Stand: 26.09.2016 13:55 Uhr  - Visite  | Archiv

Halsschlagader-OP: Wann muss operiert werden?

In Deutschland erleiden jedes Jahr etwa 250.000 Menschen einen Schlaganfall. Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen und lebenslange Behinderungen können die Folgen sein. Viele Schlaganfälle lassen sich auf eine Verengung der Halsschlagader (Arteria carotis), eine sogenannte Karotisstenose, zurückführen.

Ablagerungen führen zu einer Verengung

Arteriosklerotische Veränderungen, also Kalk- und Fettablagerungen an den Innenwänden der Blutgefäße, führen zu einer Verengung der Gefäße. Im Verlauf kommt es in diesen Bereichen zu lokalen Entzündungsreaktionen. Die Gefäßwände können dann einreißen, sodass es zur Bildung von Blutgerinnseln kommen kann. Diese können die Blutstrombahn dann teilweise oder sogar komplett verschließen. Lösen sie sich, werden sie ins Gehirn geschwemmt. Bei 30.000 Menschen jährlich verursachen sie so einen Schlaganfall.

Screeninguntersuchungen auf Risikogruppen beschränken

Verengungen der Halsschlagader durch Kalkablagerungen (Plaques) lassen sich im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung nachweisen. Ein generelles Screening auf solche Engstellen zur Vermeidung von Schlaganfällen ist nach allgemeiner Expertenmeinung allerdings nicht sinnvoll. Vielmehr würde es viele Menschen unnötig belasten, da die Häufigkeit hochgradiger Karotisstenosen ohne Symptome gering ist und das Schlaganfallrisiko dabei niedrig. Experten empfehlen daher Screeninguntersuchungen auf Risikogruppen zu beschränken. Darunter fallen zum Beispiel Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit (KHK), einer peripher-arteriellen Verschlusskrankheit oder einem Bauchaortenaneurysma und natürlich diejenigen, die bereits Schlaganfälle hatten oder solche, die entsprechende neurologische Symptome zeigen.

Auch die Behandlungsstrategie verengter Halsschlagadern richtet sich insbesondere danach, ob es bereits zu vorübergehenden neurologischen Ausfallerscheinungen gekommen ist. Aber auch der Grad der Gefäßeinengung und das Alter der Betroffenen spielt dabei eine Rolle. Vereinfacht gesagt profitieren insbesondere gesündere und jüngere  Betroffene von einer Operation. Dabei gilt: Umso höher die Stenosen und je ausgeprägter die Symptome, desto größer sind die Vorteile der Operation. 

Reduzierung der Risikofaktoren steht im Vordergrund

Bei allen Patienten steht eine konsequente Reduzierung der Risikofaktoren im Vordergrund. Hierzu zählt insbesondere die medikamentöse Behandlung von Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes. Zudem steht die Veränderungen der Lebensgewohnheiten mit der Normalisierung des Körpergewichtes, Nikotinverzicht und ausreichender körperlicher Aktivität im Vordergrund jeder Therapie. Denn Rauchen, Diabetes und hoher Blutdruck verdoppeln das Risiko für die Entwicklung einer Karotisstenose.

Zwei Verfahren haben sich etabliert

Operationen von Karotisstenosen sollten ausschließlich von Spezialisten in ausgewiesenen Fachzentren vorgenommen werden. Prinzipiell  haben sich dazu zwei verschiedene Verfahren etabliert: zum einen die seit mehr als 20 Jahren bewährte offene Operation am Hals, die Endarteriektomie, und zum anderen ein Eingriff mithilfe eines Katheters durch ein Blutgefäß in der Leiste. Bei der offenen Operation legen Gefäßchirurgen die kranke Arterie frei, schneiden diese auf und schälen die Verkalkungen heraus. Ist die Engstelle entfernt, kann das Blut wieder ungehindert zum Gehirn fließen. Beim Kathetereingriff wird ein Spezialkatheter von der Leiste aus bis in die Halsarterie vorgeschoben. Dort wird die Engstelle mit einem Ballon aufgedehnt und eine Gefäßstütze aus Metall, ein sogenannter Stent, eingesetzt. Er soll ein erneutes Zuwachsen verhindern.

