Magen-Verkleinerung: Operation hilft auch gegen Diabetes

Stand: 04.01.2021 15:39 Uhr

Für Menschen mit extremem Übergewicht haben sich Eingriffe wie Magenbypass oder Schlauchmagen bewährt. Diese sogenannten bariatrischen Operationen verkleinern das Magenvolumen.

Die Fettleibigkeit (Adipositas) ist ein Problem, das in Deutschland immer weiter um sich greift. Jeder fünfte Mensch ist hierzulande stark übergewichtig, belastet damit seine Gelenke und hat ein hohes Risiko, an Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erkranken.

Damit liegt Deutschland weit vor seinen Nachbarländern. Und in den vergangenen Jahren ist der Anteil der Deutschen mit schwerem Übergewicht (Adipositas Grad II) kontinuierlich gewachsen, auf mittlerweile acht Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer.

Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie

Die Behandlungsleitlinie zur "Prävention und Therapie der Adipositas" empfiehlt Betroffenen ein zwölfmonatiges Basisprogramm aus den Säulen Ernährungstherapie, Bewegungstherapie und Verhaltenstherapie, ergänzt durch Beratungsprogramme zur Gewichtsreduktion. Ziel ist eine Reduktion des Körpergewichtes um mindestens fünf Prozent (BMI 25-35) beziehungsweise zehn Prozent (BMI größer als 35).

Was ist der BMI?

Der Body-Mass-Index (BMI) bezeichnet das Körpergewicht (in kg) geteilt durch die Körpergröße (m) im Quadrat. Als Beispiel liegt der BMI bei einer Körpergröße von 1,70 Metern und einem Gewicht von 60 kg mit dem Wert 20,8 im Normalbereich.

  • BMI 18-24,9 = Normalgewicht
  • BMI 25-29,9 = Übergewicht
  • BMI 30-34,5 = Adipositas Grad I
  • BMI 35-39,9 = Adipositas Grad II (Adipositas per magna)
  • BMI 40-49,9 = Adipositas Grad III
  • BMI größer als 50 = Adipositas Grad IV (Superadipositas)

Operation hat sich bei extremem Übergewicht bewährt

Mit Bewegung und Diäten allein schaffen es Menschen mit extremem Übergewicht (BMI größer als 35) aber meist nicht mehr, ihr Körpergewicht auf ein gesundes Maß zu reduzieren.

Früher oder später führt die Stoffwechselbelastung dann zu schweren Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus. Chirurgische Eingriffe wie Magenbypass oder Schlauchmagen haben sich für diese Patienten trotz des Operationsrisikos als effektive Behandlungsoption bewährt.

Magenvolumen wird verkleinert

Diese sogenannten bariatrischen Operationen schränken das Fassungsvermögen und die Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung ein. Nach der Operation ist der Magen so klein, dass er nur noch kleine Portionen wie ein Glas Wasser fassen kann. Die nötigen Nährstoffe nehmen die Patienten für den Rest ihres Lebens über Tabletten auf.

In der Folge verlieren die schwergewichtigen Patienten deutlich an Gewicht und profitieren von einer ganzen Reihe gesundheitlicher Effekte: Der Blutdruck sinkt, der Zuckerstoffwechsel normalisiert sich, das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko verringert sich drastisch.

Zwar lässt sich ein bereits bestehender Diabetes mellitus nicht heilen, die Zuckerkrankheit lässt sich aber viel besser behandeln. Bei der lebenslangen Nachsorge werden regelmäßig die Blutwerte kontrolliert, hinzu kommt eine Ernährungsberatung, damit der Erfolg auch nachhaltig ist.

Wie funktionieren bariatrische Operationen?

Die bariatrischen Operationen werden immer minimal-invasiv durchgeführt. Bei einem Schlauchmagen entfernt der Chirurg den größten Teil des Magens. Der Restmagen hat nur noch ein Fassungsvermögen von etwa 200 Millilitern, die normale Verdauungsfunktion bleibt aber erhalten.

Etwa jeder zweite Patient entscheidet sich für dieses relativ risikoarme Verfahren. Nach der OP verlieren die Patienten massiv an Gewicht und auch der Diabetes lässt sich damit bremsen, da durch die Entfernung des Magens bestimmte Botenstoffe ausgeschaltet werden. Das führt zu einer Normalisierung des Zuckerstoffwechsels.

