Die gefälschten "Hitler-Tagebücher" und die reale Geschichte des NS

Stand: 23.02.2023 18:00 Uhr

Wer die gefälschten "Hitler-Tagebücher" von Konrad Kujau liest, die 1983 zu einem Medien-Skandal geführt haben, sollte sie in Bezug zur historischen Realität setzen können. Historiker und Politikwissenschaftler Hajo Funke ordnet sie ein.

von Hajo Funke, Politikwissenschaftler

Es ist jetzt 40 Jahre her, dass die gefälschten "Hitler-Tagebücher" - äußerlich akribisch, aber bei näherem Hinsehen äußerst stümperhaft von Konrad Kujau zusammengedichtet und einige von ihnen mit größtmöglicher Aufmachung von dem damaligen Flaggschiff des kritischen deutschen Journalismus, dem "Stern", publiziert - als plumpe Fälschung aufflogen. Der einmalige "Scoop", die Aufdeckung des Jahrhunderts, die sich die für den "Stern" Verantwortlichen um Henri Nannen um keinen Preis entgehen lassen wollten, entpuppte sich kurze Zeit später als wertloser Müll.

Gefälschte Hitlertagebücher liegen auf einem Stapel © picture-alliance/dpa Foto: Markus Scholz
AUDIO: Gefälschte "Hitler-Tagebücher": Holocaust-Leugnung belegt (6 Min)

Gutachten entlarvt "Hitler-Tagebücher" als Fälschung

Weniger aber wegen mahnender Experten-Stimmen, sondern durch ein technisches Gutachten von der Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin, dem Bundeskriminalamt und dem Bundesarchiv. Es stellte unter anderem klar, dass das verwendete Papier aus der Zeit nach dem Tod Hitlers stammte. Wichtig aber, und hier in Erinnerung zu rufen: Der "Stern" hatte zuvor mit größtmöglicher Fanfare angekündigt, die "Tagebücher Hitlers" würden zeigen, dass ein Großteil der Geschichte des Nationalsozialismus neu- und umgeschrieben werden müsse. Noch wichtiger: Nach der Aufdeckung und gegen die dem "Stern" vorgehaltene Verdächtigung, die "Tagebücher" stammten aus rechtsextremistischen Quellen, behauptete der Herausgeber Henri Nannen, allein der bloße Inhalt spreche dagegen ("Stern", 20/1983).

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Gefälschte Hitlertagebücher liegen auf einem Stapel © picture-alliance/dpa Foto: Markus Scholz

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Der NDR hat die Schriften in vollem Umfang digitalisiert und eine Volltextsuche ermöglicht. mehr

Genau dem muss widersprochen werden. Ein Skandal im Skandal ist, dass die Verantwortlichen des "Stern" die Veröffentlichung des riesigen "Tagebuch"-Konvoluts im Nachgang der Aufdeckung blockiert haben. Hier wird es nun vorgelegt. Dabei ist es zwingend notwendig, die Falschaussagen Kujau-Hitlers in den realen historischen Kontext, in die tatsächliche Geschichte des Nationalsozialismus der Jahre 1932 bis 1945, einzuordnen und zentrale Stellen der Kujau-Tagebücher (TB) zu kommentieren.

Verharmlosung und Holocaustleugnung bei Kujau

Der britische Historiker David Irving (M) bezeichnete schon auf der Pressekonferenz des Hamburger Magazins "Stern" am 25. April 1983 die Tagebücher als eine Fälschung. © picture-alliance / dpa Foto: Chris Pohlert
Auf der Pressekonferenz des "Stern" im April 1983 beurteilt Geschichtsrevisionist David Irving die "Tagebücher" zunächst als falsch - und deklariert sie später als authentisch.

Die gefälschten "Hitler-Tagebücher" waren auch Thema der Vorbereitung und Durchführung des Prozesses um den Hitler-Anhänger und Holocaustleugner David Irving in London im Jahr 2000, an dem ich als Sachverständiger zusammen mit meinem Mitarbeiter Thomas Skelton-Robinson zur Publizistik und Agitation Irvings in Deutschland und Österreich beteiligt war. Richard Evans und seine Mitarbeiter haben darauf hingewiesen, dass David Irving anlässlich der ersten Pressekonferenz des "Stern" im April 1983 zur öffentlichen Vermarktung ihres großen angeblichen Fundes der "Hitler-Tagebücher" diese zunächst für gefälscht erklärt hat. Wenige Tage später allerdings hat er sie als authentisch deklariert.

