Das Landesfunkhaus des NDR in Kiel in der Morgendämmerung © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Kritik am NDR: "Die Vorwürfe verlangen nach lückenloser Aufklärung"

Stand: 07.09.2022 15:27 Uhr

Im NDR Landesfunkhaus in Kiel soll die politische Berichterstattung beeinflusst worden sein. Ein Interview mit dem Leiter der Redaktion für Religion und Gesellschaft Florian Breitmeier zu den Vorwürfen gegen leitende Mitarbeiter des Landesfunkhauses in Kiel.

Die Vorwürfe der Beeinflussung der politischen Berichterstattung stehen seit einigen Tagen im Raum. Nun ist ein weiterer Fall bekannt geworden, bei dem Druck auf den einen berichtenden Journalisten in Kiel ausgeübt wurde. Bei der Aufdeckung eines Skandals über die Praktiken zur Verschickung der Heimkinder in den Nachkriegsjahren durch Reporter des Schleswig-Holstein Magazins soll es nach Recherchen des "Stern" zu ungewöhnlichen Eingriffen durch die Leiterin der Politikredaktion gekommen sein. Zudem soll es im Landesfunkhaus Druck gegeben haben, das DRK als einen der Betreiber der Heime nicht zu nennen. Zum Zeitpunkt der Recherchen habe es laut "Stern" persönliche Verbindungen zwischen dem DRK in Schleswig-Holstein und dem Rundfunkrat des NDR gegeben.

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Florian Breitmeier, was sagst Du zu dem, was wir da hören? Was geht Dir dabei durch den Kopf?

Florian Breitmeier: Das beschäftigt mich schon sehr, weil wir natürlich jeden Tag versuchen, den hohen journalistischen Ansprüchen, die die Menschen im Norden zurecht an uns stellen und wir selbst in den Redaktionen auch an uns stellen, gerecht werden. Gerade bei so einem hochsensiblen Thema, der sexualisierten Gewalt, spielen in der medialen Berichterstattung Vertrauen und Unabhängigkeit eine immens wichtige Rolle. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen oft erst nach Jahrzehnten bereiterklären, über die Verbrechen, die sie erleiden mussten, zu sprechen. Deshalb wenden sie sich oft aus sehr guten Gründen an den NDR, weil sie wissen, wie dort mit ihren Informationen umgegangen wird. Es macht deshalb fassungslos, wenn bei diesem Thema jetzt der Vorwurf im Raum steht, es habe womöglich eine angeordnete Zurückhaltung gegenüber großen Institutionen gegeben, deren Namen nicht zu nennen. Die Vorwürfe wiegen schwer und verlangen auch nach einer transparenten und lückenlosen Aufklärung in Kiel, die der NDR auch zugesichert hat und das auch angeht.

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Das ist ein hochkomplexes Berichtsgebiet, da geht es ganz viel um Persönlichkeitsrechte. Passiert das in dem Bereich häufiger, dass versucht wird, ein Handtuch über die Sache zu werfen?

Breitmeier: Ich selbst arbeite schon seit mehr als zehn Jahren auch an diesem Thema der sexualisierten Gewalt in den beiden großen Kirchen, katholisch und evangelisch. Und ich habe es noch nicht erlebt, das irgendjemand im NDR versucht hätte, übergriffig Einfluss auf meine Arbeit zu nehmen oder eine Geschichte gegen meinen Willen in die eine oder andere Richtung zu drehen. Das wäre auch inakzeptabel. Ich habe heute mit dem NDR Kollegen Sebastian Bellwinkel gesprochen, der, vor allem im Fernsehen, noch länger über das Thema der sexualisierten Gewalt berichtet, sehr wichtige und auch aufrüttelnde Filme und Dokumentationen gemacht hat, zum Beispiel "Schutzlos: Sexuelle Gewalt gegen Kinder", der als Dreiteiler in der ARD Mediathek zu sehen ist. Und auch er sagt, journalistisch gelenkte Einflussnahme habe es auf seine Arbeit nicht gegeben. Das gilt selbstverständlich nicht nur für uns.

Täter und Organisationen zu nennen, die im Rahmen einer unabhängigen und fairen Berichterstattung auch zu nennen sind, das ist der journalistische Standard. Alles andere ist nicht hinnehmbar, weil es um Unabhängigkeit und damit um eine saubere Recherche geht. Das ist und bleibt im gesamten NDR wichtig - selbstverständlich nicht nur bei diesem Thema der sexualisierten Gewalt.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.


07.09.2022 15:26 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde der "Stern" mit einer Verdachtsberichterstattung über konkrete Personen im Zusammenhang mit der DRK-Berichterstattung zitiert. Da uns dazu keine Belege vorliegen, haben wir den Bericht entsprechend geändert.

 

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