Magenbypass gilt als besonders effektiv

Als besonders effektiv und schnell wirksam gilt der sogenannte Magenbypass. Von dieser aufwendigeren Methode profitieren Diabetiker langfristig am meisten. Auch hier verkleinert der Operateur den Magen, zusätzlich wird aber weiter unten der Dünndarm durchtrennt und mit dem verbliebenen Mini-Magen verbunden. So stehen 1,5 Meter weniger Dünndarm für die Nährstoffaufnahme und -verwertung zur Verfügung. Zudem passiert die Nahrung nicht mehr den Zwölffingerdarm, was die Hormonaktivität im Magen-Darm-Trakt stark verändert.

30 Prozent weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle nach OP?

In einer großen schwedischen Studie nahmen Patienten nach bariatrischen Operationen nicht nur deutlich stärker auf Dauer ab als ihre nicht operierten Leidensgenossen. Sie erlitten auch 30 Prozent weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle und sogar 50 Prozent weniger Todesfälle durch ein solches Ereignis.

Generell gilt, dass ein langfristiger BMI über 40 die durchschnittliche Lebenserwartung um 10 bis 15 Jahre verkürzt. Auch bei weiteren Faktoren wie Lebensqualität, Krebserkrankungen, Gelenkverschleiß und Diabetes waren die operierten Patienten deutlich im Vorteil.

Wann kommt eine bariatrische Operation infrage?

Wer einen BMI über 40 oder schwere Folgeerkrankungen bei einem BMI über 35 hat und einige andere Voraussetzungen erfüllt, kommt für so eine Operation infrage. Doch auch wenn der Eingriff trotz aller Risiken einer großen Operation die Gesundheit entscheidend verbessern kann, müssen viele Betroffene bei ihrer Krankenkasse um die Kostenübernahme kämpfen.

Experten fordern seit Langem, dass bariatrische Operationen für stark übergewichtige Patienten zu einer Regelleistung der Krankenkassen werden. Bisher müssen die Betroffenen den Eingriff per Einzelfallentscheidung bewilligen lassen. Willigt die Krankenkasse nicht ein, können die Patienten widersprechen und Klage vor dem Sozialgericht einreichen.

Krankenkasse muss die OP bewilligen

Gerade bei stark übergewichtigen Diabetes-Patienten werden die Kosten dann letzten Endes meist doch übernommen. Doch durch diese Bewilligungspraxis werden hierzulande viel weniger Patienten pro Jahr operiert als im europäischen Ausland.

Private Krankenversicherungen genehmigen bariatrische Eingriffe oft schneller, da die Operation einschließlich der notwendigen Vor- und Nachbehandlung meist deutlich günstiger ist als die Behandlungskosten der auf diese Weise vermeidbaren Folgeerkrankungen.

Tipps zur Antragstellung bei der Krankenkasse

Patienten sollten sich zunächst nicht an die Krankenkasse, sondern an ein Adipositas-Zentrum wenden und sich dort über die Möglichkeiten beraten lassen. Die Kliniken übernehmen die Antragstellung und helfen, Auflagen und Hürden zur Kostenübernahme zu überwinden.

Nicht selten lehnt die Krankenkasse zunächst ab. Dann sollten die Betroffenen sofort Widerspruch einlegen und gemeinsam mit den Spezialisten der Klinik einen erneuten Antrag stellen. Eine frühzeitig abgeschlossene Rechtsschutzversicherung kann hilfreich sein.

Weniger Entzündungen nach der Magenverkleinerung

Das Bauchfett spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Folgeerkrankungen der Adipositas, denn es ist verantwortlich für die Entwicklung von Entzündungen im Körper.

Um das Bauchfett besser zu verstehen, haben schwedische Wissenschaftler untersucht, wie sich die Genaktivität im Bauchfettgewebe von Operierten verändert: vor einer Magenbypass-OP sowie zwei und fünf Jahre danach. Dabei machten sie eine überraschende Entdeckung: Die Aktivität von Entzündungsgenen im Bauchfett der Patienten verringerte sich nicht nur beim Abnehmen, sondern auch dann, wenn sie im weiteren Verlauf wieder etwas zunahmen.

Wird eine Spritze eines Tages die OP ersetzen?

Die Wissenschaftler vermuten, dass sich durch die Operation der Hormonhaushalt verändert, und neues Fettgewebe dadurch gesünder ist und bleibt. In einem nächsten Schritt versuchen die Forscher nun im Labor nachzuahmen, was nach einer Magenverkleinerungs-OP im Stoffwechsel geschieht.

Gelingt das, könnten sie möglicherweise Medikamente entwickeln, die genau diese Effekte nachahmen und aufwendige Operationen zur Gewichtsreduktion und Verbesserung des Stoffwechsels eines Tages überflüssig machen.

 

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Dieses Thema im Programm:

Visite | 05.01.2021 | 20:35 Uhr

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