Melanie Jacobi, Provenienz-Foscherin in Schleswig, zeigt auf einen Schriftzug auf einem alten Rahmen © picture alliance/dpa | Carsten Rehder

Provenienzforschung in den norddeutschen Museen

Stand: 19.10.2021 06:00 Uhr

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert Projekte zur Provenienzforschung mit zwei Millionen Euro. Wie sieht es mit der Arbeit dazu an norddeutschen Museen aus?

von Anina Pommerenke

Schon Ende 1998 kam die Debatte um die rechtmäßigen Eigentümer von Raubkunst, insbesondere aus jüdischem Besitz, so richtig in Fahrt. Damals hatte Deutschland der Washingtoner Erklärung zugestimmt und sich somit verpflichtet, Kunstwerke ausfindig zu machen, die im Nationalsozialismus geraubt wurden und an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. Doch auch über zwanzig Jahre später ist der Prozess der Provenienzforschung hierzulande noch lange nicht abgeschlossen.

Zum einen tauchen immer neue, verdächtige Werke und Objekte auf - zum anderen ist die Nachforschung bei einzelnen Werken extrem komplex und lässt sich nicht ohne Weiteres abschließen. Der Fokus liegt auch längst nicht mehr nur auf NS-Raubkunst - im vergangenen Jahrzehnt hat insbesondere die Aufarbeitung der Deutschen Kolonialgeschichte immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die Nachfrage nach Expert*innen auf diesem Gebiet ist vorhanden: Seit zehn Jahren können sich Studierende in Deutschland in den Bereichen Geschichte und Kunstgeschichte auf die Provenienzforschung spezialisieren. Gerade erst hat das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste weitere 2,1 Millionen Euro für Projekte der Provenienzforschung im Bereich NS-Raubgut zur Verfügung gestellt. Grund genug immer wieder bei Museen im Norden nachzufragen, was sich bei ihnen in Sachen Provenienzforschung zurzeit tut.

Kunsthalle Kiel überprüft systematisch

Kieler Kunsthalle von außen © NDR Foto: Andreas Kluge
Rund 600 Werken aus der Grafischen Sammlung wurden bisher untersucht.

Die Kieler Kunsthalle geht das Thema seit 2014 systematisch an. Zunächst wurden die Bestände, die zwischen 1933 und 1945 in den Besitz des Museums gelangt sind, untersucht. Eines von vielen Vorhaben, das mit einer wissenschaftlichen Stelle des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste gefördert wurde. So wurde beispielsweise der Gemälde- und Skulpturenbestand überprüft, was die Rückgabe eines Werkes zur Folge hatte. Bei sechzehn Gemälden besteht weiter der Verdacht auf Raubkunst, diese wurden, so das übliche Verfahren, in einer dafür vorgesehenen Datenbank (Lost Art) gemeldet.

Von Mai 2018 bis 2020 wurden die Provenienzen von rund 600 Werken aus der Grafischen Sammlung untersucht. Die besondere Schwierigkeit: Einige Werke stammen vom Nachkriegs-Schwarzmarkt, einen möglichen Vorbesitzer ausfindig zu machen ist dadurch ein besonders komplexes Unterfangen. Die Stelle zur Provenienzforschung in der Grafischen Sammlung wurde daher vor kurzem neu ausgeschrieben und soll ab Januar für zwei weitere Jahre neu besetzt werden.

Museum für Hamburgische Geschichte hat Kolonialgeschichte im Fokus

Außenansicht des Museum für Hamburgische Geschichte. © NDR
Erste Ergebnisse zur Forschung sollen 2022 vorgestellt werden.

Im Museum für Hamburgische Geschichte läuft seit mehreren Jahren ein Projekt, das sich mit der Provenienz von Objekten aus der NS-Zeit beschäftigt. Erste Ergebnisse dazu sollen im kommenden Jahr in einem Band zum 100-jährigen Jubiläum des Museums vorgestellt werden. Doch auch die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte rückt zunehmend in den Fokus. Das Museum habe es dabei aber weniger mit Objekten aus einstmals kolonisierten Gesellschaften zu tun, als mehr mit Objekten im kolonialen Kontext, darunter Kolonialwaren, heißt es auf Nachfrage von NDR Kultur.

Mit diesem Thema habe man sich im Rahmen der Sonderausstellung "Grenzenlos" beschäftigt. Dabei wurden die Verflechtung von Hamburger Unternehmen in die Strukturen des Kolonialsystems kritisch betrachtet. Sobald die geplante Modernisierung sämtlicher Dauerausstellungen anstehe, werde die Aufarbeitung der kolonialen Geschichte anhand bestimmter Schlüsselobjekte eine wichtige Rolle spielen. Und zwar in sämtlichen Häusern der Stiftung Historische Museen Hamburg, teilt Sprecher Matthias Seeberg mit.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.10.2021 | 14:20 Uhr