Raymond Ley © BREUEL-BILD/ABB

Raymond Ley über seinen Film "Nazijäger - Reise in die Finsternis"

Stand: 14.01.2022 18:32 Uhr

Im Dokudrama "Nazijäger - Reise in die Finsternis" spürt ein Team ab April 1945 im besetzten Norddeutschland Mörder auf - zu sehen am Sonntag um 21.45 Uhr im Ersten und bereits jetzt in der ARD-Mediathek.

Raymond Ley © BREUEL-BILD/ABB
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Das Buch zum Film haben - nach einer Vorlage von Dirk Eisfeld - Hannah und Raymond Ley geschrieben, Raymond Ley hat auch die Regie geführt.

Herr Ley, diese "War Crimes Investigation Unit" hat es tatsächlich gegeben. Was waren das für Leute? Und was haben sie bewirkt?

Raymond Ley: Das sind britsche Soldaten, meistens Juden, die aus Österreich ins Exil nach England gegangen sind und die später als Dolmetscher von der britischen Armee bei der Befreiung vom KZ Bergen-Belsen eingesetzt wurden, um dort mit den SS-Leuten reden zu können. 14 Tage nach der Befreiung von Bergen-Belsen wurde von diesen Soldaten die "War Crimes Investigation Unit" gegründet, um Kriegsverbrechern auf die Spur zu kommen. Zu Anfang meistens Kriegsverbrechern, die unmittelbar an der Folter oder an dem Ableben britischer Soldaten beteiligt waren. Sie haben auch den Chef von Auschwitz gefangen genommen und an den Galgen geliefert und haben sich dann auch um die Klärung der Verhältnisse im KZ Neuengamme gekümmert.

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Titelbild des Doku-Dramas "Nazijäger - Reise in die Finsternis" © NDR/Spiegel TV/Michael Ihle/bishara.design/Nelli Rödl

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Eine der Enthüllungen dieser Unit ist der Mord an 20 Kindern am Bullenhuser Damm in Hamburg. Worum ging es da?

Ley: Da ging es darum, dass ein Doktor Heißmeyer aus einer jungen Klinik in der Nähe von Berlin unbedingt Professor werden wollte. Der brauchte für seine weiteren Forschungsschritte Versuche an lebenden Personen. Das hat er zum Teil an Häftlingen in Neuengamme vollzogen - er brauchte aber, um vorwärtszukommen, auch die Versuche an Kindern. Er hat sich dann mit Auschwitz in Verbindung gesetzt und hat von dort aus 20 jüdische Kinder angefordert, die er dann in medizinische Versuche einbezogen hat.

Bei diesen Kindern, die man in dem Film sieht, sieht man auch zwei Geschwister, die deshalb überlebt haben, weil sie nicht mit nach Hamburg deportiert worden sind, sondern Auschwitz überlebt haben. Wie reagieren die heute auf diese Geschichte, die Sie da erzählen?

Ley: Die sind mit uns an den Tatort gegangen, wo die Kinder ermordet wurden. Sie sind mit uns auch nach Auschwitz gefahren und haben dort sehr genau erzählt, wie die Trennung von ihrem Cousin Sergio zustande kam, als die Kinder für Neuengamme ausgesucht wurden. Das war sehr bewegend, sich mit ihnen in den Resten der sogenannten Zwillingsbaracke zu bewegen und sie dort zu hören.

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Sergio de Simone mit seinen Cousinen Tatjana und Andra an Sergios sechstem Geburtstag, 29.11.1943. © Archiv KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Sammlung Günther Schwarberg

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Sie haben auch mit Kindern gedreht. Wie ist das, mit Kindern an so einem furchtbaren Stoff zu arbeiten und wie vermittelt man denen das?

Ley: Die Kinder wussten eigentlich von Anfang an, um was es da geht. Ob die unbedingt die ganzen Abgründe des Holocaust und des Nationalsozialismus durchdrungen haben, das stelle ich mal anheim. Aber sie haben ein sehr gutes Gefühl entwickelt für die Kinder, die dort ermordet wurden. Es war von Anfang an klar, dass sie kleine Rollen spielen und Patenschaften für diese ermordeten Kinder übernehmen. Das haben sie mit einer großen Professionalität und Freude - wenn man dieses Bild in diesem Zusammenhang benutzen darf - vollzogen und ausgefüllt. Es war ein sehr absurdes Ferienlager, was wir da mit diesen zehn bis 20 Kindern bei unseren Dreharbeiten hatten. Das war sehr herausfordernd für die Kinder, aber auch sehr herausfordernd für uns, das mit den Kindern zu erarbeiten.

Mich hat dieser Film von Minute zu Minute beklommener gemacht. Wie haben Sie das ausgehalten, so einen Film zu drehen - über dieses Thema, mit diesen Bildern?

Ley: Schwierig, das waren neun sehr anstrengende Monate. Es war ein schwerer Weg.

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Neuengamme-Prozess am 29. April 1946  Curio-Haus in Hamburg: In der ersten Reihe sitzend (l-r): der ehemalige Lagerkommandant Max Pauly (1), sein Adjutant Karl Totzauer (2), der Lagerführer Anton Thumann (3) sowie der SS-Arzt Dr. Bruno Kitt (4). Ihnen wird vorgeworfen, mehr als 45.000 Insassen des Lagers ermordet zu haben. © picture alliance / dpa | DANA dpa

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Die Kinder wechseln in dem Film einmal die Zeit: Während sie einmal 1945 gezeigt werden, haben sie irgendwann auch heutige T-Shirts an, stellen sich mit ihren heutigen Namen vor und treffen auch die Überlebenden. Was ist das für ein Brecht'scher Verfremdungseffekt, mit dem Sie da arbeiten?

Ley: Ich wollte, dass die ganze Geschichte näher an den Zuschauer heranrückt. Ich wollte nicht, dass das zu einer Schwarz-Weiß-Historie verkappt wird, sondern ich wollte das so weit an uns heranbringen, dass man das Gefühl hat, dieses Schicksal könnte unseren Kindern geschehen sein. Ich wollte unbedingt am Schluss die Schauspieler-Kinder mit den KZ-Überlebenden zusammenbringen. Ich habe das Gefühl, da ist so ein kleiner Hoffnungsmoment am Ende des Films entstanden, den ich sehr betonen wollte. Das muss einfach klar sein, dass hier Menschen überlebt haben und dass es einen Sieg über die Täter gibt.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.01.2022 | 18:00 Uhr