Eine Frau sitzt traurig auf dem Flurboden einer Wohnung. © Newscom Foto: Rafael Ben-Ari

Therapie per Smartphone: Wie gut sind Selbsthilfe-Apps?

Stand: 30.04.2022 07:00 Uhr

Um das Leben besser und leichter zu gestalten, gibt es in den App-Stores viele Angebote. Neben Fitness-Apps, Ernährungs-Apps oder Meditations-Apps finden sich dort auch Selbsthilfe-Therapie-Apps. Können diese Betroffenen wirklich helfen?

von Merle Hömberg

Die Online-Therapie-Programme heißen beispielsweise "deprexis", "Selfapy" oder "somnio" und sollen Betroffenen bei den ersten Schritten helfen, zum Beispiel um die Wartezeit bis zu einem Therapieplatz zu überbrücken. Doch was kann so eine App und was kann sie nicht?

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Monatelange Wartezeiten auf einen Therapieplatz

Durchschnittlich fünf Monate müssen gesetzlich Versicherte auf einen Therapieplatz warten: In einer akuten Situation viel zu lang. Das weiß auch Psychologin Nora Blum, die die Selbsthilfe-App "Selfapy" mit ins Leben gerufen hat. Ihre Mutter ist Psychotherapeutin in Hamburg - und sie kennt schon von klein auf die Situation, dass verzweifelte Menschen anrufen, die auf der Suche nach einem Therapieplatz sind. "Der Anrufbeantworter quillt wirklich über und sie hat Wartezeiten von bestimmt einem halben Jahr", erzählt Blum, die mittlerweile in Berlin lebt. "Das geht nicht, dass es Betroffenen so schwer gemacht wird, Hilfe in Anspruch zu nehmen."

Niedrigschwelliges Angebot für schnelle Hilfe

Sie wollte diesen Menschen, die schnell Hilfe brauchen, ein niedrigschwelliges Angebot machen. Mit dieser Idee hat sich Nora Blum 2016 selbstständig gemacht und zusammen mit Katrin Bermbach die Selfapy GmbH gegründet. Ihr Programm gegen Depression ist für zwölf Wochen konzipiert - mit Videos, mit konkreten Übungen und Aufgaben. Bei Fragen kann man sich auch an Psychologen und Psychologinnen wenden. Die App kann vom Arzt verschrieben werden und die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen - durch das Digitale-Versorgung-Gesetz.

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App als Ergänzung zur Therapie

Jonas Schmidt ist 24 Jahre alt und lebt in Bremen. Er hat "Selfapy" als Ergänzung zu einer Gesprächstherapie genutzt. In dem Online-Programm sieht er den Vorteil, dass die Hemmschwelle sehr niedrig ist. "Ich muss keinen Termin machen, ich kann sogar im Bett bleiben und das Handy zücken." Aber er unterstreicht auch: "Es ist eben nur ein Online-Angebot und keine Therapie, die einen auch dazu bewegt, dass man auch mal wieder das Haus verlässt."

Kein Ersatz für persönliches Therapiegespräch

Die Selbsthilfe-Therapie-Apps sind in erster Linie für Betroffenen konzipiert, die keinen Zugang zur Psychotherapie haben - ob wegen langer Wartezeiten oder weil sie sich nicht trauen, zum Therapeuten zu gehen. Die App soll nicht die traditionelle Therapie ersetzen, sagt Blum. Aber sie sagt auch, dass "Selfapy" bei leichten und mittelgradigen Symptomen auch alleinstehend helfen kann.

Kritik von der Psychotherapeutenvereinigung

Für Dr. Enno Maaß, Psychotherapeut in Wittmund (Niedersachsen) und Mitglied im Bundesvorstand der Psychotherapeutenvereinigung, ist klar, dass Online-Angebote Therapien nicht ersetzen können. Er kann sich die digitalen Anwendungen (DiGA) eher als Prävention vorstellen.

Je konkreter, desto besser

Außerdem hofft er, dass die Programme spezifischer werden, wie beispielsweise bei der Anwendung "somnio", bei der es speziell um Schlafstörungen geht. "Die treten bei vielen psychischen Erkrankungen auf", sagt Maaß. Das könne man dann sehr gewinnbringend einsetzen, weil es sehr spezifisch sei. "Aber die Übersicht zu behalten, was jetzt ein Programm macht, wenn es den Anspruch hat, komplett für alle Angststörungen für alle Hilfe zu bieten, das ist aus fachlicher Sicht wirklich schwierig einzuschätzen."

Wunsch der Krankenkassen: Echte Innovation

Die Erfahrung der Krankenkassen ist bisher, dass die Online-Programme vor allem begleitend genutzt werden, sagt Jens Ofiera, vom GKV-Spitzenverband, der Interessenvertretung der gesetzlichen Krankenkassen. Bisher fehle allerdings echte Innovation bei solchen Apps. Er kritisiert, dass die digitale Gesundheitsanwendungen eher Selbsthilfe-Leitfäden sind, die digital abgebildet werden.

Zukunft der digitalen Gesundheitsanwendungen noch offen

Eine Frau schaut auf ihr Smartphone. © picture alliance / photothek | Foto: photothek/ Thomas Trutschel
Die Apps sollen vor allem Betroffenen helfen, die noch keinen Zugang zu einer Psychotherapie haben.

Grundsätzlich steht der Krankenkassen-Spitzenverband der Entwicklung von digitalen Gesundheitsanwendungen aber positiv gegenüber, so Ofiera. Aber ob irgendwann mal eine digitale Gesundheitsanwendung eine herkömmliche Leistung komplett ersetzen kann? "Das ist Zukunftsmusik," sagt Ofiera.

Viele Apps müssen Nutzen noch nachweisen

Bis jetzt sind zwölf von 33 Anwendungen dauerhaft in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen, weil sie ihren Nutzen nachweisen konnten - darunter auch "somnio" und die Depressionsprogramme von "Selfapy" und "deprexis". Die anderen Apps sind vorläufig gelistet und müssen ihren Nutzen noch belegen - dürfen aber schon verschrieben werden.

Betroffene müssen sich Hilfe holen

Für Jonas Schmidt war die Begleitung durch die App neben seiner Therapie der richtige Weg. Das Allerwichtigste sei für ihn, dass die Menschen sich Hilfe suchen. "Wenn man in einer App landet, ist das gut. Wenn man bei seinem Hausarzt landet, ist das gut. Wenn man in einer Therapie landet, ist das gut. Alles ist besser als mit diesem Monster der Depression alleine zu sein."

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NDR Info | Infoprogramm | 30.04.2022 | 10:05 Uhr

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