Das "tödliche Quartett": Gefahr für Herz und Kreislauf

Stand: 18.01.2021 11:27 Uhr

Das metabolische Syndrom ist wenigen ein Begriff, obwohl Millionen an ihm leiden. Die Krankheit trägt den Beinamen "tödliches Quartett", weil hier vier Herz-Kreislauf-Risiken zusammenwirken.

Geschätzt 15 Millionen Deutsche sind betroffen, trotzdem ist das Krankheitsbild in der Allgemeinheit kaum bekannt. Als metabolisches Syndrom oder auch "tödliches Quartett" bezeichnen Mediziner ein Bündel aus Risikofaktoren: zu viel Bauchfett, hohe Blutzucker- und Blutfett-Werte und Bluthochdruck. Jeder dieser Faktoren steigert schon für sich gesehen das Risiko für Gefäßkrankheiten (Arteriosklerose). Mögliche Folgen sind Schlaganfall und Herzinfarkt. Häufig mündet das metabolische Syndrom zudem in einen manifesten Diabetes Typ 2, der Nerven- und Organschäden nach sich ziehen kann.

Ursache ist unser moderner Lebenswandel

Das metabolische Syndrom ist eine Wohlstandskrankheit, ausgelöst durch zu reichliches Essen und zu wenig Bewegung. Übergewicht mit viel Bauchfett führt meist zu krankhaften Veränderungen im Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel. Denn über das wichtige Hormon Insulin hängt die Verstoffwechselung von Fetten und Zuckern eng zusammen. Wenn die Körperzellen unempfindlich (resistent) gegenüber Insulin werden, dann kann der Blutzuckerspiegel nicht mehr richtig sinken. Zugleich steigen die Blutfettwerte - und ebenso der Blutdruck, denn das Insulin bewirkt, dass sich Wasser und Natrium (Kochsalz) in den Nieren ansammeln. Das stört den Flüssigkeitshaushalt im Gefäßsystem.

Kurz erklärt
Schematische Darstellung eines Torsos und Blick in die Bauchhöhle mit Fetteinlagerungen. © NDR

Warum Fettleibigkeit behandelt werden muss

Besonders gefährlich ist das Bauchfett, das sich zwischen den Organen ablagert. Neuere Forschungen zeigen, dass es Botenstoffe produziert, die den Stoffwechsel beeinflussen. Bildergalerie

Schematische Darstellung © NDR

Was passiert bei Insulinresistenz?

Der Körper spaltet Kohlenhydrate aus dem Essen in Zucker. Insulin hilft, den Zucker in die Zellen einzuschleusen. Klappt dies nicht mehr, steigt der Blutzuckerspiegel. Bildergalerie

Schematisch Darstellung: Blutgefäß mit durchfliegenden Teilchen und gelben Belägen an den Wänden. © NDR

Was passiert bei zu hohen Blutfettwerten?

Überschüssige Blutfette können sich an die Gefäßwände anlagern und zu Thrombosen führen - das Blut verklumpt. Die mögliche Gefahr: Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bildergalerie

Auf die Dauer bilden sich Ablagerungen in den Gefäßen, sogenannte Plaques. An solchen Engstellen kann das Blut nicht mehr ungehindert fließen. Extremitäten, schlimmstenfalls auch lebenswichtige Organe wie Herz, Gehirn oder Niere werden nicht mehr ausreichend durchblutet.

Symptome: Übergewicht, eventuell Müdigkeit

Hauptsymptom ist eine bauchbetonte Fettleibigkeit (abdominelle Adipositas). Die veränderten Blutwerte verursachen lange Zeit keine Beschwerden. Erst über die Jahre, wenn sich die Gefäße schon erheblich verengt haben, machen sich Folgeerkrankungen bemerkbar - etwa durch Herzrasen oder eine Venenschwäche in den Beinen. Aufgrund der Insulinresistenz treten bei einigen Betroffenen auch erste Anzeichen für einen Diabetes auf: etwa ein extremes Durstgefühl und häufige Müdigkeit oder Schlappheit.

