Stand: 06.11.2019 18:04 Uhr  - NDR Kultur

Hat Berlin eine Museumskrise?

Die Neue Nationalgalerie und der Pergamonaltar sind auf viele Jahre geschlossen, und nun soll auch die "Scheune", das Museum der Moderne, doppelt so teuer werden wie vor sechs Jahren genehmigt. Hat Berlin also eine Museumskrise? Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters gibt momentan keine Interviews dazu - für NDR Kultur hat sie eine Ausnahme gemacht. Die Reporterin Maria Ossowski hat mit ihr gesprochen.

Frau Ossowski, glaubt Frau Grütters noch an dieses Museum?

Maria Ossowski © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache
Maria Ossowski hat mit Monika Grütters über die aktuelle Museumssituation in Berlin gesprochen.

Maria Ossowski: Sie glaubt nicht noch daran - sie weiß, dass es eröffnet wird. Deswegen muss sie im Moment unglaublich arbeiten. Sie muss all ihre Netzwerke aktivieren und die Haushaltspolitiker sowie die Kulturpolitiker davon überzeugen, die vor sechs Jahren genehmigten 200 Millionen für dieses Museum zu verdoppeln: 164 Millionen oben drauf plus Risiko-Puffer - also 450 Millionen. Berlin ist reich mit Museen gesegnet, jedoch fehlt ein Zuhause für die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts. Und das erklärt Monika Grütters so:

"In der (...) Neuen Nationalgalerie (...) können wir nur 20 Prozent unserer Bestände, von der Künstlergruppe "Brücke" aus dem Expressionismus der 20er-Jahre bis zu Beuys, einem Gegenwartskünstler aus dem Ende des letzten Jahrhunderts, zeigen. Das ist unwürdig einer solchen Sammlung." Monika Grütters

Das ist zwar unwürdig, aber noch ist der erste Spatenstich nicht getan - da verdoppelt sich der Preis von dieser "Scheune".

200 Millionen haben der damalige Finanzminister Schäuble und der Haushaltsausschuss 2013 genehmigt. Was ist passiert, dass es nun 450 Millionen werden sollen?

Ossowski: Die Baseler Architekten Herzog und de Meuron wollen unter dem Gebäude eine sogenannte Durchwegung bauen, also Verbindungen zu den anderen Häusern des Kulturforums. Das geht natürlich total ins Geld - ist aber auch wirklich schick. Hinzu kommt, erklärt Monika Grütters, das Übliche bei Bauprojekten heutzutage:

"Die Baupreise sind enorm gestiegen - das ist ein großer Anteil an der Kostensteigerung. Das Zweite ist, dass wir wegen des Denkmalschutzes weiter von der St.-Matthäus-Kirche abrücken mussten, als es in der Ausschreibung vorgesehen war. Deshalb mussten wir und die Architekten entsprechend planen, die Abstände vergrößern und das Gebäude in seinen Umrissen verkleinern. Um aber trotzdem die notwendige Technik unterbringen zu können, ist ein vorgesehenes Untergeschoss von den Quadratmetern her etwas größer geworden, als es ursprünglich vorgesehen war. Das sind die drei Kostentreiber." Monika Grütters

2026 soll dieses Museum der Moderne die Pforten öffnen. Grütters will in diesem Jahr noch - und das ist doch recht anspruchsvoll - den ersten Spatenstich setzen. Der Baugrund ist heikel, der Standort direkt an der Potsdamer Straße ist schwer zu bebauen.

Die Baseler Architekten Herzog und de Meuron sind ja nicht gerade für billiges Bauen bekannt - Stichwort Elbphilharmonie.

Ossowski: Das ist richtig. Sie haben auch die Tate Modern gebaut, ein Museum auf Teneriffa, Bibliotheken in Eberswalde und Cottbus, einen großen Büroturm in Basel, das Olympiastadion in Peking. Sie sind brillant, versiert und teuer, aber, meint Grütters:

"Die werden alles daran setzen, dass sie hier nicht den Ruf aus Deutschland, Stichwort Elbphilharmonie und Verteuerung, bestätigen werden, sondern den soliden Ruf als gute Architekten, die sich an Kostenobergrenzen halten können. Das haben wir übrigens gestern im Gespräch mit den Haushaltspolitikern einmal mehr bestätigt. 364 Millionen Euro - das ist, was die Baukosten angeht, für uns alle, auch für Herzog und de Meuron, eine Schmerzgrenze. Und wir werden durch ein enges Monitoring alles daran setzen (...), dass diese Schmerzgrenze auch eingehalten wird." Monika Grütters

Schmerzgrenze - das ist neu. Jetzt können wir nur hoffen, dass die Verantwortlichen kein Aspirin brauchen.

Der Bundesrechnungshof hat auch noch Alarm geschlagen: Die Bauten würden nicht gepflegt, es gäbe einen Bauunterhaltsstau bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 50 Millionen fehlen. Können die sich in Berlin ein teures Museum überhaupt leisten?

Ossowski: Als ich die Frage dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gestellt habe, hat er mich recht böse angeschaut. Und Frau Grütters fand die Frage heute unfair; das könne man überhaupt nicht gegeneinander aufrechnen. Das eine muss geschehen und das andere auch. Unter dem Kulturforum, so der Bundesrechnungshof, stünden manche Kunstwerke auf Paletten in Regenwasserpfützen. Grütters stockt jetzt den Etat auf, aber der Unterhalt wird bei vielen der ollen Gründerzeit-Bauten hier und bei den Ikonen der Klassischen Moderne immer ein Problem bleiben. Zudem möchte Grütters die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren 2.000 Mitarbeitern umstrukturieren und modernisieren. Der Wissenschaftsrat evaluiert das Unternehmen gerade - im Mai des kommenden Jahres wird dann das Ergebnis veröffentlicht.

Um noch einmal auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Hat Berlin eine Museumskrise?

Ossowski: Berlin hat insofern eine Krise, weil die beiden wichtigsten Museen, der Pergamonaltar und die Neue Nationalgalerie, zu sind - und das ist nicht schön. Allerdings sind die anderen Museen sehr gut besucht, und wir können nur hoffen, dass das Humboldt Forum wirklich bald eröffnet wird, denn das wird auch ein Anziehungspunkt sein.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.11.2019 | 19:00 Uhr

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