Verkehrsgerichtstag: Wann kommt die Radwende?

Stand: 17.08.2022 15:43 Uhr

In Goslar treffen sich in diesen Tagen beim Deutschen Verkehrsgerichtstag wieder Experten zum Thema Straßenverkehr. Eines des großen Themen: Das Fahrrad und seine Rolle in der Mobilität der Zukunft.

"Autos werden künftig Fahrspuren abgeben müssen, um Platz für Radfahrer zu schaffen, deren Wege sonst zu eng und unsicher sind", sagt der Leiter Unfallforschung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann. Jana Kühl, Professorin für Radverkehrsmanagement an der Ostfalia Hochschule, sieht das ähnlich: Der Autoverkehr beanspruche ein Übermaß an Flächen, es brauche höhere Standards für Fahrradwege, um dem zunehmenden Radverkehr gerecht zu werden. Auch Lastenräder und Pedelecs müssten bedacht werden. Wo es möglich ist, sollten bauliche Trennungen zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden eingerichtet werden. Es gebe bereits Vorbilder in den Niederlanden, aber auch beispielsweise in Bremen, Hannover, Karlsruhe und Freiburg. Die Wissenschaftlerin sieht den Radverkehr als Grundbaustein bei der Verkehrswende.

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Unfallschwerpunkte gezielt angehen

Unfallforscher Brockmann geht von einer Zunahme des Radverkehrsaufkommens aus. Autofahrende müssten sich darauf einstellen, dass der Zweiradverkehr etwa bei Ampeln häufiger bevorzugt würden. Für mehr Sicherheit müssten Unfallschwerpunkte wie Kreuzungen, Ausfahrten oder am Straßenrand parkende Autos gezielt entschärft werden. Von 2000 bis 2021 ist die Zahl der verunglückten Radfahrer nach Daten des Statistischen Bundesamtes um 15 Prozent gestiegen. Besonders betroffen sind Menschen über 65 Jahre, hier ist ein Anstieg um 91 Prozent zu verzeichnen. Brockmann fordert unter anderem bessere Sichtachsen in Kreuzungsbereichen. Dazu müssten Parkplätze reduziert und Falschparker bestraft werden. Der Deutsche Anwaltverein sieht technische Assistenzsysteme als einen Ansatz, verschärfte Kontrollen von Radlern und eine Kennzeichnung von Fahrrädern seien ebenfalls Optionen.

Potenzial im ländlichen Raum

Unterdessen erweitert Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) die Diskussion über die Stadtgrenzen hinaus auf den ländlichen Raum. Ein Mitarbeiter aus seinem Ministerium wird in Goslar an der Debatte zur Radverkehrssicherheit teilnehmen. Nicht zuletzt durch Pedelecs gebe es in ländlichen Regionen Potenzial für mehr Fahrradverkehr. Der ADAC plädiert für mehr Radwege entlang von Hauptstraßen, während Professorin Kühl mehr neugebaute, überregionale Radschnellwege fordert. Wege entlang von Land- und Bundesstraßen seien sehr unattraktiv. Ein Vorbild könnte die Gemeinde Bad Zwischenahn werden. Sie will die erste Fahrradstraße auf dem Land bauen und mit ihr Bad Zwischenahn und Oldenburg verbinden. Auch der Automobilclub Europa fordert unter anderem einen signifikanten Ausbau von Radschnellwegen und Abstellanlagen für Räder sowie eine dauerhafte Förderung der Instandhaltung. Die Infrastrukturprojekte müssten demnach langfristiger gefördert werden werden und die Finanzmittel flexibler abrufbar sein.

Empfehlungen an den Gesetzgeber

Der jährliche Verkehrsgerichtstag zählt zu den wichtigsten Treffen von Verkehrssicherheits-Experten in Deutschland. In diesem Jahr geht es neben der Radverkehrssicherheit um Cannabis im Straßenverkehr und Haftungsfragen bei E-Scootern. Am Freitag endet die Veranstaltung mit Empfehlungen an den Gesetzgeber.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 17.08.2022 | 15:00 Uhr

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Straßenverkehr

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