Stand: 28.06.2019 16:00 Uhr

Multi-Intoleranzen erkennen und behandeln

Im Bauch rumort es, nach dem Essen kommen quälende Blähungen oder Krämpfe, wenn nicht gar heftige Durchfälle: Mindestens jeder fünfte Deutsche reagiert empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel-Inhaltsstoffe. Relativ häufig ist hierzulande eine Milchzucker- oder Fruchtzucker-Unverträglichkeit. Einige Menschen vertragen sogar diverse unterschiedliche Stoffe nicht, sie leiden unter Multi-Intoleranzen: Wer etwa eine kombinierte Laktose-, Fruktose- und Sorbit-Intoleranz hat, dessen Verdauung rebelliert bei zahlreichen Obst- und Gemüsesorten ebenso wie bei Milch- und den meisten Fertigprodukten.

Betroffene schränken ihren Speiseplan immer weiter ein, um die Beschwerden zu umgehen - doch ist es mit steigender Zahl der Intoleranzen immer schwieriger, beim Essen die Klippen zu umschiffen.

Anne Fleck zeigt einer jungen Frau für sie geeignete Lebensmittel. © NDR

Bei Multi-Intoleranzen Darm und Seele schonen

Die Ernährungs-Docs -

Laktose-, Fruktose- und Sorbitunverträglichkeit - Lisa R. weiß kaum mehr, was sie essen soll. Darmfasten könnte ihre Verdauung beruhigen, erfordert allerdings viel Durchhaltevermögen.

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Ursache von Multi-Intoleranzen

Eine neue Theorie geht davon aus, dass bei Multi-Intoleranzen der Darm komplett irritiert ist. Zusatzstoffe in der Nahrung, eine längere Antibiotika-Einnahme oder schwere Magen-Darm-Infekte können die Darmflora durcheinanderbringen. Dadurch kann sich die Darmschleimhaut verändern, was die Darmfunktion beeinträchtigt. Einerseits wird der Darm durchlässiger für Nährstoffe und Bakterien, die eigentlich nicht in die Blutbahn geraten sollten.

Andererseits kann er nicht mehr alle für die Verdauung notwendigen Stoffe (etwa Proteine oder Enzyme) herstellen. Das kann den Transport von Fruchtzucker durch die Dünndarmwand hin zur Leber behindern, sodass die Fruktose in den Dickdarm gelangt, wo sie gasbildenden Bakterien als Nahrung dient. Bildet der Darm Verdauungsenzyme wie die Laktase, die den Milchzucker aufspaltet, nicht mehr, dann landet Laktose unverdaut im Dickdarm. Dort bindet sie Wasser und wird auch teilweise von den Darmbakterien abgebaut - so entstehen Blähungen und Durchfälle.

Was passiert bei Multi-Intoleranzen?

Unverträglichkeits-Symptome nach dem Verzehr

Typischerweise kurz nach dem Verzehr unverträglicher Lebensmittel treten Beschwerden auf:

  • Appetitlosigkeit, Übelkeit
  • Bauchgeräusche
  • Bauchschmerzen, Unterbauchkrämpfe
  • Druck- oder Völlegefühl
  • Blähungen
  • Durchfälle

Konzentrationsstörungen, Schwindelgefühl, extreme Müdigkeit und Schlafstörungen kommen ebenfalls vor. Nicht selten leiden Betroffene auch unter psychischen Veränderungen wie Antriebslosigkeit und Depressionen.

Diagnose durch Atemtests

Zucker-Unverträglichkeiten (etwa gegen Fruktose, Laktose, Saccharose oder Zuckeralkohole wie Sorbit, Xylit) werden in aller Regel mit Atemtests diagnostiziert. Der Testvorgang ist bei allen vermuteten Intoleranzen derselbe, nur der eingenommene Zucker unterscheidet sich. Nach eintägigem Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, Getränke und Rauchen trinken Betroffene den zu testenden Zucker in einem Glas Wasser aufgelöst. Anschließend notieren sie über drei Stunden hinweg alle 20 Minuten ihre Symptome und atmen in ein Messröhrchen. Die Diagnose basiert auf dem Symptomindex (welche traten auf und wie stark?) sowie der Konzentration bestimmter Gase in den Atemproben.

