Der Leiter der Sendung Nordschau, Rüdiger Proske (r), und NDR Intendant Walter Hilpert stellen die Sendung 1957 im Ferenseh-Studio als tägliches Regionalprogramm für die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg an. © NDR

NDR Retro: Norddeutscher Rundfunk öffnet sein Fernseharchiv

Stand: 26.10.2020 16:43 Uhr

Die ARD und das Deutsche Rundfunkarchiv stellen ab Dienstag zeit- und kulturhistorische Dokumente von den Anfängen des Fernsehens ins Internet.

Was geschah konkret in den 1950er- und 60er-Jahren, in den Anfängen des Fernsehens? Zeit- und kulturhistorische Dokumente schlummern in Archiven. Ab Dienstag stellen die ARD und das Deutsche Rundfunkarchiv sie ins Netz und machen die besonderen Quellen für jeden und jede zugänglich. An dem Projekt ARD Retro hat auch die Dokumentarin Rabea Limbach vom Deutschen Rundfunkarchiv mitgearbeitet.

Frau Limbach, was verbirgt sich hinter dem Projekt ARD Retro?

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Norbert Mai moderiert 1957 die Nordschau. © NDR

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Rabea Limbach: Hinter dem Projekt verbirgt sich eine gemeinschaftliche Strategie der ARD-Rundfunkanstalten, mit denen wir die ARD-Rundfunkarchive öffnen wollen. Sieben Rundfunkanstalten und das Deutsche Rundfunkarchiv stellen zunächst aus den 50er- und 60er-Jahren frühe Fernsehberichterstattung über die ARD Mediathek ins Internet.

In den kommenden Monaten sollen ARD-weit rund 40.000 Beiträge zugänglich gemacht werden. Los geht es am Dienstag mit rund 9.000 Filmen. Mit welchen Filmen sind Sie an den Start gegangen?

Limbach: Zunächst liegt der Schwerpunkt in den 50er- und 60er-Jahren, als das Fernsehen noch ein ganz neues Medium in Deutschland war. Dort haben wir uns auf die aktuelle Berichterstattung und regionale Magazine aus der Zeit fokussiert. Man findet hier kurze Beitragsvideos oder zum Beispiel auch längere Reportagen, die ein breites Themenspektrum abdecken. Es geht um gesellschaftliche Entwicklung, politische Themen wie zum Beispiel den Mauerbau, Kulturveranstaltungen, Wirtschaftthemen - und das auf ganz Deutschland bezogen und auf die einzelnen Regionen, die durch die Rundfunkanstalten bespielt worden sind. Als Beispiel lässt sich ein spannendes Nordschau-Interview in New York nennen, mit Romy und Magda Schneider. Oder aus der Berliner Abendschau die Erklärung des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt am Tag des Mauerbaus. Aber auch ganz andere Themen wie zum Beispiel beim Bayerischen Rundfunk der U-Bahn-Bau 1965, als München erstmals eine U-Bahn bekommen hat. Wie man sieht, ist das ein ganz buntes Angebot.

In ARD Retro werden zunächst Filme aus den Jahren 1950 bis1965 zur Verfügung gestellt. Warum steht diese Periode im Fokus?

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Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

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Limbach: Das hat vor allem rechtliche Hintergründe. Es liegt daran, dass an dem Zustandekommen von Fernsehproduktionen sehr viele Urheber beteiligt sind, die einzelne Rechte daran haben. Natürlich liegen auch Persönlichkeitsrechte auf diesen Beiträgen - man denke daran, wer da alles vor der Kamera gestanden hat in den Jahrzehnten. Von daher ist es sehr aufwendig, juristisch zu klären, wer an welchen Produktionen die Rechte hat. Zunächst einmal hat man sich das frühe Fernsehen vorgenommen, weil damals noch ein anderes Urheberrecht galt und man mehr Handlungsspielräume hatte. 1966 ist dann ein einheitliches Urheberrecht in Deutschland erlassen worden. Man muss also für verschiedene Zeiten die Produktionen auf das damals herrschende Recht untersuchen und schauen, was sich zugänglich machen lässt, welche Rechte geklärt und vielleicht auch nacherworben werden müssen. Von daher geht es nur Stück für Stück.

Wir haben über Filme gesprochen - aber das wäre eigentlich auch eine tolle Idee für die vielen Radiobeiträge, Hörspiele, Lesungen und so weiter. Gibt es da auch schon Pläne?

Limbach: Genau. Das ist jetzt der erste Aufschlag des Projekts, aber die AG Archivöffnung, in der alle Rundfunkarchive und die Landesrundfunkanstalten gemeinsam daran arbeiten, die Archive zu öffnen, beschäftigen sich auch schon damit, ob man zukünftig Hörfunkproduktionen auch zugänglich machen kann.

Bei ARD Retro stehen insbesondere regionale Filme im Vordergrund, deshalb haben einzelne ARD-Sender jeweils ihr eigenes Retro-Projekt. Der NDR hat sein Archiv auch geöffnet, zu finden unter NDR Retro. Welche Filme sind da zu sehen? Haben sie einen Lieblingsbeitrag, den Sie empfehlen möchten?

Limbach: Der NDR startet mit 750 Videos, also schon relativ umfangreich. Dort sind die Sendereihen Nordschau und Berichte vom Tage vorhanden, also damalige Nachrichten und regionale Magazine. Aber auch Sammlungen wie etwa Kultur im Norden oder Norddeutsche Geschichten. Dort sind politische und gesellschaftliche Themen aus den 50er- und 60er-Jahren gebündelt, Produktionen, die nicht in Sendereihen präsentiert worden sind.

Ich finde es ganz spannend, wie die damalige Gesellschaft gespiegelt wird. Es gibt dort den Beitrag "Vermännlicht der Sport die Frau?" Das lief 1965 in der Nordschau, und das ist relativ amüsant, weil dort ernsthaft untersucht worden ist, welche Sportarten sich für eine Frau eignen, inwiefern sie zum Beispiel den Körperbau verändern und ob das mit Schönheitsidealen vereinbar ist. Aus heutiger Sicht wirkt das relativ skurril, damals wurde ganz ernsthaft darüber berichtet.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Der Leiter der Sendung Nordschau, Rüdiger Proske (r), und NDR Intendant Walter Hilpert stellen die Sendung 1957 im Ferenseh-Studio als tägliches Regionalprogramm für die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg an. © NDR

AUDIO: NDR Retro: Norddeutscher Rundfunk öffnet sein Fernseharchiv (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.10.2020 | 18:00 Uhr