Gebäude der Wannsee-Konferenz in Berlin © dpa Foto: Stephanie Pilick

Wannsee-Konferenz: Wie Bürokraten den Holocaust planten

Stand: 24.01.2022 20:15 Uhr

Am 20. Januar 1942 trafen sich am Berliner Wannsee 15 führende Vertreter der NS-Bürokratie. Ihr Thema: die Organisation des systematischen Massenmords an Juden.

Der Mord an den europäischen Juden war geplant und er wurde von den Nationalsozialisten systematisch umgesetzt. Zwar sind die Wege, die zum Massenmord führten, verschlungen - aber ein Datum ist besonders mit dem bürokratisch organisierten Verbrechen verbunden: der 20. Januar 1942, der Tag der Wannsee-Konferenz.

Wannsee-Konferenz: Anfang oder Fortsetzung?

Die berüchtigte Konferenz begann an einem Wintermittag in einer Villa der SS am Berliner Wannsee. Geladen zu einer Besprechung "mit anschließendem Frühstück" hatte Reinhard Heydrich, Chef der berüchtigten Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD). Gekommen waren 15 Männer - Staatssekretäre, Spitzen der NS-Verwaltung im besetzten Osteuropa und hochrangige SS-Führer. Einziger Tagesordnungspunkt: die Organisation und Umsetzung der "Endlösung der Judenfrage".

Weitere Informationen
Ausschnitt des Besprechungsprotokolls der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Ausstellungsstück der Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" in Berlin, aufgenommen im Jahr 2007. © picture-alliance/ dpa Foto: Steffen Kugler

Wannsee-Konferenz: Das Protokoll

1942 wurde am Wannsee die "Endlösung der Judenfrage" organisiert. Ein letztes erhaltenes Protokoll zeigt, wie der Massenmord verwaltet wurde. mehr

Bis heute sind Historiker unterschiedlicher Auffassung darüber, wie die Konferenz zu bewerten ist, denn der Mord an den Juden war im Januar 1942 bereits im vollen Gang. Heydrich war bereits Anfang 1941 von Reichsmarschall Hermann Göring und SS-Chef Heinrich Himmler mit dem Mord an den Juden Europas beauftragt worden. Die gängige Annahme, dass erst auf der Konferenz die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen worden sei, deckt sich nicht mit den historischen Fakten.

Organisation der "Endlösung der Judenfrage"

Die Mehrheit der Forscher geht davon aus, dass es in erster Linie um die Organisation und Umsetzung des Völkermordes ging. Heydrich habe sich die Kooperation der Konferenzteilnehmer sichern und ihnen seine neue Machtfülle in der "Judenfrage" demonstrieren wollte. Bereits im Juli 1941 hatte er von Göring die Vollmacht erhalten, "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa".

Heydrichs "Judenreferent" Adolf Eichmann, der das Protokoll der Sitzung anfertigte, erklärte später bei seiner Vernehmung während des Prozesses gegen ihn in Jerusalem, sein Chef sei nach dem Treffen in außergewöhnlich guter Stimmung gewesen. Tatsächlich hatte keiner der Anwesenden Heydrichs Richtlinienkompetenz infrage gestellt.

Wannsee-Konferenz: Symbol des bürokratischen Massenmords

Als nach dem Krieg US-amerikanische Ermittler die 16. Ausfertigung des Papiers für Unterstaatssekretär Luther vom Auswärtigen Amt fanden, wurde die Konferenz zum Symbol für den staatlich verordneten Massenmord. Das Dokument - dessen Echtheit Holocaust-Leugner bis heute in Zweifel zu ziehen versuchen - gibt Aufschluss darüber, wer an der Konferenz teilgenommen hat und macht deutlich: Involviert in den Judenmord war ein ganzer bürokratischer Apparat.

Ungarische Juden an der Rampe in Auschwitz-Birkenau 1944, aufgenommen von der SS. © picture-alliance/akg-images Foto: akg-images
Der Weg in die Konzentrationslager endete für Millionen Juden mit dem Tod.