Im Dickdarm wird unverdauter Zucker von Bakterien zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut, dabei entstehen - auch abhängig von den in der Darmflora heimischen Bakterienarten - vor allem Wasserstoff und zum Teil Methan oder Kohlendioxid. Eine über den spezifischen Grenzwert hinaus erhöhte Gaskonzentration lässt darauf schließen, dass zu viel des untersuchten Zuckers bei den Bakterien im Dickdarm landet.

Therapie läuft in zwei Phasen ab

Das Ziel der Ernährungsstrategie ist, den Darm zu beruhigen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren, um langfristig wieder eine ausgewogene Kost beschwerdefrei essen zu können. Je nach Schwere der Erkrankung kann das wenige Monate oder auch ein Jahr dauern. Die Therapie erfolgt in zwei Schritten:

  • Schon- bzw. Karenzphase: Beim sogenannten Darmfasten sind nur wenige, reizarme Lebensmittel erlaubt: keine Lebensmittel mit Zusatzstoffen, keine Milchprodukte, kein Obst, anfangs kein Gemüse - nur glutenfreie Getreideprodukte, Kartoffeln, Reis, Fisch und qualitativ hochwertige Fette. Ab dem zehnten Tag können fruktosearme Gemüsesuppen eingeführt werden. Die Karenzphase sollten Sie mindestens 4 Wochen einhalten. So kann sich der Darm erholen, die Symptome lassen nach.
  • Aufbauphase: Schritt für Schritt werden nach individueller Verträglichkeit Gemüse und andere Lebensmittel wieder eingeführt. Schreiben Sie unbedingt dabei Ernährungstagebuch. Auch weiterhin sollte die Ernährung reizarm sein: kaum Obst, keine Rohkost, vor allen Dingen nicht abends. Tabu bleiben Schweinefleisch, Würstchen, Kekse, Schokolade, Fertigprodukte.

Unterstützend gegen Durchfälle kann eine probiotische Trinkkur auf der Basis von Floh-, Fenchel- und Leinsamen plus probiotischen Darmbakterien wirken. Sanfte Bauchmassagen aktivieren die Durchblutung im Bauchraum und fördern die Bewegung des Darms. Was tut dem Darm gut, was nicht? Das Ernährungstagebuch hilft bei der Selbsteinschätzung und der Zuordnung von Beschwerden. Oft vergisst man schon kurz nach einer Mahlzeit, was und wie viel man wirklich gegessen hat. Es ist außerdem wertvoll, um festzuhalten, welche in der Aufbauphase eingeführten Lebensmittel verträglich sind.

Ganzheitliche Strategie

Die beste Ernährungsmedizin kann nicht fruchten, wenn die Seele gestresst ist. Der Volksmund benennt die enge Verbindung von Psyche und Verdauung treffend mit Redensarten wie "Das ist mir auf dem Magen geschlagen", "Ich brauche noch etwas, um die Nachricht zu verdauen" oder "Die Sache liegt mir schwer im Magen".

Achten Sie nicht nur auf Ihr Essen, sondern auch auf Ihre sonstigen Bedürfnisse. Ruhe und Aktivität sollten individuell richtig ausbalanciert sein. Tägliches Yoga, autogenes Training, Spaziergänge oder Sport leisten einen Beitrag zur Entspannung. Auch Atemübungen oder Singen lockern Anspannungen. Probieren Sie aus, welche Entspannungsmethoden für Sie passen, und holen Sie sich Unterstützung in Belastungssituationen.

Dieses Thema im Programm:

Die Ernährungs-Docs | 22.07.2019 | 21:00 Uhr

Ernährungs-Therapie

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Rezepte bei Multi-Intoleranzen

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Die Therapie-Empfehlungen im DIN-A4-Format (PDF)

Tipps für das Darmfasten und die darauf folgende Aufbauphase. Download (62 KB)

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