Stand: 17.10.2019 17:43 Uhr  - NDR Kultur

"Ich hoffe, mich in die Köpfe zu schmuggeln"

Mit Worten die Welt bewegen, in Richtung Nachdenklichkeit: Das will Katharina Hacker mit dem originellen Kurzessay-Band: "Darf ich Dir das Sie anbieten?" Der Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur, Ulrich Kühn, hat sie auf der Frankfurter Buchmesse zum Gespräch getroffen.

Frau Hacker, Ihr Essay-Band "Darf ich Dir das Sie anbieten?" ist ein Notizbuch für die Zeit "zwischen zwei Haltestellen", schreiben Sie. Ist das der Versuch, in der für die Gegenwart passendsten Form zwischen die Gedanken vorzustoßen, die permanent rasend in uns um sich selbst kreisen, vielleicht auch einen Ausweg zu finden?

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Auf der Frankfurter Buchmesse hat Ulrich Kühn Katharina Hacker zum Gespräch getroffen.

Katharina Hacker: Einen Ausweg und die Möglichkeit, kurz etwas zu lesen, was auf der einen Seite die eigene Sprachlebendigkeit wachkitzelt und auf der anderen Seite vielleicht Gedankenfutter ist.

Ein Beispiel aus dem Essay-Band: "Immer wieder geht es darum, wie man sich zu dem stellt im Leben, was man verpasst. Der Umgang mit Dingen, die einem entgehen, ist gerade so wichtig wie der mit dem, was einem zufällt. Abwegig ist es dabei nicht, dass man sich auch über Dinge freut, die hätten sein können." Das sind ziemlich genau 280 Zeichen, aber es steckt so viel drin, dass man vielleicht ein Leben lang nicht damit fertig wird. Und ich nehme an, so ist das doch auch gedacht.

Hacker: Es ist so ein bisschen ein Extrakt. Nach den Romanen, in denen auch immer hoffentlich möglichst viele Gedanken stecken, die sich aber im Roman gewissermaßen durchschlängeln, wollte ich möglichst präzise und kurz die Essenz dessen zusammenfassen, womit ich mich seit Jahrzehnten beschäftige.

Ist das so eine Art Guerilla-Taktik der sanftesten Art, eine Konterform?

Hacker: Ganz genau. Das ist das erste Mal, dass ich hoffe, mich in die Köpfe von Leuten zu schmuggeln, die vielleicht nicht unbedingt philosophische Essays lesen würden und vielleicht auch nicht meine Romane. Aber ich wollte gerne einen Gedankenanstoß geben oder so ein bisschen Licht oder auch Widerspruch hervorrufen.

Und die Einladung, sich Notizen zu machen? Weil teilweise auf den Seiten viel weißer Platz frei ist.

Hacker: Es ist ein wunderbares Papier. Ich hab es sofort ausprobiert - man kann herrlich mit Füller oder Bleistift schreiben. Was ich auch wichtig finde, weil ich auch manchmal gerne zeichne, obwohl ich überhaupt kein Talent habe: Man kann hervorragend radieren.

Buchtipp

Darf ich Dir das Sie anbieten? Minutenessays
von Katharina Hacker
Berenberg Verlag
Seiten: 120 Seiten
ISBN: 978-3946334576
Preis: 18,00 Euro

Das heißt, es lohnt sich gelegentlich, das, was man für schon gedacht hält, auch wieder zu überschreiben, zu radieren, neu anzusetzen?

Hacker: Und auch, was meine glücklichste Vorstellung wäre: Man nimmt es, schreibt etwas rein, kommentiert und verschenkt es. Dass es ein Buch ist, was vielleicht einen Anlass zum Gespräch gibt, aber vor allem den Lesern den Platz gibt, selber einen Kommentar zu schreiben und es damit weiterzugeben.

Ich möchte gern noch einen dieser Gedanken zitieren: "Es gibt Zeiten, in denen die Sprache zu nichts da zu sein scheint, als die Position zu bestimmen, dies und jenes genau abzugrenzen und sich von anderen." Das liest man und denkt vielleicht: So eine Zeit erleben wir gerade - pro oder contra, gut oder schlecht -, und es ist wenig Raum für das Dazwischen. Haben wir zu viele, zu schnelle Meinungen?

Hacker: Unbedingt. Ich muss auch über mich selber so lachen. Das hat bei mir mit 40 angefangen, wo ich dachte: Das ist jetzt nicht wahr. Jetzt hast du plötzlich auch immer wieder eine Meinung. Man versucht auch, manchmal eine gewisse Würde in seinem eigenen Auftritt zu legen, was ich fast immer idiotisch finde, und revidiert die Meinung nicht. Ich finde es gut, wenn man etwas behauptet, aber doch bitte als Frage, als Möglichkeit, Einspruch zu erheben, als Möglichkeit, den eigenen Wörtern zuzuhören und dann zu sagen: Da ist mir etwas entgangen. Weil meistens entgeht einem ja etwas.

