gibt, ab wann eine Frau Expertin ist und ab wann ein Mann. Eine Frau muss offensichtlich promoviert sein, habilitiert und vielleicht Professorinnen - und davon gibt es wenige. Und bei Männern reicht es, wenn sie eine Seminararbeit oder Masterarbeit zu einem interessanten Thema geschrieben haben und schon sitzen sie in Talkshows. Vor ein paar Wochen habe ich jemanden gesehen, von dem ich dachte: Das ist aber sportlich, dass man den schon in die Talkshow lässt. Während eine Frau wahrscheinlich erst mal drei Bücher dazu geschrieben haben müsste.

Wie sieht es in der Unterhaltung oder im Kinderprogramm aus?

Prommer: Die Unterhaltung ist auch eine Baustelle. Die Quizshows werden überwiegend von Männern moderiert, aber auch beim festen Ratepersonal in Quizshows überwiegen Männer. Das ist sind 80 bis 90 Prozent. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum eine Frau keine Quizshow moderieren könnte. Beim Kinderfernsehen ist der Fortschritt auch eine Schnecke. Wir sehen eine zweiprozentige Verbesserung, in den aktuellen deutschen Produktionen sogar eine deutliche Verbesserung. Aber im Kinderfernsehen wird viel ältere Ware gezeigt und da gibt es immer noch eine große Ungleichheit.

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An welchen Stellschrauben müsste Ihrer Meinung nach gedreht werden?

Prommer: Wir haben gesehen, dass im fiktionalen Bereich, wo es Diversity-Checklisten gibt oder Diversitätslektorate, wo viel nachgedacht wird, sich tatsächlich etwas bewegt. Und dort, wo vorrangig Routinen greifen, um etwas fertigzustellen, routiniert gehandelt wird. Ich glaube, da muss man eingreifen und schauen, wie man die Routinen durchbrechen kann. Heute hat Karola Wille vom MDR die 50:50-Challange von der BBC vorgestellt, bei der man bis Jahresende den Frauenanteil angleichen will. Und das scheint sehr gut zu funktionieren.

In der ARD wird auf der Führungsebene deutlich durchgetauscht. Christine Strobl ist Programmdirektorin der ARD geworden. Im kommenden Jahr wird Patricia Schlesinger Nachfolgerin von Tom Buhrow, also ARD-Vorsitzende. Versprechen Sie sich davon auch Besserung?

Prommer: Ja und nein. Ich würde gerne davor warnen, die ganze Frage nach Gleichstellung und Diversität nur den Frauen zu überlassen. Weil dann schaffen wir das nie. Wir brauchen auch alle männlichen Intendanten und Redakteure. In anderen Studien haben wir gezeigt, dass wenn Frauen Literaturkritiken schreiben, sie zur Hälfte Männer und zur Hälfte Frauen besprechen - und Männer besprechen zu 80 Prozent Bücher von Männern. Wenn sich das als Muster durchziehen würde, dann müssten eigentlich die Frauen auch ungleich sein, damit wir zur Gleichheit kommen. Das sind sie offensichtlich nicht. Deshalb müssen wir eher die Männer mit ins Boot holen, sodass die auch für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität verantwortlich sind. Deshalb ist es eigentlich egal, ob das Christine Strobl oder Patricia Schlesinger ist. Ich halte viel von denen, aber es müsste eigentlich genauso gehen, wenn da weiterhin Tom Buhrow sitzt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.10.2021 | 18:00 Uhr