Buchcover: Ursula Weidenfeld: "Die Kanzlerin: Porträt einer Epoche" © Rowohlt Verlag

"Die Kanzlerin": Ursula Weidenfeld porträtiert Angela Merkel

Stand: 26.08.2021 16:39 Uhr

Nach 16 Jahren an der Spitze der Deutschen Bundesrepublik tritt Angela Merkel in einem Monat freiwillig ab. Die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld hat das Buch "Die Kanzlerin: Porträt einer Epoche" über sie geschrieben.

Ursula Weidenfeld (links) und Angela Merkel © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
Beitrag anhören 8 Min

Frau Weidenfeld, Sie fangen Ihr Buch mit dem Kapitel "Abgang" an. Und zwar, weil Sie sagen, dieser Abgang sei bezeichnend für Angela Merkel. Was verrät der Abgang denn über Merkel - als Person und als Politikerin?

Ursula Weidenfeld: Sie ist die erste Kanzlerin in Deutschland, aber sie ist auch die erste Frau in diesem Amt, die freiwillig aufhört. Alle anderen Kanzler haben sich entweder von ihrer Partei aus dem Amt tragen lassen, wie Konrad Adenauer, oder sie sind noch einmal angetreten, obwohl klar war, dass sie scheitern würden, wie Helmut Kohl. Oder sie haben so eine Art heroischen Akt inszeniert, wie Gerhard Schröder. Jedenfalls sind sie nicht freiwillig gegangen. Dieses fast Freiwillige von Angela Merkel ist bezeichnend für die Art, wie sie regiert, wie sie ihr Amt verstanden hat. Sie hat zu ihrer Kandidatur damals gesagt: "Ich will Deutschland dienen." Darüber haben damals alle so ein bisschen geschmunzelt. Aber eigentlich ist es genau das Amtsverständnis, was sie hat: Sie hat keine eigenen großen Visionen, keine tollen Pläne. Sie wirbt nicht mit Ideen, sondern mit der Art, wie sie arbeitet.

Da passt auch eine Passage, die ich in ihrem Buch gelesen habe: "Wäre die öffentlich sichtbare Angela Merkel eine Stadt, sie wäre Haßloch. Das 20.000-Seelen-Gemeinwesen in der Nähe von Speyer in Rheinland-Pfalz gilt als Musterstadt des deutschen Durchschnitts." Angela Merkel also nichts mehr als durchschnittlich?

Weidenfeld: Nein, genau das Gegenteil. Aber sie hat diese Fassade des Durchschnitts um sich herum errichtet, sowohl was die Art anging, wie sie regiert hat, aber auch, was ihr Erscheinungsbild betrifft, was ihren Urlaub betrifft. Alles, was man über Angela Merkel weiß, ist irgendwie Hausmannskost. Man fährt nach Südtirol in Ferien. Man trägt dasselbe karierte Hemd, was man immer in den Ferien trägt. Das ist diese Fassade, die sie errichtet, wo sie gleichzeitig aber eine Projektionsfläche für den Bürger, den Wähler baut, in die jeder reinlesen kann, was er reinlesen will. Für die einen ist Angela Merkel die Bewahrerin Europas - für die anderen ist sie die Zerstörerin. Für die einen ist sie die Retterin des Euro, für die anderen ist sie das Debakel für den Euro. Für die einen ist sie die Migrations-Kanzlerin, die in einer großherzigen Geste Flüchtlingen Aufnahme geboten hat - für die anderen ist sie die Zerstörerin dieser Willkommenskultur. Man kann also alles in sie reinlesen, und dieses Bild hat sie mit viel Bedacht um sich herum errichtet. Man weiß nichts über die persönliche Angela Merkel, man weiß auch wenig über ihre Intelligenz, ihre Schlagfertigkeit, ihre Fähigkeit, ganz komplexe Situationen zu erfassen, weil sie so tut, als sei sie Haßloch.

Wie muss ich mir Ihre Arbeit an dem Buch vorstellen? Wie kann man sich so einer Frau überhaupt annähern?

Weidenfeld: Das ist schwierig, weil Angela Merkel nicht mit einem redet. Man redet sehr viel mit Wegbegleitern, mit Mitarbeitern, mit Freunden, auch mit Gegnern, und setzt dieses Bild zusammen mit dem, was man als Journalist aus persönlichen Beobachtungen gemacht hat. Das ist immer nur eine Annäherung. Man hat inzwischen auch ein paar Quellen, die man benutzen kann, man kann sich an dieser Schnittstelle von Politik und Geschichtsschreibung schon ein kleines bisschen bewegen, aber es ist kein vollständiges Bild, was man zeichnet.