Die Teilnehmer besprachen die Zusammenarbeit ihrer Behörden bei der bevorstehenden Deportation aller Juden in Europa in die eroberten Gebiete im Osten. Das Protokoll verzeichnet "nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung" von insgesamt über elf Millionen europäischen Juden "nach dem Osten". "In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter" sollten die "arbeitsfähigen Juden (...) straßenbauend in diese Gebiete geführt" werden, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen" wird. Der "allfällig endlich verbleibende Restbestand" solle "entsprechend behandelt" werden, "da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten handelt", der "eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus anzusprechen ist (siehe die Erfahrung der Geschichte)".

Intensiv wurde auch über die Behandlung von "Halbjuden" und "Mischehen" diskutiert. Heydrichs Versuch, den Kreis der Betroffenen über die seit den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 hinaus als "Jude" definierten Menschen auszuweiten, hatte allerdings keinen Erfolg.

Gesamter Staatsapparat in den Holocaust eingebunden

Die Wannsee-Konferenz war eine wichtige Etappe bei der Organisation des planmäßigen Völkermordes an den Juden, der Auftakt war sie nicht: Seit der deutschen Invasion in der Sowjetunion im Sommer 1941 waren Heydrichs Einsatzkommandos damit beschäftigt, sowjetische Juden systematisch zu ermorden. Die Vernichtungslager im Osten waren bereits im Bau. Schon im September hatte Hitler den Deportationsbefehl für die noch im Reich verbliebenen Juden erteilt. Und der Genozid wurde seit Oktober im "Generalgouvernement" planmäßig praktiziert, auch, um Platz für die Juden aus dem Reich zu schaffen. Mit der Kriegserklärung an die USA im Dezember erteilte Hitler mündliche Befehle zur "Endlösung der Judenfrage" im nun zur globalen Auseinandersetzung eskalierten Weltkrieg.

Holocaust

Mit der Wannsee-Konferenz wurde der Mord an allen europäischen Juden zum schriftlich fixierten Ziel deutscher Regierungspolitik. Heydrich sicherte sich mit der Konferenz nicht nur die Zustimmung der Ministerien, sondern er machte die Staatssekretäre mitverantwortlich. Das Treffen markiert den Punkt, an dem die Organisation des Völkermordes nach bereits erfolgter Entscheidung auf der höchsten Führungsebene festgeschrieben wurde. Jetzt gab es kein Zurück mehr: Der gesamte Staatsapparat war nun involviert und mitverantwortlich für ein bis dato undenkbares Verbrechen.

Haus der Wannsee-Konferenz ist heute eine Gedenkstätte

Heute informiert das "Haus der Wannsee-Konferenz" mit einer umfassenden Ausstellung über den geplanten Völkermord an den europäischen Juden.

Weitere Informationen
Villa am Berliner Wannsee © picture alliance/dpa Foto: Annette Riedl

80 Jahre Wannsee-Konferenz: Der Weg zur "Endlösung"

Der Historiker Norbert Frei über die Konferenz, bei der die Organisation des Holocaust durch die Nationalsozialisten geplant wurde. (18.01.2022) mehr

Gebäude der Wannsee-Konferenz in Berlin © dpa Foto: Stephanie Pilick
15 Min

Wannsee-Konferenz: Der Plan vom systematischen Morden

Am 20. Januar 1942 beraten Nationalsozialisten, wie sie alle europäischen Juden erfassen und umbringen können. Widerspruch gibt es keinen. 15 Min

Brennende Synagoge in der Bergstraße in Hannover am 10. November 1938. © HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover. Foto: Wilhelm Hauschild

Angeordneter Terror in der Reichspogromnacht

9. November 1938: Auf Geheiß der Nationalsozialisten brennen vor 83 Jahren auch im Norden Synagogen und jüdische Geschäfte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Journal | 20.01.2022 | 05:55 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Mehr Geschichte

Ausfahrt des damals größten Schiffes der Welt aus dem Hamburger Hafen: der Dampfer "Imperator" der Hamburg-Amerika-Linie. © dpa

Hapag und Norddeutsche Lloyd: Vom Konkurrenzkampf zur AG

Vor 175 Jahren entsteht die Hamburger Schifffahrtslinie Hapag, mit dem Norddeutschen Lloyd wächst schnell Konkurrenz. mehr

Norddeutsche Geschichte