Heißt das, in all dem Reden über alles und jedes, permanent, ist Ihnen in Wahrheit viel zu wenig Offenheit, viel zu wenig Geöffnetsein für das, was auch noch hineinfallen könnte ins eigene Denken?

Katharina Hacker © picture-alliance / dpa Foto: Erwin Elsner

"Ich hoffe, mich in die Köpfe zu schmuggeln"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Mit Worten die Welt bewegen, in Richtung Nachdenklichkeit: Das will Katharina Hacker mit dem originellen Kurzessay-Band: "Darf ich Dir das Sie anbieten?" Auf NDR Kultur spricht sie darüber.

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Hacker: Und viel zu wenig genauer Blick. Ich bin leidenschaftlich dafür, dass man Dinge erst versucht, sorgsam zu beschreiben. Und zwar nicht zu beschreiben, um auf eine Kausalität zu kommen, und auch nicht zu beschreiben, um plötzlich zu dem irrsinnigen Gedanken zu kommen, dass es felsenfeste Fakten gibt. Blicke sind auch immer vorläufig. Und ich finde, das ist unsere Würde und unsere Menschenfreiheit, dass wir uns dessen bewusst sind und das, was uns in der Welt begegnet, zum Anlass nehmen, Raum für andere Menschen und vielleicht auch Raum für die Natur zu schaffen.

Wenn es keine felsenfesten Fakten gibt, sondern nur Zugänge zu Wirklichkeiten, steht am Ende dann auch jede Perspektive als für sich gleichberechtigt mit der je anderen neben dieser je anderen? Oder würden Sie sagen, es gibt schon so etwas wie eine gedankliche Stringenz, mit der man den Gedanken schlüssig entfaltet - oder sich andererseits, wenn man ihr nicht folgt, eben verirrt?

Hacker: Sie haben es gesagt: Das Wichtigste ist die Stringenz, auch dass man versucht, etwas kohärent zu fassen. Und das andere ist das, was zwischen Menschen ausgehandelt wird. Ich finde, man sollte sehr misstrauisch werden, wenn man mit einer Meinung ganz alleine ist. In den seltensten Fällen ist man einfach erstens genial und zweitens heroisch - meistens irrt man sich ja.

Sie nehmen auch Begriffe auf, die sehr en vogue sind, etwa "authentisch": "Inszeniert sollte im Leben viel mehr sein. Das Authentische neigt zur Socke und Trainingshose." Das ist ein sehr pointiert Ersatz. "Aus der Ferne sieht man, wie segensreich Lippenstift ist oder delirierender Charme über einem Abgrund." Gibt es das überhaupt, Authentizität? Machen wir uns da irgendwas zurecht?

Podcast-Teaserbild Das Journal von NDR Kultur © NDR

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Hacker: Es ist ja so ein beliebtes Wort, und es ist ein Begriff, der immer andeutet, dass jetzt auch für Wahrheit gebürgt ist. Und das missfällt mir. Wenn ich authentisch bin, bin ich oft ganz unerfreulich und gar nicht angenehm: müde, schlampig, schlecht gelaunt, hochfahrend. Und ich habe dafür wenig übrig. Ich will meine Emotionen nicht zu etwas machen, was mein Verhalten begründet, sondern zum Anstoß, um mit anderen Menschen und der Welt umzugehen. Aber warum man Authentizität so heilig findet, das hat mir noch nie eingeleuchtet. Mir ist es oft sehr unangenehm.

Hängt damit zuletzt auch der Titel des Büchleins zusammen, "Darf ich Dir das Sie anbieten?" Unter der Überschrift "Sie" steht geschrieben: "Auch den vertrautesten Menschen würde ich zuweilen gerne das Sie anbieten." Warum?

Hacker: Ich glaube, in einer kleinen Distanz sieht man oft besser. Wenn Sie als Beispiel die Familie nehmen: Die Familie ist oft der Ort, wo man mit nächsten Menschen schlampiger ist als mit allen anderen sonst, wo keiner eine Blume geschenkt bekommt, wo niemand sich zum Abendessen umzieht, um meistens diejenige zu würdigen, die das Abendessen gekocht hat. Man vergisst Gesten, man vergisst, dass man dafür verantwortlich ist, die anderen schön erscheinen zu lassen. Und deswegen bin ich oft für Distanz.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.10.2019 | 19:00 Uhr

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