Stand: 25.04.2019 14:09 Uhr

Auf den Spuren der Oldenburger Bauhäusler

Denkt man an Bauhaus - an die vor 100 Jahren gegründete Kunstakademie - dann denkt man an Weimar oder Dessau, vielleicht noch an Berlin, aber wohl kaum an Oldenburg oder Ostfriesland. Es sei denn, man hieße Gloria Köpnick, sei Kunsthistorikerin am Landesmuseum Oldenburg, und erforsche dort gemeinsam mit dem Kollegen Rainer Stamm seit gut zwei Jahren das "Bauhaus in Oldenburg". Offensichtlich mit so viel Erfolg, dass im Landesmuseum Oldenburg daraus jetzt die große Ausstellung "Zwischen Utopie und Anpassung" geworden ist.

Vier Künstler zwischen Utopie und Anpassung

Frau Köpnick, Ihrer Forschung sei Dank ist mir klar geworden, dass es tatsächlich eine starke Verbindung zwischen Oldenburg/Ostfriesland und dem Bauhaus gibt. Welche denn?

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Gloria Köpnick ist Kuratorin der Ausstellung "Zwischen Utopie und Anpassung" am Landesmuseum Oldenburg.

Gloria Köpnick: Zentral sind es vier Bauhaus-Biografien, die wir in der Ausstellung schildern, die wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren untersucht haben. Andererseits ist es die Geschichte des Landesmuseums, die ganz eng mit dem Bauhaus verbunden ist. Am 26. April 1919 erschien der allererste Bauhaus-Artikel - und den hat kein anderer geschrieben als unser Gründungsdirektor Walter Müller-Wulckow. Diese Idee, diesen Glauben an das Bauhaus, brachte der Direktor mit nach Oldenburg und damit begann eine große Geschichte, die auch in Oldenburg ihre Spuren hinterlassen hat.

Vier junge Männer sind zwischen 1923 und 1927 in Oldenburg und dem Ostfriesland - also in der tiefsten, von Landwirtschaft, Fischerei und Seefahrt geprägten Provinz - nach Weimar bzw. Dessau aufgebrochen. Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Wissen Sie, wie die Männer darauf kamen?

Köpnick: Zwei von ihnen wurden von Walter Müller-Wulckow angestiftet - er hatte das Talent dieser jungen Männer entdeckt und ihnen empfohlen, nach Dessau zu gehen, wenn sie noch interessantere Orte finden wollten. Aber ganz ehrlich: Weimar und Dessau sind doch eigentlich auch ein bisschen provinziell. Aber dort gab es diesen Spirit, diesen Aufbruch, diese Menschen, die dorthin aus Japan, aus Ungarn, aus den verschiedensten Ländern kamen. Sie haben dort studiert, und zusammen waren sie so eine Art kreativer Meltingpot.

Können Sie nachvollziehen, was sie dann konkret vor Ort gemacht haben?

Köpnick: In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir jeden Stein umgedreht, den die Forschung uns ermöglicht hat. Wir haben Archive durchsucht, viel Fachliteratur gewälzt - wir sind aber auch durch die ganze Welt gefahren und haben versucht, unsere Bauhäusler und deren Spuren zu finden. Wir waren in Atlanta, in Irland, und überall haben wir Spuren unserer Bauhäusler entdeckt. Das war eine ganz spannende Reise, deren Ergebnisse jetzt im Augusteum zu sehen sind.

Was davon ist schon vor der Ausstellung nach Oldenburg zurückgekommen?

Köpnick: Zum Beispiel die Arbeiten von Hin Bredendieck, die wir aus dem Nachlass des Künstlers nach Oldenburg haben holen können, die jetzt auch dauerhaft am Landesmuseum verbleiben und die wir für die Forschung schon erstmals aufbereitet haben. Einzelne kleine Stücke dieser Funde wird man jetzt in der Ausstellung sehen können.

