Als gewohnt erfolgreicher Verführer agiert Roger Moore als Agent 007 in einer Szene mit Maud Adams in dem James Bond-Film "Octopussy" (1983). © picture-alliance / dpa Foto: Goldschmidt
Als gewohnt erfolgreicher Verführer agiert Roger Moore als Agent 007 in einer Szene mit Maud Adams in dem James Bond-Film "Octopussy" (1983). © picture-alliance / dpa Foto: Goldschmidt
Als gewohnt erfolgreicher Verführer agiert Roger Moore als Agent 007 in einer Szene mit Maud Adams in dem James Bond-Film "Octopussy" (1983). © picture-alliance / dpa Foto: Goldschmidt
AUDIO: Phänomen James Bond: "Das perfekte Abenteuer für eine Nacht" (8 Min)

Phänomen James Bond: "Das perfekte Abenteuer für eine Nacht"

Stand: 05.10.2022 16:44 Uhr

Bond-Experte Siegfried Tesche spricht im Interview über die Formel, die die James-Bond-Reihe ausmacht, über den Sexismus in den frühen Bond-Filmen - und warum Frauen der Filmfigur dennoch alles durchgehen lassen.

Herr Tesche, was ist unerlässlich für den Erfolg einer James-Bond-Geschichte?

Siegfried Tesche: Auf der einen Seite muss auf jeden Fall der Bösewicht stimmen. Es gab zum Beispiel im Jahr 1989 den Film "Lizenz zum Töten": Nicht nur, dass James Bond relativ brutal und gewalttätig vorging, so wie die Bösewichte auch, aber es ging um einen relativ profanen Drogendealer, und das war nicht unbedingt einer, der James Bond angemessen war. Der ging zwar mit Radikalität vor, aber da wäre es ganz gut gewesen, wenn James Bond als Held, der so ein bisschen "larger than life" ist, auch einen entsprechenden Gegner präsentiert bekommt. Sonst funktioniert der Kampf nicht wirklich. Es ist immer gut, wenn sich da zwei adäquate Menschen gegenüberstehen und dementsprechend auch Kämpfe austragen, die zur einen wie auch zur anderen Seite ausschlagen könnten.

Zum anderen gibt es seit dem Jahr 1964 den Film "Goldfinger" und diese Formel, die damals aufgebaut und die kaum verändert wurde: Der Film vor dem Film, in dem James Bond zeigt, was er in kurzer Zeit zu leisten in der in der Lage ist. Darauf folgt der Song, der originelle Vorspann. Dann gibt es den Auftrag mit M und Q, die Ausrüstung. Und anschließend wird er in das Kriegsgebiet entsendet und trifft dort eine schöne Frau und auf den Bösewicht und dessen Handlanger. Außerdem gibt es noch eine weltumspannende Bedrohung, und letztendlich geht es gut aus. Das ist die Formel, die man seit 1964 initialisiert hat, die die James-Bond-Filme ausmacht.

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Mehr als problematisch ist die Rollenverteilung: männliche Chefs, die weibliche Sekretärin, James Bond küsst Frauen gegen ihren Willen, gibt ihnen Ohrfeigen, klatscht ihnen auf den Hintern. Übergriffige Handlungen in den frühen Bond-Filmen standen immer wieder in der Kritik. Wie sexistisch sind aus ihrer Sicht die frühen Bond-Filme wirklich?

Tesche: Das sind sie auf jeden Fall sehr - da hat sich glücklicherweise einiges geändert. Man muss aber auch dazusagen, dass die Rollen in den Vorlagen gar nicht so ausführlich geschrieben waren. In den Vorlagen hat Ian Fleming die Frauen auf Äußerlichkeiten, auf Formen reduziert. Viele der Frauen in den früheren Filmen waren aber auch nicht unbedingt präsente und bekannte Schauspielerinnen, sondern sie kamen aus Miss-Wahlen oder Modekatalogen.

Es gibt dazu eine schöne Aussage von Britt Ekland, die 1974 neben Roger Moore in dem Film "Der Mann mit dem goldenen Colt" eine Hauptrolle gespielt hat: "James-Bond-Filme zu drehen, bedeutet 70 Prozent Publicity und 30 Prozent Schauspiel." Ich glaube, das galt viele Jahre leider immer so. Da hat man auf andere Dinge geachtet, als auf das, was die Leute tatsächlich können. Das hat sich erst später ein bisschen geändert. Beim Film "Der Spion, der mich liebte" von 1977 zum Beispiel gab es eine adäquate Frauenrolle: eine russische Spionin, gespielt von Barbara Bach, die James Bond auch mal einen Schritt voraus war. Das hat sich in den letzten Jahren ein bisschen verbessert. Es ist inzwischen auch verboten, Frauen im Bikini auf den Plakaten und in der Werbung zu zeigen. Man will von diesem Image weg - aber natürlich ist der Begriff "Bond-Girl" immer noch sehr präsent.