Diagnose des Metabolischen Syndroms

Der Arzt misst Gewicht, Taillenumfang und Blutdruck und nimmt Blut ab. Ein Metabolisches Syndrom liegt nach der aktuell von den meisten Experten benutzten Definition vor, wenn mindestens drei dieser Risikofaktoren festgestellt werden:

  • Übergewicht: ein BMI von 25 oder mehr.
  • Krankhafter Taillenumfang: bei Frauen über 88 Zentimeter und bei Männern über 104 Zentimeter.
  • Erhöhter Nüchternblutzucker: Als oberste Grenze gelten 100 mg/dl. Eine Diabetes-Erkrankung kann schon vorliegen, muss aber nicht. Falls der Nüchternblutzucker noch in Ordnung ist, könnte ein Zuckerbelastungstest Hinweise auf eine beginnende Insulinresistenz geben.
  • Erhöhte Triglyceride (Blutfettwerte): im Nüchternzustand mehr als 150 mg/dl, sowie erniedrigtes HDL-Cholesterin: unter 50 mg/dl.
  • Blutdruck: über 130/85 mmHg, ermittelt in mehreren Messungen oder einer Langzeitblutdruckmessung - nicht als Momentaufnahme bei einem einzelnen Arztbesuch.

Untersuchungen zur Risikoabschätzung beim Metabolischen Syndrom

Ernährungs-Doc Matthias Riedl und sein Patient essen am Gartentisch gegrilltes Gemüse. © NDR
Öfter Gemüse statt Fleisch empfiehlt Ernährungs-Doc Matthias Riedl - auch beim Grillabend.

Wird das metabolische Syndrom diagnostiziert, dann stehen weitere Untersuchungen an, um Folgeerkrankungen zu ermitteln. Dazu gehören insbesondere ein Herz-Ultraschall (Echokardiografie), EKG und Belastungs-EKG. Ultraschall und Blutuntersuchung (Kreatininwert, Elektrolyte) geben auch Aufschluss über den Zustand der Nieren.

Als Risiko- und Prognosemarker bei atherosklerotischen Gefäßerkrankungen gilt der Blutplasmaspiegel von TMAO (Trimethylamin-N-Oxid). Trimethylamin ist eine Substanz, die von Darmbakterien beim Abbau von tierischem Eiweiß aus Eiern, Milch und rotem Fleisch produziert wird. Die Leber verstoffwechselt diesen Stoff zu TMAO. Modellversuche haben gezeigt, dass dieser Stoff vermutlich die Einlagerung von Cholesterin in Gefäßwände fördert. Bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) fand sich in einer Langzeitstudie ein Zusammenhang zwischen der Höhe des TMAO-Spiegels und Sterberisiko.

Therapie: Umstellung der Ernährung und Bewegung

Gegen das metabolische Syndrom helfen zwei Dinge: eine Ernährungsumstellung und regelmäßige körperliche Aktivität.

Magneten mit Symbolen für Tischtennis, Hund Gassi führen bei jedem Wetter, Fahrrad statt Auto benutzen. © NDR
Kleine Helfer: Diese Magneten erinnern daran, täglich in Bewegung zu kommen.

30 Minuten täglich Bewegung sollten es schon sein. Dabei zählt nicht nur "Sport": Jeder extra Schritt ist ein Gewinn für Herz und Kreislauf. Treppe statt Lift, Fahrrad statt Auto: Bringen Sie Bewegung in den Alltag, und zwar dauerhaft.

Hilfreich für Einsteiger und Sportmuffel ist, sich einer Gruppe anzuschließen oder einen Sportpartner zu suchen. Gemeinsam schwimmen oder walken gehen, Verabredungen zum Federball oder Tischtennis, Gymnastik in der Kleingruppe: Das schafft Verbindlichkeit und hilft über die ersten Wochen. Die genannten Sportarten sind gut für einen sanften Einsteig geeignet und lassen sich mit wachsender Fitness in ihrer Intensität und Dauer gut steigern.

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Dieses Thema im Programm:

Die Ernährungs-Docs | 07.02.2022 | 21:00 Uhr

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