Die Entscheidung zu einem chirurgischen Eingriff muss sorgfältig abgewogen werden, denn die OP ist nicht ohne Risiken. Bei beiden Verfahren kann es passieren, dass Teile der Verkalkung ins Gehirn geschwemmt werden und einen Schlaganfall verursachen.  

So kann man das Schlaganfall-Risiko um etwa 40 Prozent senken

Aktuellen Studien zufolge werden Karotisstenosen in Deutschland zu häufig operiert. Die Studien haben gezeigt, dass nur Patienten mit fortgeschrittenen Gefäßverkalkungen und Verengungen von mindestens 70 bis 80 Prozent, bei denen bereits neurologische Symptome wie vorübergehende Sehschwäche oder Lähmungserscheinungen aufgetreten sind, entscheidend von einem Eingriff an der Halsschlagader profitieren. Bei ihnen kann die Operation das Risiko für einen erneuten Schlaganfall nachhaltiger senken als die alleinige medikamentöse Therapie. In vielen anderen Fällen sind die Risiken einer vorbeugenden Operation größer als der erhoffte Nutzen des Eingriffs. Daher raten die Mediziner beschwerdefreien Patienten, auch wenn bei ihnen eine hochgradige Verengung der Halsschlagader vorliegt, in den meisten Fällen von einer vorbeugenden Operation ab. Denn bei über 90 Prozent der Menschen mit einer verengten Halsschlagader können bereits eine gesündere Lebensweise und Medikamente das Schlaganfall-Risiko um etwa 40 Prozent senken.

Interviewpartner im Studio:

Prof. Joachim Röther
Chefarzt der Abteilung für Neurologie
Asklepios Klinikum Altona 
Paul-Ehrlich-Str. 1, 22763 Hamburg
www.asklepios.com/hamburg/altona/experten/neurologie/

Interviewpartner im Beitrag:
Prof. Dr. med. Holger Reinecke
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie
Spezielle internistische Intensivmedizin
Leiter der Abteilung für Angiologie
Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1, 48149 Münster
Tel. (0251) 834 7625 (Sekretariat), (0251) 83 44 944 (Hotline Angiologie)
Fax. (0251) 834 5101
Mail: angiologie@ukmuenster.de
Internet: www.klinikum.uni-muenster.de

Prof. Dr. Rainer Dziewas
Leitender Oberarzt der Klinik
Leiter der Sektion Schlaganfalltherapie und neurologische Intensivmedizin
Klinik für Allgemeine Neurologie
Universitätsklinikum Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1, 48129 Münster
Tel. (0251) 83 46 816, Fax. (0251) 83 48 181
Mail: rainer.dziewas@ukmuenster.de
Internet: www.klinikum.uni-muenster.de

Weitere Informationen:
Deutsche Gefäßliga e.V.
Mühlenstraße 21-25, 50321 Brühl
Tel.  (02232)  76 99 790, Fax. (02232) 76 99 899
E-Mail: info@deutsche-gefaessliga.de
Internet: www.deutsche-gefaessliga.de

Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe
Schulstraße 22, 33311 Gütersloh
Service- und Beratungszentrum
Mo.-Do. 9 -17 Uhr, Fr. 9-14 Uhr
Tel. (05241) 977 00, Fax: (05241) 977 07 77
E-Mail: info@schlaganfall-hilfe.de
Internet: www.schlaganfall-hilfe.de

Kompetenznetz Schlaganfall
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Charité Campus Mitte
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
Internet: www.kompetenznetz-schlaganfall.de

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Visite | 27.09.2016 | 20:15 Uhr

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