Die Lyrikerin Louise Glück. © dpa Bildfunk Foto: Shawn Thew

"Louise Glück ist eine bedeutende und originäre lyrische Stimme"

Stand: 08.10.2020 19:28 Uhr

Der Literaturnobelpreis 2020 geht an die amerikanische Lyrikerin Louise Glück. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner, die unter anderem Glücks Gedichtband "Averno" ins Deutsche übertragen hat.

Frau Draesner, die Entscheidung der Schwedischen Akademie kam für viele überraschend. Hatten Sie Louise Glück auf dem Radar?

Ulrike Draesner: Nein, gar nicht. Ich war auch sehr überrascht. Ich bin sehr erfreut, weil sie eine wirklich bedeutende und originäre lyrische Stimme ist. Eine Frau und die Poesie werden ausgezeichnet - also ein guter Tag.

"Es gibt immer etwas, das man aus Schmerz machen kann" - mit diesen Worten beginnt eines ihrer frühen Gedichte. Schmerz prägte ihr Leben und inspirierte sie. Was war das für ein Schmerz, und was machte sie daraus?

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Die Lyrikerin Louise Glück im Jahr 2016 in Umarmung mit Barack Obama. © picture alliance/Carolyn Kaster/AP/dpa Foto: Carolyn Kaster

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Draesner: Das ist interessant, dass ich Ihnen dazu gar nichts sagen kann. Das ist auch sehr bezeichnend für die Autorin Louise Glück. Wir hatten keinen direkten Kontakt miteinander. Ich habe mich zwar mit ihr ausgetauscht, aber das ging immer über Mails und über die Agentur. Ich habe gespürt, dass es für mich nicht wichtig ist, zu wissen, was da die biografischen Hintergründe sind, sondern es war eine Begegnung auf der Textebene. Ich verstehe, dass wenn man solche Verse hört, man das zunächst auf die Autorin und auf ihren Lebenslauf bezieht. Aber für mich waren Glücks Gedichte nie etwas, was darin seinen wichtigsten Punkt gehabt oder sich darin erschöpft hätte, sondern das war immer ein viel umfassenderes Sprechen.

Ich glaube, dass sie unter anderem auch deswegen, gerade in "Averno", Mythen in die Verse aufnimmt, zum Beispiel den Persephone-Mythos: Persephone wird von ihrer Mutter an Hades verkauft, muss in die Unterwelt und darf nur noch ganz selten an die Erde. Sie geht mit dieser Figur mit und erzählt diese Erfahrung. Tatsächlich zeigt sich der Schmerz dann als etwas ganz Vielfältiges, weil dieser Hades auch überraschend ist - das ist plötzlich ein Mann mit Schwächen, mit Begehren, mit einem Körper. Darum geht es eigentlich, um diese Körpererforschung. Natürlich kann man sehr viel darüber lernen, was es heißt, einen menschlichen Körper zu haben, indem man sich mit der Frage nach Schmerz, nach Empfindlichkeit, vielleicht auch Empfindsamkeit auseinandersetzt.

"Man denkt, dass Dichter oft in Fremdworte verliebt seien", hat Glück in "Education of the Poet" geschrieben - bei ihr sei das aber nicht der Fall. Wenn nicht Fremdworte, was zeichnet sonst ihre Sprache aus?

Draesner: Das ist die Arbeitsweise, wie sie damit umgeht. Es stimmt, es gibt kaum Fremdworte, obwohl hier und da mal ungewöhnliche Wörter aus dem reichen amerikanischen Wortschatz auch auftauchen. Aber zunächst einmal sehen die Gewichte fast aus wie Prosa - zumindest sind sie in der Syntax oft so gebaut: Subjekt, Prädikat, Objekt. Das Geheimnis beginnt erst, wenn man ein paar Schritte weitergegangen ist, wenn die Wiederholungen und Verschiebungen anfangen, wenn man sieht, wie sie immer wieder bestimmte Motive aufgreift und in einen neuen Kontext stellt, wie die Logik zwischen den einzelnen Sätzen aussieht, die Sprünge, die Bildreihen, die entstehen. Man kann sich das als einen Raum vorstellen, in dem verschiedene Ebenen eingezogen werden, die sich zum Teil überlappen. Man sieht, wie sich der Raum füllt und man kann sich dann darin bewegen. Und wenn man einen Zyklus liest und wieder von vorne liest, merkt man, wie man sich darin besser bewegt oder ganz neue Dinge darin entdeckt.

Haben sie Lieblingszeilen von Louise Glück, die Sie vortragen möchten?

Draesner: Ich trage ein Stück vom Anfang des Bandes "Averno" vor, ein Gedicht, das "October" heißt und das sich auch über eine längere Strecke entfaltet. Darin sieht man, dass es bei ihr auch eine ganz feinen Witz gibt:

"Ist es wieder Winter, ist es wieder kalt,
rutschte Frank nicht eben aus auf dem Eis,
genas er nicht, wurden die Frühlingssamen nicht ausgebracht,

war nicht die Nacht vorbei,
flutete nicht das schmelzende
Eis die engen Gossen"

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Die Lyrikerin Louise Glück. © dpa Bildfunk Foto: Shawn Thew

AUDIO: "Louise Glück ist eine bedeutende und originäre lyrische Stimme" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.10.2020 | 18:00 Uhr