Und was bedeutet diese Fassade, die eben Merkel zur Schau trägt, so wie sie es beschrieben haben für ihre Politik beziehungsweise für das Nachwirken ihrer Politik? Sie schreiben in Ihrem Buch, die Merkel-Jahre werden noch lange nachwirken - sie seien sogar "entscheidend" für unsere nahe Zukunft. Inwiefern?

Weidenfeld: Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass Angela Merkel die Kanzlerin ist, die einen Platz für Deutschland in Europa, in der internationalen Gemeinschaft gefunden hat, der im 21. Jahrhundert trägt und tragen kann. Wenn man auch da zurückschaut: Helmut Kohl hat die deutsche Position in Europa und in der Welt immer nur zusammen mit der französischen Position denken können, mit dem europäischen Pathos. Gerhard Schröder hat genau das Gegenteil getan und hat mit dem Satz "In Europa wird unser gutes Geld verbraten" versucht, dieses rabaukige, bisschen krawallige Deutschland zu entwickeln. Und Angela Merkel hat diesen Platz entdeckt und auch besetzt in einer moderierenden Rolle, in dem Versuch, Interessen auszugleichen, zu vermitteln, wie zum Beispiel im Ukraine-Konflikt. Sie hat auf der einen Seite dieses Selbstbewusstsein, das Gerhard Schröder gefordert hat, auf- und mitgenommen, und hat es auf der anderen Seite dann gewendet in eine nicht hegemoniale, aber selbstbewusste Position.

Angela Merkel hat mit ihrer Art auch Deutschland verändert - das schreiben Sie auch. Denken Sie dabei an einzelne Ereignisse und Entscheidungen oder meinen Sie eher eine Stimmung, ein Gefühl im Land?

Weidenfeld: Wenn man versucht sich zu erinnern, was Deutschland im Jahr 2005 war, oder vielleicht noch mehr im Jahr 1990, als Angela Merkels Karriere als Frauenministerin im Kabinett Helmut Kohls begann, dann sieht man ein ganz anderes Land. Die Frage ist: Ist dieser Wandel der Frauenerwerbstätigkeit, der Kinderbetreuung, der Kinderbetreuungseinrichtungen, der Abschied von der Wehrpflicht, der Ausstieg aus der Atomkraft, die völlig veränderte Haltung zur Ehe als Gemeinschaft von erwachsenen Menschen unabhängig ihrer sexuellen Präferenz - ist das etwas, was Angela Merkel angestoßen hat, oder ist das etwas, was sie nachvollzogen hat? Da würde man immer sagen, sie hat sich eher als Notarin der veränderten Gesellschaft begriffen und hat dann das nachvollzogen, was ohnehin in einer Atom-skeptischen, pazifistischen, in einer Gesellschaft, in der Frauen einen anderen Platz beanspruchen, nötig gewesen wäre. Es ist erstaunlich, dass sie es als CDU-Politikerin geschafft hat und dass sie es in ihrer Partei auch durchsetzen konnte. Sie hat die Prozesse beglaubigt und hat sie nicht angestoßen.

Aber insgesamt muss man sagen: Solchen Veränderungen in Gesellschaften, die innerhalb einer Generation stattgefunden haben, Raum zu geben als konservative Politikerin - das ist eine große Leistung. Und das ist auch eine Leistung, die eine Gesellschaft wieder in ihrem Weg selbstbewusster macht und neu verankert.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Weitere Informationen
Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Vorgeschmack auf den Bücherherbst mit dem Gemischten Doppel

Viele Buchtipps für den Bücherherbst. Mit dabei: Neues von Daniela Krien, Heinz Strunk und Colson Whitehead, ein Kunstkrimi und ein Buch über das Watt. mehr

Viele Stapel Bücher auf Tischen und in Regalen einer Buchhandlung. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Edgar Rai, Eva Menasse und Henning Ahrens sowie eine ganz persönliche Inselgeschichte von Isabel Bogdan. mehr

Ein Mann liest in einem Buch. © picture alliance / Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa | Foto: Martin Schutt

Alle Informationen zum NDR Sachbuchpreis 2021

Aus dem NDR Kultur Sachbuchpreis wird in diesem Jahr der NDR Sachbuchpreis - ein Preis des gesamten NDR. mehr

Heinrich August Winkler: "Deutungskämpfe" (Cover des Sachbuchs) © Hoffmann und Campe Verlag

Heinrich A. Winklers brisante Fragen über deutsche Geschichte

Die zum Teil zugespitzten Aufsätze Heinrich August Winklers über deutsche Geschichte von 1871 bis heute sind mit Gewinn zu lesen. mehr

Eine junge Frau liest ein Buch in einer Hängematte, die zwischen zwei Bäumen gespannt ist. © picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

Die 20 besten Bücher des Jahres - die Longlist von NDR Kultur

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis steht. Vorab hatte die Literaturredaktion von NDR Kultur ihre eigenen Favoriten gekürt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.08.2021 | 18:00 Uhr