Buddhaköpfe aus China sind im Humboldt Forum ausgestellt. © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

Humboldt Forum zeigt erstmals Objekte aus kolonialem Kontext

Stand: 20.09.2021 16:24 Uhr

Ab Donnerstag zeigt das Berliner Humboldt Forum erstmals Objekte, die wegen kolonialer Hintergründe umstritten sind. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger.

Buddhaköpfe aus China sind im Humboldt Forum ausgestellt. © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen
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Herr Parzinger, das Humboldt Forum stand jahrelang unter Beschuss: wegen Geld, Bauverzögerung, Fassadengestaltung. Besonders aufgewühlt war die Kolonialdebatte. Empfinden Sie da noch so etwas wie Vorfreude, wenn Sie an die Eröffnung der außer-europäischen Sammlungen denken?

Hermann Parzinger: Doch, auf jeden Fall. Das ist eine ganz wichtige Debatte, die die Öffentlichkeit in den letzten Jahren so intensiv beschäftigt hat wie niemals zuvor. Insofern muss ein Museum, das auch Teil der Gesellschaft sein will und mittendrin stehen will, darauf auch reagieren und kann das nicht abblocken. Ich sehe darin auch eine große Chance. Wir arbeiten mit den Herkunftsländern zusammen und haben vier Stellen für Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher eingerichtet - da ist eine ganze Menge geschehen. Diese Forschungsergebnisse wollen wir unseren Besucherinnen und Besuchern präsentieren - das ist ganz wichtig. Wir wollen ja auch ein neues Verhältnis zum globalen Süden finden, und da müssen wir uns dieser Fragen annehmen. Gerade weil das in den zurückliegenden Jahrzehnten versäumt worden ist.

Heißt das, dass Sie nach wie vor neugierig auf diese Debatten sind? Es gibt ja als Beispiel die Debatte um das Luf-Boot, ein großes Auslegerboot, das von der Südsee-Insel Luf stammt. Auch hier stellt sich die Frage, unter welchen kolonialen Bedingungen das Boot nach Deutschland kam. Was empfinden Sie bei diesen Diskussionen? Sind die wirklich notwendig? Oder denken Sie manchmal auch: Aber jedes unserer Objekte ist doch diskussionswürdig?

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Parzinger: Das glaube ich eben nicht, dass jedes Objekt diskussionswürdig ist. Über jedes Objekt kann und soll man reden - aber dass man es unter einen Anfangsverdacht stellt, das finde ich schwierig. Und da sind wir genau beim Punkt: Wie war es damals eigentlich? Wo gab es Machtungleichgewicht? Wie sind die Dinge erworben worden, bevor sie nach Berlin kamen? Da muss man genau hinschauen. Die Grautöne sind eigentlich das, was Vergangenheit interessant macht, und nicht Pauschalisierungen und Schwarz-Weiß-Denken. Und das ist ein bisschen die Schwierigkeit. Da würde ich mir wünschen, dass man sieht, was schon geschehen ist. Gerade dieses Museum im Humboldt Forum ist heute mehr denn je eine Art Aushandlungsraum zu diesen Debatten.

Wir wollen auch Wissen über die Welt verbreiten. Es ist ganz wichtig, dass man den kolonialen Kontext und die Sammlungsgeschichte aufarbeitet, dass man den Besuchern zeigt, dass das Teil des Narrativs, Teil der Ausstellung wird. Aber umgekehrt ist die Fokussierung nur auf diesen Teil der Geschichte der Objekte ein Stück weit eine Entwertung, denn man muss auch beleuchten, was die Objekte uns über Kulturentwicklung auf anderen Kontinenten in den vergangenen Jahrhunderten erzählen können. Unsere Kooperationen mit Herkunftskulturen zeigen, dass sie auch diesen Aspekt erzählt wissen wollen, der sich mit diesen Objekten aufzeigen lässt.

Das sind außergewöhnliche Objekte. Wie kann es gelingen, den Wert dieser Objekte auch in den Mittelpunkt zu stellen?

Parzinger: Das muss dadurch geschehen, dass wir zusammenarbeiten, dass wir die Narrative, die Geschichten, die im Humboldt Forum erzählt werden sollen, gemeinsam mit den Herkunftskulturen entwickeln. Wir haben als Europäer diesen westlichen, akademisch geprägten Blick auf die Objekte. Aber die Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftskulturen und Ursprungsgesellschaften zeigt sehr schön, wie wichtig indigenes Wissen ist, was ganz neue Dimensionen der Objekte eröffnen kann. Diese Zusammenarbeit ist ungemein erkenntnisfördernd. Und für Besucher wird es spannend sein, die Ergebnisse dieser Kooperation zu sehen. Natürlich ist das vielleicht noch nicht überall im Humboldt Forum in der Deutlichkeit zu sehen, aber der Weg, der hier beschritten wird, geht in die richtige Richtung. Und das Humboldt Forum wird auch ein Museum sein, was sich dynamisch weiterentwickelt. Die Ausstellungen, die wir jetzt eröffnen, sollen nicht für die nächsten Jahrzehnte statisch bleiben. Im Gegenteil, von Anfang an wurde mitgedacht, dass sich dort viel verändern wird. Wir werden jetzt vielleicht auch Dinge zeigen, die wir in einigen Jahren zurückgeben und die man dann nicht mehr sehen wird. Das gehört zu dieser Dynamik dazu. Diese Offenheit der Museen ist ganz wichtig, und da würde ich mir wünschen, dass das in diesen Debatten auch anerkannt wird.

Wie wichtig ist ein spielerischer Umgang mit den Objekten? Oft sind wir ein bisschen verkrampft, wenn wir solche Exponate zeigen. Wie groß ist in diesem Bereich die Verunsicherung, Fehler als Ausstellungsmacherin, als Ausstellungsmacher zu machen?

Parzinger: Im Augenblick ist das vielleicht schon eine Verunsicherung. Aber ich glaube, wir haben gut darauf reagiert. Wir haben versucht, diese schwierige Sammlungsgeschichte produktiv zu machen, aber es darf nicht zu einer Verkrampfung führen. Man muss säkularen Kontext thematisieren, wir müssen mit den Herkunftsländern zusammenarbeiten, wir müssen das in der Ausstellung zeigen, es muss Teil der Erzählung sein. Ganze Generationen von Berlinerinnen und Berlinern erinnern sich, wie sie als Kinder auf den Südseebooten im alten Museum in Dahlem herumklettern konnten. Es wird bald ein neues Boot im Südseeraum, wo die Boote ausgestellt sind, geben. Das ist eine neue Konstruktion. Die Bootsbauer kommen von den Fidschi-Inseln nach Berlin, sobald die Pandemie das zulässt, und werden dort ein modernes Boot aufbauen, das dann die Kinder und Jugendlichen wieder besteigen und nutzen können. Das ist auch ganz wichtig, dass man neben Medienstationen und so weiter auch Dinge anfassen kann. Das kann man nicht mit den historischen Originalen, aber mit modernen Dingen. Diese Art der Zusammenarbeit ist auch ganz wichtig.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.09.2021 | 18:00 Uhr