Sie waren zu nahe an den eigenen Versuchen, Hitler dadurch zu "retten", dass er (Irving) in verschiedenen umfangreichen Schriften zu begründen versucht hat, dass Hitler vom Holocaust im Kern nichts gewusst habe: Irving hatte zu große ideologische Ähnlichkeiten bemerkt, sodass er die vermeintlichen "Hitler-Tagebücher" in seiner Selbstüberschätzung und Bereitschaft zur rücksichtslosen Manipulation flugs für authentisch erklärt hat: Es diente seinem politisch extrem rechten Interesse an der "Rettung" Hitlers. Denn Irving schrieb sein riesiges Oeuvre, das zuweilen auch von seriösen Historikern ernst genommen worden war, "from behind his (Hitlers, d. V.) desk". Richard Evans nahm hierbei Harris' "Selling Hitler. The Story of the Hitler Diaries" (London, 1986) auf:

"The fundamental point that he (Harris) was making about Hitler's War was a sound one, and shared by others too. Irving's book, he noted, aimed to humanise Hitler, to make him, as the book's Introduction claimed, 'an ordinary, walking, talking human." Evans 2000: S. 36 ff.

Kujau macht Himmler zu einer Art Hitler-Widersacher

De facto unterstellt Kujau in der simpelst denkbaren, holocaustleugnenden Weise, dass Adolf Hitler auch nach allen Entscheidungen und Umsetzungen von der Ermordung der Juden Europas nichts gewusst habe. Kujaus Hitler schreibt kein Wort von der Vernichtung, die sukzessive beschlossen wurde und 1942 mit dem Betrieb der Todeslager Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz in ihre furchtbarste Phase trat. Im Ergebnis führen Kujaus umfangreiche Auslassungen somit zu der Aussage, dass es keinen Holocaust gegeben habe. Mehr noch: Er drapiert Reichsführer Himmler zu einer Art Widersacher von Hitler, der (Himmler) aufgrund seiner vermeintlichen "Tatenlosigkeit" im Ergebnis mit entlastet wird, und entlastet damit auch zugleich die SS.

Während hunderttausende von Juden 1942 in der von den Nationalsozialisten sogenannten "Endlösung" vergast und verbrannt wurden, weiß Kujau-Hitler nichts von alledem und wünscht sich für die Zukunft unbedingt "eine Lösung":

"(…) Was wird nur mit den Juden. Keiner will sie haben. Sie benötigen unserer Lebensmittel und sonstigen Einrichtungen, hetzen in der ganzen Welt aber gegen uns und rufen die Juden im Reich und in den von uns genommenen Gebieten zum Wiederstand [sic] und Kampf gegen uns auf. Sie haben uns den Krieg erklärt, wollen aber von uns ernährt und versorgt werden. Sapodiren [sic] unsere Wirtschaft, wollen aber von uns noch beschützt werden. So denken und handeln kann nur ein Jude. Ich muß unbedingt eine Lösung finden. Soll doch dieser Roosevelt sie aufnehmen oder dieser Churchill. Aber keinen denkt nur im Traum daran. Adolf Hitler." Kujau "Tagebücher" 18. Februar 1942

Kujau negiert Politik des Hitler-Deutschland

In über hundert Textstellen mit dem Wort "Jude" verharmlost und negiert Kujau die Politik des Hitlerschen Deutschland von 1932 bis 1945, insbesondere die schweren Gewaltangriffe: vom Aprilboykott 1933 über die pogromähnlichen Unruhen 1935, die Gewalt beim "Anschluss" Österreichs und bei der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 bis zur Strategie der Ermordung der Juden von Mitte 1941 bis zum Ende des NS-Regimes 1945. Die durchgängige Verzerrung lautet, Hitler habe nichts gewusst, auch nicht die Wehrmacht und nicht einmal die SS. Kujau lässt aus, dass Himmler - nach der Ermordung von bereits mehr als vier Millionen Juden - am 6. Oktober 1943 in seiner berüchtigten Posener Rede seinen Leuten, der NSDAP, den Größen in Staat und Gesellschaft und der Wehrmacht in aller Brutalität mitteilt, dass sie dieses Verbrechen begangen haben und es aus einer "Moral" des "Wir müssen die Deutschen retten" heraus geschehen wäre.

