Stand: 31.08.2020 13:59 Uhr

Drei Mal Schiller bei Saisoneröffnung am Thalia Theater

von Peter Helling

Das Hamburger Thalia Theater hat am Sonntag seinen Spielbetrieb wieder aufgenommen, auch wenn von Normalität noch keine Rede sein kann. Mit der letzten Premiere von Hausregisseur Antú Romero Nunes "Ode an die Freiheit" feierte das Große Haus seine Wiederbespielung nach beinahe einem halben Jahr Corona-Schließung. Während der Schließung hatte Nunes mit dem Thalia-Ensemble drei Theaterfilme über die Schiller-Stücke "Maria Stuart", "Wilhelm Tell" und "Kabale und Liebe" gedreht. Nun hatte das Triptychon über die Freiheit auf der Bühne des Thalia Theater Premiere.

VIDEO: Thalia Theater startet Saison mit "Ode an die Freiheit" (3 Min)

Schiller-Abend "Ode an die Freiheit"

Ein bärtiger Waldschrat kniet mit schussbreiter Armbrust - und linst ins Publikum. Hinten wird eine Alpenszene sichtbar, gemalt auf eine riesige Leinwand, mit Wasserfällen und Bergzinnen. "Wilhelm Tell" - Antú Romero Nunes zielt mit diesem Klassiker-Zitat aufs Herz seines Publikums. Und er trifft! Ein Besucher sagt: "Schillers Freiheitsbegriff war auf das Wesentliche reduziert, aber ich fand’s ganz großartig gemacht.". Ein anderer ergänzt: "Die Mischung aus Texttreue und modernen Elemente, haben sehr gut harmoniert."

Zwei Schauspieler, Paul Schröder und Thomas Niehaus, im Kettenhemd (links) und mit langem Bart (rechts) stehen auf der Bühne in "Wilhelm Tell" von Antú Romero Nunes am Thalia Theater © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic
Paul Schröder und Thomas Niehaus frühstücken witzig und temporeich den Wilhelm-Tell-Mythos ab.

Wahrscheinlich fängt Nunes‘ Schillerabend "Ode an die Freiheit" mit diesem Augenzwinkern in die Schweiz an, weil er sich nach Basel verabschiedet, in die Schauspiel-Direktion. Auch Eidgenossen finden sich im Publikum: "Wir sind extra aus der Schweiz hierhergefahren, weil wir seit 15 Jahren begeisterte Fans des Thalia Theaters sind, und es hat uns sehr, sehr gut gefallen."

Drei Schiller-Klassiker, drei komprimierte Szenen: "Wilhelm Tell", hier lassen die beiden Schauspieler Paul Schröder und Thomas Niehaus eine Ahnung aufflackern, dass Freiheit und Nationalismus sich schlecht vertragen. Tell wird hier zum bornierten Gartenzaun-Zwerg. Gewohnt witzig und temporeich frühstücken die beiden Schauspieler den Mythos ab, inklusive schiefen Plastikzähnen und Sepplhosen.

Rokoko-Teil des Abends "Kabale und Liebe"

Dann folgt zweite Teil, ein Kondensat aus "Kabale und Liebe".

Du bist meine Luise, wer kann den Bund zweier Herzen lösen oder die Töne eines Akkords auseinanderreißen Zitat aus Schillers "Kabale und Liebe"

Drei Schauspieler mit Rokoko-Perücken sitzen um einen Tee-Tisch im Stück "Kabale und Liebe", Teil des Stücks "Ode an die Freiheit" am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic
Zu "Kabale und Liebe" wähnt man sich im Theater der 50er-Jahre.

Im Rokoko-Ambiente zu sehen sind Puderperücken, edle Fauteuils vor hohen Fenster-Silhouetten, als wären wir mitten im Theater der 50er-Jahre. Hier geht es um die Freiheit der Liebe, jede Standesschranke zu sprengen, und Nunes will wohl die männliche Gewalt, die sich als Liebe tarnt, entlarven. Immer im Rollenwechsel - eine Art Schiller-Labor. Aber der Abend verbindet sich nicht zu einem Ganzen: Dieses Theater kann sich zwischen Versuchsanordnung und überdrehter Gag-Lawine nicht entscheiden. Ein Theaterabend ohne Geheimnis. Dieses Freiheits-Potpourri, es erzählt leider nichts Neues. Der stärkste Teil des Abends ist der dritte: "Maria Stuart".

Ich hab' ertragen, was ein Mensch ertragen kann! Zitat aus Schillers "Maria Stuart"

Neuhäuser und Nüsse glänzen in "Maria Stuart"

Karin Neuhäuser und Barbara Nüsse im Königinnenduell mit Perücken im Stück "Maria Stuart", Teil des Stücks "Ode an die Freiheit" am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic
Karin Neuhäuser und Barbara Nüsse liefern sich ein starkes Königinnen-Duell im dritten Teil des Abends - "Maria Stuart".

Karin Neuhäuser und Barbara Nüsse als Königinnenduell in einer Art Bushaltestelle. Zwei ihrer Würde beraubte Damen, die sich auf Schokolade und Bananen und billigen Schampus stürzen. Es sind zwei weibliche Clowns, die das Rollenspiel der Macht überhöhen und ausreizen bis zur Selbstaufgabe. Da, endlich, flackert auf, was der Abend hätte sein können: Drei mutige Versuche, Freiheit zu dem entscheidenden Begriff von heute zu erklären - auch mal ohne Dauer-Ironie.

Lisa Hagmeister mit Rokoko-Perücke hängt auf einem Stuhl in "Kabale und Liebe", Teil des Stücks "Ode an die Freiheit" am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic

AUDIO: "Ode an die Freiheit": Premiere am Thalia Theater (4 Min)

Drei Mal Schiller bei Saisoneröffnung am Thalia Theater

Mit "Ode an die Freiheit" hat am Sonntag die Saison am Thalia Theater in Hamburg begonnen. Die letzte Premiere für Regisseur Antú Romero Nunes erzählt trotz Gag-Lawinen nichts Neues.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Thalia Theater - Großes Haus am Alstertor
Alstertor
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 328 14 444
Preis:
7,00 - 31,00 Euro
Öffnungszeiten:
Mo-Sa 10-19 Uhr
So und Feiertage 16-18 Uhr
Kartenverkauf:
theaterkasse@thalia-theater.de

thalia-theater.de
Hinweis:
Regie: Antú Romero Nunes
Dramaturgie: Matthias Günther
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Victoria Behr
Mit: Lisa Hagmeister, Karin Neuhäuser, Thomas Niehaus, Jörg Pohl, Paul Schröder, Cathérine Siefert, Barbara Nüsse
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 31.08.2020 | 06:40 Uhr

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