Zu sehen ist der Osnabrücker Hafen. In der Mitte ist Wasser und rechts steht ein grüner Kran. © NDR.de Foto: Claus Halstrup

Schauplätze der Osnabrücker Krimi-Trilogie von Jan Decker

Stand: 21.10.2021 22:14 Uhr

Jan Decker wechselt gerne den Blickwinkel. Seine Hörspiele verraten viel über Osnabrück. Als Zuhörende erfahren wir viel über Kulturen, Millieus und die Geschichte der Friedensstadt. Im ersten Hörspiel "Fado fatal" taucht er ins Osnabrück der 1970er-Jahre ein.

Jan Deckers erstes Hörspiel handelt von einer portugiesischen Einwanderergeschichte: Die 19-jährige Mafalda Ribeiro wird in Osnabrück geboren. Ihr Großvater Nuno Ribeiro kommt in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Familie Ribeiro feiert ihre portugiesische Kultur. Doch Mafalda irrt zwischen den Welten. Sie findet in ihrer deutsch-portugiesischen Community keinen Halt und sucht nach einem Ausweg. Einwanderer aus anderen Ländern und ihr Leben interessieren den Autor. Wie kamen die Menschen in ihrer neuen Heimat zurecht? Wie fühlen sich heute die Kinder der Migranten? Sind sie Portugiesen oder Osnabrücker? "Das ist ja das Tagesgeschäft von Schriftstellern sich in Menschen und ihre Schicksale hineinzuversetzen. Wir erfahren täglich, wie schwer es Menschen mit migrantischen Schicksalen haben. Mit diesem Fokus hat Jan Decker in Osnabrück einiges entdeckt, das er auch in sein Hörspiel einbringt.


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Ereignisse aus der Osnabrücker Stadtgeschichte

Vor der Coronakrise war im Restaurant des portugiesischen Kulturvereins in Osnabrück eine Menge los. Jetzt ist die große Gittertür vor dem Hof des Vereins mit einer großen Kette abgeschlossen. Ein Nachbar erzählt, dass das Restaurant seit der Coronakrise nicht mehr aufgemacht hat. Zur Zeit könne man lediglich zu bestimmten Zeiten Lebensmittel einkaufen. Im ersten Hörspiel der Trilogie wird der portugiesische Kulturverein "Saudade" zum Krimischauplatz: Bei einem Sommerfest wird ein Mord begangen. "Fado Fatal" ("tödliches Schicksal") lautet der Titel des Krimis, der ins Milieu der sogenannten Gastarbeiter eintaucht. Autor Jan Decker erzählt damit auch ein Stück Osnabrücker Stadtgeschichte. "Das Faszinosum für mich war, dass wir in den 1970er-Jahren Gastarbeiter aus Portugal hatten, für die Deutschland wirklich vollkommen fremd war. Das war vor der EU. Man hat aber vielleicht auch gewisse Konflikte dadurch, dass man in zwei Welten lebt."

Karte: Tatorte in Osnabrück von der Krimitrilogie von Jan Decker

Große Nähe zu historischen Ereignissen

Die Ermittlungen nach dem Mörder Mafaldas führen in die deutsch-portugiesische Geschichte Osnabrücks. Jan Decker greift die Kämpfe der Gastarbeiter*innen der 1970er-Jahre auf, die arbeitsrechtlich besonders schlecht gestellt waren. Er lässt seine Figur Nuno Ribeiro von Unruhen und Streiks in der Belegschaft der fiktiven Karosseriefabrik "Donnhoff" am 04. Mai 1973 erzählen:

"Wir wollten nicht nur ein paar Urlaubstage mehr. Wir wollten keine Sammelunterkunft mehr, wo wir in einem Zimmer zu zehnt in Stockbetten schliefen, ohne Ofen, mit einem Münztelefon für alle Bewohner. Und wir wollten den gleichen Lohn wie unsere deutschen Kollegen."

Tatsächlich streikten am 04. Mai 1973 spanische und portugiesische Gastarbeiter*innen im Osnabrücker Karosseriewerk "Karmann" für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Schauplätze aus der Osnabrücker Wirklichkeit

Der zweiter Fall "Kalte Sophie" spielt in der serbischen Community. "Ich habe die Schauplätze aus der Osnabrücker Wirklichkeit entnommen und habe mich von Milieus inspirieren lassen, die besonders sind. Da spielt der jeweilige Kriminalfall eine wichtige Rolle", sagt der Autor.

Als Beispiel dient der Osnabrücker Hafen, von wo man sofort eine Atmosphäre hat, eine bestimmte Kulisse, gewisse geheimnisvolle unentdeckte Ecken. Geheimnisvolle Ecken, gibt es auf einem Schrottplatz im Osnabrücker Hafen reichlich. Berge von alten Kabeln liegen in Containern, plattgedrückte Autos stapeln sich, alte Rohre, verbogene Gitter.

Im Krimihörspiel geht es um ein Geschäft mit atomaren Brennstäben und eine Rockergang, deren Boss aus Serbien stammt. Der Besitzer des Schrottplatzes taucht unter. Alles richtig gemacht, meint dazu der Besitzer des echten Schrottplatzes Phillipp Münz. Und, gibt es hier auch manchmal Kriminalfälle? "Heute Morgen ist hier noch Diebesgut angekommen. Hat gerade noch die Polizei aufgenommen."

Erinnerung an die britische Besatzungszeit

Claudia Plathe, Tagesmutter, wird erstochen in ihrer Wohnung im Stadtteil Schinkel aufgefunden. Die Ermittlungen führen die Kommissare Wittkowski, Spockhövel und Assistentin Busse schnell zurück in die 1980er- und 1990er-Jahre, in denen mehrere Anschläge der IRA auf britische Soldaten die Stadt erschütterten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs in Osnabrück die größte britische Garnison außerhalb des Königreichs heran. Bis zu 14.000 Soldaten waren dort stationiert. Erst 2008 wurden die Truppen abgezogen. Die ehemaligen Kasernengelände der Briten sind mittlerweile gentrifiziert. Dort wo 1980 der IRA Anschlag stattfand, der auch im Hörspiel behandelt wird, stehen heute neue Wohnhäuser und die Kreativwirtschaft wurde angesiedelt.

Jan Decker schreibt gegen das Vergessen

Deckers 'John Miller', der in "Brexit Blues" zum Verdächtigenkreis gehört, überlebt 1980 nur knapp einen Anschlag der IRA im Heger Holz. Historisches Vorbild dieser Figur ist Steven Sims, auf den am 10. März 1980 tatsächlich ein Attentat in der Quebec-Kaserne im Heger Holz verübt wurde. Er überlebte. Dass es hier mal einen IRA Anschlag gegeben hat, darüber wundern sich zwei junge Frauen, die hier arbeiten. "Krass, ist ja spannend, wusste ich auch nicht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kriminalhörspiel | 24.10.2021 | 19:00 Uhr

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