Zum Vorgehen der historischen Einordnung

Hajo Funke, emeritierter Professor für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. © NDR
Historiker Hajo Funke hat zu Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und internationalen Konflikten geforscht und publiziert. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören "Die Höcke AfD" (2021) und "Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer" (2019).

So verheerend und oft banal die Einträge in den angeblichen "Hitler-Tagebüchern" sind, so wichtig ist es, sie kritisch zur Kenntnis zu nehmen und mit den wesentlichen realen Bedingungen und Ereignissen der Entfesselung einer totalen Herrschaft Adolf Hitlers und seines Nationalsozialismus zu konfrontieren. Die historisch-politischen Darlegungen, um die ich Ende Dezember 2022 gebeten worden bin und die für die einzelnen Jahre der Hitlerschen Herrschaft jeweils nur wenige Seiten betragen sollen, beziehen sich auf meine historisch orientierte politologische Studie "Der Kampf um die Erinnerung. Hitlers Erlösungswahn und seine Opfer" (2019) sowie auf einschlägige historische und politologische Schriften (siehe Bibliografie).

Meine Darlegung beschränkt sich auf wichtige politische Ereignisse, die Planung und Entfesselung des Weltanschauungs- und Vernichtungskriegs und auf den verbrecherischen Sozialdarwinismus, Rassismus und Antisemitismus. Es werden nur ausgewählte Ereignisse dargestellt und kommentiert - private Darlegungen von Kujau über "Hitlers persönliches Befinden", seine Krankheiten und die (extensive) Einnahme von Medikamenten und Drogen sowie über die privaten Beziehungen etwa sind nicht Thema dieser Darlegung. Es folgen jahrweise kurze historische Skizzen, ausgewählte Kujau-Zitate und Informationen, Richtigstellungen und Kommentare; ausgewählte Auslassungen und Verzerrungen Kujaus werden Jahr für Jahr an neuralgischen Stellen korrigiert oder ergänzt, sodass sich jeder einen eigenen Eindruck von den Fälschungen machen kann. Da die Fälschung Kujaus von Auslassungen vor allem über die Politik der Ermordung der Juden gekennzeichnet ist, wird mit diesem Beitrag versucht, nicht nur die Texte Kujaus, da wo sie verzerren und leugnen, entsprechend zu kommentieren, sondern nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auch wenigstens kurz für den gesamten Zeitraum wie für die einzelnen Jahre und für ausgewählte Ereignisse der Leserschaft eigene Darlegungen insbesondere zur "Judenpolitik" anzubieten.

Das Thema der Revisionsversuche zugunsten des Nationalsozialismus nach 1945 habe ich mit Historikern und Politikwissenschaftlern zwei Jahre lang zur Vorbereitung meiner Sachverständigen-Rolle im Londoner Prozess des Holocaustleugners David Irving gegen die Historikerin Deborah Lipstadt im Jahr 2000 bearbeitet - in besonders enger Zusammenarbeit mit Thomas Skelton-Robinson. Zum Zeitpunkt der Präsentation der "Tagebuch"-Fälschung durch den "Stern" - 1983 - waren der Stand der historischen und politischen Wissenschaft, die Einordnung und Beurteilung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen eindeutig: unter anderem durch das monumentale Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden" von Raul Hilberg (in der ersten Fassung schon 1961 in den USA veröffentlicht, auf Deutsch erstmals 1982) und durch die zum Teil bis heute anerkannten Wissenschaftler Saul Friedländer und Eberhard Jäckel.

Einordnung anhand wichtiger politischer Ereignisse ab 1932

Ich konzentriere mich inhaltlich auf die für den Skandal der gefälschten "Tagebücher" wichtigen Ereignisse: die Erringung der nationalsozialistischen Herrschaft 1933, ihre Durchsetzung bereits Mitte 1933, die Beschwörung einer "Volksgemeinschaft" auf den Reichsparteitagen, den sogenannten Röhm-Putsch 1934, die Durchsetzung rassistischer Gesetzgebung 1935, die Beschwörung eines friedlichen Deutschlands durch die Olympischen Spiele 1936, die terroristische Einnahme Österreichs im März 1938, das bittere "Vorspiel" des Holocaust in der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Entscheidungen Adolf Hitlers, ab September 1939 einen Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg zu führen, sowie die damit einhergehende systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden ab 1941.

