Viele Menschen bei einem Protestmarsch mit Plakaten und Fahnen © Fareed Khan/AP/dpa Foto: Fareed Khan

Karikaturen: Auch Satire ist nicht grenzenlos frei

Stand: 11.11.2020 16:34 Uhr

Der erneuten Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im französischen Satireblatt "Charlie Hebdo" folgten Proteste, Boykottaufrufe und Gewalt. Was bedeutet das für die Arbeit von Karikaturisten?

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von Peter Helling

Mit dem brutalen Mord an dem Lehrer Samuel Paty, der Karikaturen im Unterricht durchgenommen hat, ist der islamistische Terror zurück in Europa. Was macht der Terror mit der Arbeit von Karikaturisten in Deutschland? Dürfen sie, wollen sie weiter zeichnen? Peter Helling hat mit zwei Profis ihres Fachs gesprochen.

Tomicek: Sticheln, nicht erstechen

Eine satirische Zeichnung zeigt den nackten US-Präsidenten Donald Trump mit einer Peitsche. Vor ihm liegt ein älterer Herr mit Bart und US-Flaggen-Hut. © Jürgen Tomicek
"Wahl der Qual", Karikatur des Zeichners Jürgen Tomicek

Jürgen Tomicek teilt gerne aus: Eine aktuelle Zeichnung zeigt Donald Trump im Sado-Maso-Look, wie er dem nackten Uncle Sam eine erneute Sex-Behandlung - also: eine zweite Amtszeit - verspricht: "Noch einmal?" steht in einer Sprechblase über Trump, Uncle Sam sieht ziemlich verdattert aus. Es sind witzige Eye-Catcher, man schmunzelt sofort. Tomicek sagt aber auch: "Karikaturen zeichnen bedeutet nicht unbedingt, mit der Axt um sich zu schlagen. Sondern mit dem Florett zu fechten, etwas feingliedriger: zu sticheln, aber nicht zu erstechen, auf Deutsch gesagt."

Grenzbereiche akzeptieren

Karikaturist Tomicek ist einer der wichtigsten satirischen Zeichner im deutschsprachigen Raum, er veröffentlicht täglich in etlichen Redaktionen. Den platten Witz, auch den verletzenden über eine Religion, sieht er aber kritisch. Er spricht von Grenzbereichen. "Satire ist ein äußerst wichtiger Bestandteil unserer Kultur, der Meinungs- und Pressefreiheit sowieso. Aber dass man permanent versucht, diesen Grenzbereich für sich zu vereinnahmen, halte ich schlicht und ergreifend für daneben", findet Tomicek.

Islam und Terror nicht in direkte Verbindung bringen

Ein besonders "dummes" Beispiel, wie Tomicek es nennt: "Keiner käme auf die Idee, Witze über Juden oder jüdisches Leben zu zeichnen. Eigentlich unvorstellbar bei uns." Er kenne viele Muslime persönlich, und eine Sache stellt er gleich klar: "Den Islam und den Terror in direkte Verbindung zu bringen, da liegen Welten dazwischen. Was da geschieht, sind Verbrechen, auf Deutsch gesagt. Da irgendwie eine Islam-Nähe herauszudichten - ich habe da meine Probleme mit", gibt Tomicek zu. Aber: Ja klar, er wolle natürlich auch weiter witzige Zeichnungen über die terroristische Gewalt machen. "Selbstverständlich, genauso wird sie auch weiterhin Ziel der Karikaturisten, auch meiner Wenigkeit sein, das mit Sicherheit."

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Wieso Karikaturen so verhasst sind

Wieso aber sind es gerade Karikaturen, die so viel Hass auf sich ziehen? (Link zu br.de) extern

Auch "Titanic"-Satire hat Grenzen

Grenzen immer wieder auszuloten, aber nicht pausenlos versuchen, Grenzen mit Gewalt einzureißen - das findet Leonard Riegel wichtig. Er ist der verantwortliche Cartoon-Redakteur der Satire-Zeitschrift "Titanic". Wie findet er, dass das französische Blatt "Charlie Hebdo" die umstrittenen Mohammed-Karikaturen nochmal gezeigt hat?

Es sei natürlich erlaubt, sagt Riegel, "und wir finden schon gut, dass 'Charlie Hebdo' von den Zeichnungen im Nachhinein auch nicht Abstand nimmt." Daraus einen Umkehrschluss zuziehen, dass man das gerade jetzt machen muss, das sehe er nicht so.

Ein Plakat mit Regeln und Anweisungen in verschiedenen Farben. © Picture-Alliance/dpa-Bildfunk Foto: Arne Dedert
Das "offizielle Torona-Konzept für die DFL": Die "Titanic"-Redakteure wollten dem DFL im Mai 2020 ihr "11+11"-Konzept für den sicheren Spielbetrieb präsentieren.
Die Satire-Zeitschrift pflegt eher den Witz

Karikaturen in der "Titanic" seien auch oft brachial, aber vielleicht insgesamt weniger direkt, mehr ins Absurde gehend und dadurch nicht immer auf eine klare Aussage festzunageln - im Vergleich zu "Charlie Hebdo", führt Riegel weiter aus. Vielleicht eigne sich diese humoristische Sprache nicht ganz so sehr, solche Reflexe auszulösen. Reflexe wie kürzlich in Frankreich und vielen anderen Ländern: Anschläge, hasserfüllte Demonstrationen.

Aber auch die "Titanic" eckt an: Legendär war das Cover, auf dem ein gekreuzigter Jesus Christus eine Klo-Rolle hält: Darunter stand: "Spielt Jesus noch eine Rolle?" Was die Verletzung religiöser Gefühle angeht, hat das Blatt also Übung. Leonard Riegel findet das Wort schwierig: "Es gibt ja immer wieder diesen Begriff von den religiösen Gefühlen. Das ist für mich sehr nebulös und ich weiß eigentlich auch nicht, was damit gemeint ist. Ich glaube nicht, dass das etwas ist, auf das man Rücksicht nehmen sollte." Das Credo seiner Redaktion: Ein Witz soll lustig sein. Und: "Ja natürlich, es gibt ja den Satz 'Jede Religion hat das Recht, durch den Kakao gezogen zu werden.'"

Dennoch geben ihm die Reaktionen von muslimischer Seite zu denken. Riegel findet, "dass Muslime in Deutschland tendenziell eher marginalisiert sind oder zumindest nicht die Mehrheitsgesellschaft darstellen, und da kann man sich natürlich schon die Frage stellen, ob das der richtige Ansatz ist, da drauf zu hauen."

Tomicek: Beleidigung darf nicht in die Tiefe gehen

Für Jürgen Tomicek muss eine Karikatur die tagesaktuelle Meldung verdaulich machen, für ihn ist sie eine "umgangssprachliche Metapher". Und: Tomicek will seine Freiheit ausleben, eine Freiheit - mit Grenzen: "Freiheit heißt nicht, grenzenlos frei um sich zu schlagen. Da wo Beleidigungen ins Tiefste gehen, da hat auch die Satire nichts mehr verloren", findet Tomicek.

Sara Qaed © Sara Qaed

AUDIO: Cartoons und Hijab (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 12.11.2020 | 19:00 Uhr