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Die vier jungen Männer waren sehr unterschiedliche Charaktere. Wahrscheinlich hat es auch unterschiedlich auf sie gewirkt, in dieses Milieu zu kommen. Wie hat sich das Ganze dann weiterentwickelt?

Köpnick: Das ist ganz interessant, und das ist auch der Titel der Ausstellung: "Zwischen Utopie und Anpassung", dass es eben nicht den einen Lebensweg gibt, der charakteristisch ist für das Bauhaus, sondern dass es die Unterschiede sind, die Anpassungen. Der Eine ist zum Beispiel überzeugtes NSDAP-Mitglied geworden, ein Anderer wiederum ist in die Emigration gegangen und ein Dritter ist kultureller Streiter der Reeducation, also der jungen Bundesrepublik geworden. Das sind insgesamt vier sehr unterschiedliche Lebenswege, die aber exemplarisch stehen können für diese 1.300 Schüler, die die Schule einmal hatte.

Haben Sie auch Objekte von diesen vier Männern?

Köpnick: Von allen haben wir Werke in der Ausstellung. Das sind einerseits Lampen, also Leuchtenentwürfe, die umgesetzt worden sind, es sind aber auch Skizzen und Fotografien und ein paar Archivalien dabei. Aber natürlich geht es uns um die anschaulichen Dinge, an denen man schön zeigen kann, wie diese Lebenswege sich abgezeichnet haben.

Das andere ist natürlich auch sehr spannend und darf nicht unterschlagen werden. Wie zeigen Sie diese Biografien, diese Lebenswege, diese Anpassung oder diese Utopie?

Köpnick: Uns war es wichtig, dass man diese Oldenburger Bezüge sehen und verstehen kann. Andererseits wollten wir auch die Bauhaus-Geschichte überhaupt noch einmal erzählen: Was war das überhaupt für eine Schule, die da in Weimar gegründet wurde, kurz nachdem die Weimarer Republik gegründet wurde? Woher kommt das eigentlich und wie hat sich das weiterentwickelt? Es ist also nicht nur eine Ausstellung über Oldenburger Bauhäusler, sondern auch über das Bauhaus im Allgemeinen, seinen Weg bis in die Emigration - denn das Bauhaus wurde zum Beispiel 1937 in Chicago wiedergegründet. An diesen parallelen Erzählsträngen, den oldenburgischen und den allgemeinen bauhäuslerischen, bewegt sich die Ausstellung entlang.

Sie haben die Ausstellung "Zwischen Utopie und Anpassung" genannt. Die Utopie leuchtet ein - das verbindet man ein bisschen mit dem Bauhaus, auch das Avantgardistische, das Nach-vorne-Streben. Was macht die Anpassung aus?

Köpnick: Wenn man den Abschluss am Bauhaus gemacht hat, steht trotzdem irgendwann das wahre Leben vor der Tür. Dann verlässt man diese experimentelle Schule, dieses Labor, diesen Ort und muss sehen, wie es weitergeht. Manchmal ist das auch mit Anpassungen, mit Konzessionen verbunden, die man hat machen müssen. Hermann Gautel zum Beispiel hat in Oldenburg ein kleines Geschäft eröffnet, wo er innovative Stahlrohrmöbel verkauft hat - aber er hat sie gepolstert, um sie für die Provinz ein bisschen gemütlicher zu machen. Oder Hans Martin Fricke, der NSDAP-Mitglied geworden ist: Bauhaus heißt nicht, dass es einen vor nationalistischem Gedankengut schützt, wie manchmal damit kokettiert wird, oder dass es einen bestimmten Lebensweg gibt, der damit vorgezeichnet wäre. Sondern es ist ein Impuls, den man mitnehmen kann und der unterschiedlich angepasst fortgewirkt hat.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Gloria Köpnick © Gloria Köpnick

Auf den Spuren der Oldenburger Bauhäusler

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Kunsthistorikerin Gloria Köpnick erforscht am Landesmuseum Oldenburg das "Bauhaus in Oldenburg". Über ihre Ergebnisse spricht sie auf NDR Kultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.04.2019 | 19:00 Uhr

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