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"Stern"-Reporter Gerd Heidemann präsentiert im April 1983 die vermientlichen "Hitler-Tagebücher", im Hintergrund das Titelblatt des "Stern" mit der Titelzeile "Hitlers Tagebücher entdeckt" (Montage) © NDR

Gefälschte "Hitler-Tagebücher" - So gefährlich war der Fake

Ging es bei den gefälschten "Tagebüchern" wirklich nur um einen Scoop für den "Stern"? Oder hatten die Täter noch ganz andere Motive? Ein Dossier. mehr

So werden - genauer gesagt - die Jahre des Aufstiegs der Hitlerschen Herrschaft 1932 und 1933 ausführlicher unter der Perspektive der totalen Herrschaftsdurchsetzung an ausgewählten Ereignissen skizziert. Das gilt auch für die besonders brutale und mörderische Auseinandersetzung innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung im Jahr 1934 mit dem sogenannten Röhm-Putsch und für die von Kujau im Grunde geleugnete antisemitische Politik im Reich und im Herrschaftsbereich Nazi-Deutschlands vor dem Krieg. Das beginnt mit dem Boykott am 1. April 1933, setzt sich fort mit der jährlich gesteigerten Verfolgung und Entrechtung der Jüdinnen und Juden in Deutschland, mit Höhepunkten im Jahr 1935 durch die Verkündung der Rassegesetzen während des Reichsparteitags und im Jahr 1938 durch den entfesselten Gewalt-Antisemitismus beim und nach dem "Anschluss" Österreichs und dem ersten Schritt zum Holocaust während der Reichsreichspogromnächte im November.

Vom Weltkriegsbeginn zur Judenvernichtung

Von besonderer Bedeutung im Kontext dieser "Tagebuch"-Fälschung ist die Entscheidung Hitlers, den Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939 zu beginnen, die Propaganda gegenüber den Jüdinnen und Juden und anderen Minderheiten und Drangsalierung und Verfolgung zu verschärfen. Spätestens ab Ende 1940 werden der Angriff auf die Sowjetunion geplant und die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei darauf vorbereitet, nach Beginn des "Unternehmens Barbarossa" ab dem 22. Juni 1941 parallel zu den Eroberungen der Wehrmacht hunderttausende Juden und alsbald nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Kinder und Alte zu ermorden. Ende des Jahres 1941 - parallel mit den ersten Erschütterungen der Erfolge der Wehrmacht - geht die endgültige Entscheidungsbildung zur Ermordung der Juden in Europa, dem Holocaust, einher. Am 20. Januar 1942 wird dies administrativ auf der Wannsee-Konferenz durch den Chef des RSHA, Reinhard Heydrich, und den Protokollanten Adolf Eichmann "ratifiziert". In den Jahren 1942 und 1943 wird die Ermordung der europäischen Juden, derer man habhaft wird, systematisch von der SS und dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und noch im Jahr 1944 gegenüber den ungarischen Juden betrieben. Dies geschieht trotz oder wegen der Tatsache, dass sich das "Kriegsglück" gegen Hitler-Deutschland spätestens seit dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad Ende Januar 1943 wendet, Goebbels den "totalen Krieg" ausruft und noch einmal Millionen von Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten im Krieg umgebracht werden.

Millionenfacher Mord wird mit keiner Silbe erwähnt

Das Monströse dieser sogenannten "Hitler-Tagebücher" ist, dass die Ermordung de facto mit keiner Silbe erwähnt wird. Das Wort "Mord" kommt im Grunde nicht vor (bis auf wenige Ausnahmen wie im Zusammenhang mit dem "Röhm-Putsch"). Die Jahre 1941 bis 1945 standen im Zeichen der Durchsetzung des Weltkriegs als Vernichtungskrieg und der gleichzeitigen Ermordung aller Juden in Europa, die die Nationalsozialisten und im Besonderen die SS erreichen konnten. In einem bisher nicht gekannten Maß war die systematische Ermordung von etwa sechs Millionen Juden durchgeführt worden. Der Krieg selbst war so maßlos, dass er nicht nur zur Zerstörung eines großen Teils Europas führte, sondern schließlich auch im Zuge des "totalen Kriegs" zum eigenen Untergang, zur Selbstzerstörung.

