Stand: 10.11.2017 17:00 Uhr

Lammert: "Sprache ist das wichtigste Medium"

Die Eberhard-Schöck-Stiftung aus Baden-Baden und der Verein Deutsche Sprache verleihen zum zehnten Mal ihren Kulturpreis Deutsche Sprache. Drei Kategorien gibt es da: den Initiativpreis, den Institutionenpreis und als Hauptkategorie den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache - dotiert mit stattlichen 30.000 Euro. In diesem Jahr geht er an den früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.

Herr Lammert, in der Jurybegründung heißt es, sie bekämen diesen Preis "für die beispielhafte sprachliche Qualität, die ihre Reden aufweisen", aber auch dafür, dass für Sie "die grundlegende Bedeutung der deutschen Sprache für unser Gemeinwesen stets eine Leitlinie ihres politischen Handelns war". Die deutsche Sprache als Leitlinie - finden Sie sich darin wieder?

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Norbert Lammert war von 2005 bis 2017 Präsident des Deutschen Bundestages.

Norbert Lammert: Naja, Jurys und Laudatoren neigen bei Preisverleihungen auch zu gutgemeinten Übertreibungen. Richtig ist, dass ich die Sprache nicht für irgendein Medium halte, sondern für das unter jedem denkbaren Gesichtspunkt mit Abstand Wichtigste. Ich glaube auch, dass es für die Politik nicht nur das unverzichtbare Mittel der Verständigung und der Vermittlung von Einsichten und Absichten ist, sondern dass die Politik auch eine besondere Verantwortung dafür hat, wie sie selbst und - mit dem guten oder auch schlechten Beispiel - andere mit der eigenen Sprache umgehen.

Wo verläuft da für Sie die Grenze? Von außen heißt es oft: Die sollten verbal abrüsten und den Mund nicht so gefährlich voll nehmen. Oder auch umgekehrt: Die sollen doch mal Klartext reden und klare Kante beweisen.

Lammert: Allein die beiden Nachfragen machen deutlich, dass es zum Teil sich wechselseitig ausschließende Erwartungen gibt. Man kann auch andersherum sagen: Es gibt nicht die Art von Debatte, mit der man es jedem recht machen könnte. Deswegen wäre das auch nicht meine Empfehlung, diesen Versuch zu unternehmen, sondern den jeweiligen Sachverhalt so eindeutig wie möglich, so unmissverständlich wie möglich, deswegen auch sprachlich so klar wie möglich, aber auch mit dem Schuss von Temperament vorzutragen, durch den sich eine Debatte von einem unfallfrei vorgelesenen Manuskript unterscheidet.

Waren nach diesen Kriterien Herbert Wehner und Franz Josef Strauß die besseren Demokraten?

Norbert Lammert © Deutscher Bundestag/Lichtblick Fotograf: Achim Melde

Lammert: "Sprache ist das wichtigste Medium"

NDR Kultur -

In diesem Jahr geht der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache an Norbert Lammert. Auf NDR Kultur spricht der frühere Bundestagspräsident über die Wichtigkeit der deutschen Sprache.

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Lammert: Nein, eben nicht. Ich bin fast froh, dass Sie mich das fragen. Denn der Umstand, dass beide zwei ganz unterschiedliche, aber jeweils eindrucksvolle Redner waren, sagt weder etwas über ihre sonstigen persönlichen Eigenschaften noch über ihre demokratische Gesinnung aus. Würde man den Eindruck, den Redner hinterlassen, für einen Nachweis ihrer demokratischen Begabung halten, müssten wir mit Blick in die jüngere deutsche Geschichte zu einem erschreckenden Befund kommen. Große Demagogen sind im Zweifelfall eher nicht die großen Demokraten.

Sie machen sich auch sehr für die deutsche Sprache stark, möchten sie in der Europäischen Union, in der Wissenschaft stärker verankert wissen. Sind wir in 2017 nicht eher an dem Punkt, in einer globalisierten, internationalen Welt, wo wir uns am ehesten auf Esperanto einigen müssten, damit wir uns miteinander verständigen und uns nicht auf unsere eigene Sprache zurückbeziehen?

Lammert: Der letztere Versuch ist ja längst unternommen worden und er ist bezeichnenderweise gescheitert. So attraktiv und schon gar sich selbst erklärend ist eine universale Sprache dann auch nicht. Der Versuch, eine Kunstsprache anstelle lebendiger, historisch gewachsener Sprachen zu setzen, ist trotz erheblicher Anstrengungen jämmerlich gescheitert.

Dass es in einer globalen Welt eine viel stärkere Notwendigkeit als jemals zuvor gibt, sich in einer Weise möglichst schnell und unkompliziert miteinander verständigen zu können, und dass das nicht - und schon gar nicht immer - durch möglichst viele Sprachen gleichzeitig, sondern einfacher durch eine Sprache geht, auf die sich möglichst viele als Verständigungsmittel verstehen können, ist nicht weiter erläuterungsbedürftig. Aber umso größer ist doch die Verantwortung, die jedes eigene Land für seine eigene Sprache hat. Und die deutsche Sprache gehört noch immer zu den zehn größten, am meisten gesprochenen Sprachen weltweit - von immerhin einigen tausend Sprachen, die es nach wie vor gibt. Und dass nicht alles und jedes in Deutsch veröffentlicht, gesprochen und verhandelt werden kann, aber eben vieles doch, das muss man jeweils im Blick haben.

Ich habe überhaupt keine Einwände dagegen, dass wir schon gar in europäischen Zusammenhängen uns immer wieder und auch gerne des Englischen bedienen. Aber eine Begründung dafür, die eigene Sprache für zweitrangig oder nachrangig zu halten, kann ich nicht finden, zumal wir im Übrigen aus guten Gründen von Anfang an im europäischen Einigungsprozess die Vereinbarung haben, dass Französisch, Deutsch und Englisch die gleichberechtigten Arbeitssprachen in der Gemeinschaft sind.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.11.2017 | 19:00 Uhr

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