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Tesche: Einer der Gründe, warum man in einen James-Bond-Film geht, ist der attraktive Mann, der die Hauptrolle spielt. Es gibt eine Reihe von Umfragen: Die Frauen ziehen die Männer in einem Bond-Film mit. Natürlich verurteilen sie das, was sie zum Teil dort sehen oder hören, aber James Bond ist so etwas wie die perfekte Affäre. Der hat ein unbegrenztes Budget, ein tolles Auto, der ist gepflegt, kann einen im Privatjet irgendwo hinfliegen oder kann mit einem die tollsten Restaurants der Welt besuchen und in den schönsten Hotels übernachten. Und nach der Nacht ist er wieder weg, weil er sich nicht bindet. Da gibt es zwar ein, zwei kleinere Ausnahmen, aber tatsächlich ist er das perfekte Abenteuer für eine Nacht. Und da gibt es nicht wenige Frauen auf diesem Planeten, die das auch schätzen.

Der letzte James Bond, Daniel Craig, war einer mit Lizenz zu Trauma und Herzschmerz: ein neuer Bond-Typ, verletzlicher, moderner. Ein gebrochener Mann oder ein geläuterter Macho?

Tesche: Eher ein gebrochener Mann. Es gibt diese körperlichen Schwächen: Er ist nicht mehr so erfolgreich und kriegt selber was ab. Vor allen Dingen - und das ist etwas, was sein Weltbild so richtig ins Wanken bricht - sind Leute um ihn herum, die ihn und den MI6, seinen Arbeitgeber, verraten. Dann gibt es auch diese weinerlichen Szenen, wo zum Beispiel M verstirbt und so weiter. Er ist in gewisser Hinsicht schon ein gebrochener Mann und das Machogehabe ist glücklicherweise ein bisschen raus - aber das heißt nicht, dass er in nächster Zeit nicht wieder auftauchen würde. Man muss nun versuchen, einen neuen Typ von James Bond zu erschaffen. Die größte Aufgabe wird sein, dass es hoffentlich keinen Dracula-Moment geben wird und er doch noch lebt, eine Gesichtsoperation bekommt und plötzlich anders aussieht. Da haben sich die Produzenten mit den letzten Szenen von "No Time to Die" selbst ins Knie geschossen - wer weiß, wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen.

"Bond 26", so der Arbeitstitel, soll nicht vor 2025 rauskommen. Es brodelt die Gerüchteküche, wer Daniel Craigs Nachfolger werden könnte. Haben Sie einen Tipp für den siebten Bond-Darsteller? Es soll ja wieder ein Mann werden, heißt es.

Tesche: Es macht keinen Sinn, jetzt eine Jane Bond zu erfinden. Das hat man schon früher immer mal probiert mit allen möglichen Schauspielerinnen - das hat nicht funktioniert. Man hat auch mal eine Serie geschrieben, die dann wieder in der Versenkung verschwunden ist. Ich würde grob sagen: Erstens - ein jüngerer Mann Anfang bis Mitte 30. Zweitens britisch, also aus dem British Commonwealth oder aus Wales oder Irland.

Und eine Person of Color?

Tesche: Ich glaube nicht. Da hat man immer mal so kleinere Anspielungen gehabt mit Felix Leiter, der mal schwarz war, oder mit Lashana Lynch, die als Schwarze in "No Time to Die" eine Rolle gespielt hat. Aber das glaube ich ehrlich gesagt nicht.

Dazu kommt: Es muss jemand sein, der ein kleines Renommee in der Schauspielbranche hat: mehrere Theaterstücke, vielleicht ein, zwei Filme, vielleicht eine Fernsehserie. Aber keine Leute, die schon seit Jahren in der Branche sind und sich ein entsprechendes Renommee mit anderen Figuren erworben haben. Es wird ein Unbekannter sein, den wir alle noch nicht kennen und der dann mindestens für drei Filme, am liebsten für vier oder fünf unterschreibt und der dann die nächsten zehn oder zwölf Jahre mit diesem Image James Bond herumlaufen wird. Viele werden sich lediglich an den Rollennamen erinnern und nicht an den tatsächlichen Geburtsnamen.

Das Gespräch führte Philipp Cavert.

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NDR Kultur | Journal | 05.10.2022 | 17:30 Uhr

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