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Mit Trash Geschichte umschreiben?

Es soll gezeigt werden, dass diese gefälschten "Tagebücher" zwar da und dort in eher dürren Bemerkungen Aktivitäten des realen Adolf Hitler beschreiben, sie aber in den zentralen Passagen der tatsächlichen Politik von Auslassungen, vor allem aber von Verharmlosung und teils brutaler Leugnung zentraler Elemente der Hitlerschen Politik bestimmt sind. Es ist unfassbar, dass seriöse Journalisten Anfang der 1980er-Jahre im Ernst meinten, mit diesen Kujauschen Elaboraten - es ist Trash - könne die Geschichte des Nationalsozialismus umgeschrieben werden. Das scheint auch einem Interesse an Verharmlosung und Leugnung derjenigen Kräfte gefolgt zu sein, die sich im Umfeld Kujaus aufhielten: Die (teils gewalttätigen) ehemaligen SS-Angehörigen und neuen Nationalsozialisten leugneten vor allem die antisemitische Geschichte des Nationalsozialismus und waren auf ein neues Viertes Reich ausgerichtet.

Hitler: Ohne Holocaust und Krieg ein "großer Staatsmann"?

Dieses banale, grundfalsche Narrativ korrespondiert indirekt mit der verbreiteten Annahme im Deutschland der 1970er- und 1980er-Jahre, dass Hitler ohne Judenverfolgung und -vernichtung und ohne Krieg ein großer Staatsmann gewesen wäre.

Noch immer waren Mitte der 1970er-Jahre, als Kujau seine Fälschungsversuche begann, und auch noch 1983, als es zur versuchten Veröffentlichung im "Stern" kam, große Teile vor allem der älteren Bevölkerung der Ansicht, dass es doch im Nationalsozialismus auch Gutes gegeben habe. Dies ist eigentlich verwunderlich, da Anfang der 1960er-Jahre mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem große Teile der deutschen Öffentlichkeit aufgeschreckt und wenig später im Zuge des Auschwitz-Prozesses die Gräueltaten auf der mittleren Ebene der Täter öffentlich breit debattiert wurden. Die Realität der NS-Verbrechen kam mit den sich über Monate erstreckenden Zeugenaussagen von Hunger, Angst, Misshandlung, Folter, Sadismus und Mord näher. Sie kam gleichsam ins eigene Haus. Danach aber wollten an die 60 Prozent der Bundesdeutschen nichts mehr von dem furchtbaren Geschehen wissen.

Zeitpunkt für "Hitler-Tagebücher" geschickt gewählt

Zu einem Durchbruch - einer mentalitätsgeschichtlichen Zäsur - in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus kam es erst in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der gefälschten "Tagebücher" Kujaus war politisch und öffentlich gesehen geeignet, ging es doch für den Kreis um Kujau offenkundig darum, Adolf Hitler in ein besseres Licht zu rücken und als großen Staatsmann zu porträtieren. Der spätere Holocaustleugner David Irving hatte sich zur gleichen Zeit darum intensiv bemüht und hatte damit durchaus publizistischen Erfolg. Entscheidende Impulse für den Durchbruch gingen von der US-amerikanischen TV-Serie "Holocaust" aus, die Anfang 1979 in der Bundesrepublik ausgestrahlt wurde. Erzählt wird die fiktive Geschichte der Familie Weiss - nur einer ihrer Mitglieder überlebt am Ende den Holocaust. Etwa die Hälfte der Westdeutschen sahen wenigstens Ausschnitte des in vier Teilen ausgestrahlten Films. Die Bevölkerung war - zumindest zeitweise - erschüttert. Nach der jeweiligen Ausstrahlung gab es Diskussionsrunden, im Fernsehen wie auch zuhause in den Familien, mit vehementen emotionalen Ausbrüchen - eine "späte Katharsis"?

