Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

Corona: Deutscher Kulturrat fordert Perspektiven zur Öffnung

Stand: 08.02.2021 15:44 Uhr

"Der gesamte Kulturbereich braucht jetzt Perspektiven zur Öffnung" - das schreibt der Deutsche Kulturrat heute in einem "Diskussionspapier". Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
Beitrag anhören 7 Min

Wie und wann können und sollen kulturelle Bildungseinrichtungen und Kultureinrichtungen wieder für die Menschen da sein? Darüber haben sich auch die Kulturminister Gedanken gemacht und wollen die Kultur mit einem mehrstufigen Öffnungsplan aus dem Lockdown holen. Der Druck, die Kultur-Türen langsam wieder aufzumachen, ist also da. Wie dringlich ist er und kommt er zur rechten Zeit?

Herr Zimmermann, "Kultur muss wieder ins Spiel!", heißt es seitens des Deutschen Kulturrats. Nun verzichten wir ja aber schon drei Monate auf "öffentliche" Kultur. Kommt es da auf vier, sechs oder mehr Wochen überhaupt noch an?

Weitere Informationen
Staatliches Museum Schwerin © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jens Büttner

Museen in Norddeutschland locken mit Online-Angeboten

Nicht alle Museen in Norddeutschland haben digital etwas zu bieten - aber viele haben kreative Konzepte. Ein Überblick. mehr

Olaf Zimmermann: Wir verzichten eigentlich schon ein bisschen länger. Viele im Kulturbereich sind schon seit März letzten Jahres, also seit elf Monaten im Lockdown. Das ist nur im Sommer ein bisschen besser geworden, aber unter sehr strengen Hygieneanforderungen. Seit Anfang November sind wir wieder im harten Lockdown. Wir haben im Kulturbereich unsere Verantwortung intensiv wahrgenommen, und wir wollen sie auch weiter wahrnehmen. Hier geht es nicht darum, dass wir irgendwelche Sonderbehandlungen haben wollen, sondern es ist wichtig, dass man auch weiß, wann der Kulturbereich wieder an den Start gehen kann. Wir können nicht von heute auf morgen wieder an den Start gehen, sondern wir brauchen eine gewisse Planungsperspektive. Und ich freue mich, dass die Politik das mittlerweile auch versteht.

Eine verlässliche Perspektive herzustellen, ist fast unmöglich. Aufgrund der Pandemie kann man fast gar nicht verlässlich planen. Gibt es trotzdem ein Idee, wie echte Perspektiven aussehen könnten?

Zimmermann: Wir brauchen ein schrittweises Vorgehen - das wissen wir auch alle. Es ist vernünftig, wenn wir die Öffnung von Kultureinrichtungen an die Öffnung von anderen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen ankoppeln. Wenn die Schulen und Kitas geöffnet werden, dann muss das auch im Kulturbereich sichtbar werden. Wenn irgendwann der Einzelhandel geöffnet wird, dann muss das noch viel weitgehender im Kulturbereich sichtbar werden. Und wenn irgendwann auch die Gastronomie wieder offen ist, dann muss der gesamte Kulturbereich wieder geöffnet sein. Wir brauchen diese Verbindungen. Und wir brauchen auch funktionierende Hygienekonzepte - da haben wir schon einige Erfahrungen im letzten Jahr sammeln können und das können wir auch noch weiterentwickeln, damit die Menschen in den Kultureinrichtungen wirklich sicher sind. Wir sind zu jeder denkbaren Schandtat bereit und wir werden dafür auch viele Kompromisse eingehen.

Aber es muss auch klar sein, dass der Kulturbereich nicht irgendein Bereich ist - das ist nicht dasselbe wie die Gastronomie oder der Einzelhandel. Das ist auch in Gesetzen festgelegt: Der Kulturbereich hat durch das Grundgesetz und auch über die Kunstfreiheit einen besonderen Schutz, und das muss sich auch bei der Öffnung zeigen. Die Politik muss dazu bereit sein, die Möglichkeiten, die es im Kulturbereich gibt, stärker auszureizen als in anderen Bereichen.

Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, sagte am Wochenende, die Museen müssten vermehrt Lobby-Arbeit betreiben. Denn mit "Spaßbädern und Bordellen in den Spaßbereich abgeschoben" zu werden, habe den Museumsbund "hart getroffen". Wo sehen Sie die Rolle der Museen in diesem Öffnungsprozess? Braucht es da mal eine laute Stimme, die sich für eine Öffnung einsetzt?

Weitere Informationen
Menschen vor einem Kino © picture alliance / Photoshot

Kinos in Corona-Zeiten: Streaming Killed the Movie Star?

Die Film- und Kinobranche steht durch die Corona-Pandemie vor großen Veränderungen. Ein Kommentar von Christiane Peitz. mehr

Zimmermann: Das, was Herr Köhne angemahnt hat, haben wir glücklicherweise verändern können: Der Kulturbereich wird im Infektionsschutzgesetz nicht mehr unter "Freizeitaktivitäten" geführt, sondern in einem eigenen Bereich. Und die Verbindung zur Kunstfreiheit im Grundgesetz wird dort unmittelbar hergestellt. Aber ohne Zweifel brauchen wir sehr deutliche Stimmen, gerade in dieser Krise. Das gilt für alle Kultureinrichtungen, auch für die Museen. Die Museen sind prädestiniert dafür, zum Beispiel auch im Bereich der Bildung tätig zu werden. Wenn wir jetzt die Schulen wieder langsam an den Start bringen müssen, dann bedeutet das auch, dass wir Wechselunterricht brauchen. Wo sollen denn die Kinder und Jugendlichen unterrichtet werden? Die können ja nicht alle in das Schulgebäude hinein. Ich glaube, dass gerade Kultureinrichtungen ganz wichtige Orte werden, die einen Teil dieser Verantwortung übernehmen können. Und das müssen sie so schnell wie möglich können.

Viele Menschen sagen, dass aufgrund der sich verbreitenden Virus-Mutationen jede Lockerungsdebatte viel zu früh sei. Was entgegnen Sie diesen Stimmen?

Zimmermann: Wenn die Politik entscheidet, dass die Türen noch nicht aufgemacht werden können, dann können sie auch im Kulturbereich nicht aufgemacht werden - das ist doch vollkommen klar. Das müssen diejenigen entscheiden, die einen Überblick darüber haben, wie groß die Gefährdungssituation ist. Wir sagen nur: Wenn Ihr die Türen aufmacht, dann müsst Ihr sie zuallererst auch im Kultur- und im Bildungsbereich aufmachen. Ihr könnt nicht alle anderen Bereiche öffnen und dann gucken, ob man irgendwann auch den Kulturbereich eröffnet. Wir sind als einer der ersten in diesen Lockdown gegangen, aber wir wollen nicht als einer der letzten wieder herauskommen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Weitere Informationen
Ein roter Theatervorhang. © iStock Foto: Chan Pak Kei

Osnabrück: Corona-Sonderprogramm fördert Kultur

Insgesamt haben die Stadt und mehrere Stiftungen rund 600.000 Euro an knapp 200 Projekte gegeben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.02.2021 | 18:00 Uhr