Wie umstritten allerdings die angemessene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch danach, etwa im Jahr 1985, blieb, zeigte die heftige Debatte um den Besuch eines Soldatenfriedhofs von Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan: Auf dem Friedhof lagen nicht nur Wehrmachtsangehörige begraben, sondern auch Soldaten der Waffen-SS. Von Bedeutung war indes auch die drei Tage danach, am 8. Mai 1985, gehaltene Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, in der er das Ende des Nationalsozialismus mit der Verantwortung Deutschlands für die Machterringung Adolf Hitlers 1933 in einen historischen Zusammenhang rückte.

Gelungene NS-Aufarbeitung bleibt lange aus

Dass nicht unwesentliche Minderheiten - nicht nur, aber vor allem in den älteren Generationen - an einem positiven Bild Adolf Hitlers festhielten, zeigten auch Umfragen in den 1990er-Jahren, und zwar sowohl in West- als auch in Ost-Deutschland, das heißt in den dem Nationalsozialismus nachfolgenden Gesellschaften. Noch im Jahr 1992 sahen nach einer Umfrage des Bielefelder Emnid Instituts im Nationalsozialismus 42 Prozent der Befragten gute und schlechte Seiten, unter den damals 60- und über 60-Jährigen über 50 Prozent. Für immerhin 27 Prozent wäre Hitler ohne Krieg und Judenverfolgung ein großer Staatsmann gewesen. Und: Noch 1992 verlangten 62 Prozent, einen Schlussstrich unter die Geschichte des NS zu ziehen: im Westen 66 Prozent, im Osten 46 Prozent ("Spiegel-Spezial" 2/1992). Auch nach den ereignisreichen Jahren der Auseinandersetzung kann daher von einer gelungenen Aufarbeitung in der Breite der Bevölkerung kaum gesprochen werden.

"Mein Kampf": Adolf Hitlers politisches Glaubensbekenntnis

Kujau hat in seinen sogenannten "Tagebüchern" Adolf Hitler als jemanden zu porträtieren versucht, der nicht nur nichts von der Ermordung der Juden erfahren habe, sondern dem es auch um Frieden in Europa gehe. Er schildert ihn mit seinen Einträgen durchaus als jemanden, der gegen das internationale (Finanz-)Judentum öffentlich agitiert und Politik macht, damit aber die beherrschende Rolle seines letztlich mörderischen Antisemitismus verstellt. Um dem Leser einen Eindruck der Intensität von Hitlers Antisemitismus zu geben, lohnt der Blick in sein für ihn wichtiges Buch, in "Mein Kampf" (1925/26). Dort erklärt er, dass alles Übel, alles Böse in der Welt ein Werk des "internationalen Judentums" sei und nur, wenn er sich dieser Juden entledige, er und die Welt frei seien - er schildert den paranoiden Kern seines Antisemitismus. Diese Ausrichtung wird durch die gefälschten "Tagebücher" vollständig verwischt, ja im Ergebnis geleugnet. Für den Leser mag von Interesse sein, einige dieser paranoiden Stellen in "Mein Kampf" zur Kenntnis zu nehmen.

Während seiner Wiener Jahre soll Hitler "plötzlich" ein Antisemit geworden sein. Es sei ihm beim Anblick von Juden in Kaftankleidung klar geworden, woher "die Gefahr" komme. Diese Vorstellung wurde zur wahnhaften Idee:

"Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in Bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung überhaupt. Sie hat mir die meisten inneren seelischen Kämpfe gekostet, und erst nach monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefühl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre später war das Gefühl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester Wächter und Warner zu sein. In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht mehr wie in den ersten Tagen blind durch die mächtige Stadt wandelte, sondern mit offenem Auge außer den Bauten auch die Menschen besah.

Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, umso mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Frage: Ist dies auch ein Deutscher? Wie immer in solchen Fällen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch Bücher zu beheben. Ich kaufte mir damals um wenige Heller die ersten antisemitischen Broschüren meines Lebens. Sie gingen leider nur alle von dem Standpunkt aus, dass im Prinzip der Leser wohl schon die Judenfrage bis zu einem gewissen Grade mindestens kenne oder gar begreife. Endlich war die Tonart meistens so, dass mir wieder Zweifel kamen infolge der zum Teil so flachen und außerordentlich unwissenschaftlichen Beweisführung für die Behauptung. Ich wurde dann wieder rückfällig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus. Die Sache schien mir so ungeheuerlich, die Bezichtigung so maßlos zu sein, dass ich, gequält von der Furcht, Unrecht zu tun, wieder ängstlich und unsicher wurde." Hitler 1925: S. 59 f.

"Überhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volkes ein Punkt für sich. Dass es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Äußeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kaftanträger später manchmal übel. Dazu kamen noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung. Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoßen musste man aber werden, wenn man über die körperliche Sauberkeit hinaus plötzlich die moralischen Schmutzflecken des auserwählten Volkes entdeckte. (…) Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen wäre? (…) So wie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leiden, oft ganz geblendet vom plötzlichen Lichte, ein Jüdlein." Hitler 1925: S. 61

Es gelte, so Hitler an anderer Stelle, "für die eigenen Ziele den Gegner dieser Ziele“ zu vernichten: „Die Nationalisierung unserer Masse wird nur gelingen, wenn bei allem positiven Kampf um die Seele unseres Volkes ihre internationalen Vergifter ausgerottet werden." (Hitler 1925: S. 371 f.)

Ein Beleg für Hitlers unerschöpflichen Judenhass

"Mein Kampf" ist durchzogen von endlosen Tiraden auf "den Juden" und seine "tödliche Gefahr" für das deutsche Volk. Hitler überschüttet "die Juden" mit Beweisen seines Hasses, mit Vorwürfen, Anklagen, Erniedrigungen, Entwertungen, ohne noch zu einer Prüfung fähig zu sein. Der Hass Hitlers auf die Juden ist unerschöpflich. Der Jude sei an allem schuld, die Ursache allen Unglücks. In einem billigen Umkehrschluss folgt, dass die Beseitigung der Juden das Glück auf Erden bringen werde. Mit der Entwertung "des Juden" als schmutzig, schlecht, lügnerisch, hinterhältig und tödlich gefährlich, wertet Hitler zugleich den Nicht-Juden, insbesondere den "Arier", idealisierend auf. Im Maße der eigenen Selbstunsicherheit, Minderwertigkeit, Verelendung und mit einem Gefühl des Versagens wird ein illusionärer Ersatz der Selbstaufwertung geboten, der gleichsam eine zweite scheinhafte, gleichwohl soziale Realität gewinnt.

"Der Jude" wird gleichzeitig immens in seinem Einfluss vergrößert und als größter weltherrschaftsorientierter "Vergifter" der eigenen Gesellschaft porträtiert. Er wird zum rücksichtslosen "Parasiten" stilisiert, der auf Kosten anderer lebe und als bösartiger Tumor die anderen zerstöre. Nur durch die Eliminierung dieses Feindes, dieser "Gegen-Rasse", werde die "arische Rasse" frei sein, so Hitler in "Mein Kampf". Der jüdische Historiker Saul Friedländer sprach in diesem Sinne folgerichtig von einem quasi-religiösen, mörderischen und paranoiden "Erlösungsantisemitismus" Hitlers. (Friedländer 2006)

Kujaus Fälschung: Die Fiktion vom friedlichen Hitler

In den von Konrad Kujau erfundenen "Hitler-Tagebüchern" ist die Preisung Hitlers als eines guten Staatsmannes zu lesen, der von der Ermordung der Juden nichts wusste und dem der Weltkrieg aufgezwungen worden sei.

Es folgen nun also historische Skizzen zum NS nach dem heutigen Stand der Wissenschaft. Ausgewählte Kujau-Zitate und Kujau-Auslassungen sowie Verzerrungen werden Jahr für Jahr an neuralgischen Stellen korrigiert oder ergänzt, sodass sich jeder einen eigenen Eindruck von der tatsächlichen Geschichte und Politik des Nationalsozialismus verschaffen kann. Da die Fälschungen Kujaus von Auslassungen vor allem über die Politik der Verfolgung und Ermordung der Juden gekennzeichnet sind, wird dies besonders erörtert:

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Das Erste | Reschke Fernsehen | 23.02.2023 | 23:35 Uhr

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