Stand: 29.05.2020 18:29 Uhr  - NDR Kultur

Humboldt-Forum: Debatte um Kreuz und Bibelspruch

In Berlin wurde heute ein Kreuz auf die goldene Kuppel des zukünftigen Humboldt-Forums gesetzt. Darunter windet sich ein von Preußen-König Friedrich Wilhelm IV. zusammengesetztes Bibelzitat um die Rotunde. Schwieriger Schmuck für ein Gebäude, das Heimat für Weltkulturen und -religionen sein soll. Das hat auch Andreas Kilb in der "FAZ" konstatiert: "Kreuzweise blamiert" ist sein Artikel überschrieben, in dem er den Vorgang als "falsches kulturpolitisches Signal" bezeichnet.

Das goldene Kreuz, das die Kuppel des zukünftigen Humboldt-Forums ziert, ist vier Meter hoch und wiegt 310 Kilogramm.

Herr Kilb, warum meinen Sie, dass das ein falsches Signal ist? Zum einen ist das schon seit Jahren bekannt, und es ist die Rekonstruktion der alten Kuppel, oder?

Andreas Kilb: Ja, es ist die Rekonstruktion der Kuppel, wie sie vor der Sprengung 1950 durch die DDR augesehen hat. Aber diese rekonstruierte Kuppel steht auf einem ganz anderen Gebäude als dem Königsschloss, das es einmal war. Es ist ein Weltkulturen-Museum und ein Kulturzentrum, was sich - so entnehme ich es der Programmatik des Humboldt-Forums - einer strikten weltanschaulichen und religiösen Neutralität und Überparteilichkeit verschrieben hat. In diesem Sinne ist dieses Symbol des Christentums mit der Inschrift, die besagt, dass das Christentum die einzige wahre Religion ist, vor der alle das Knie beugen sollen, ein falsches Signal.

Aber ist das ganze Gebäude nicht ohnehin ein Mischwesen? Innen ist es ein vom Bund finanziertes modernes Museumsgebäude; die Außenfassade ist privatfinanziert von der Mäzenin Inga Maren Otto. Kann man als Öffentlichkeit überhaupt Einfluss auf die Hülle nehmen?

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Kilb: Mir liegt es fern, Frau Otto zu kritisieren. Es ist ihr gutes Recht für den Zweck zu spenden, den sie sich wünscht, wenn sie das darf. Das durfte sie in diesem Fall, weil der Konstruktionsfehler dieses Forums darin bestand, dass es nicht eine öffentlich-private Mischfinanzierung war, sondern eine geteilte Finanzierung. Die Öffentlichkeit, der Bund finanziert, das Land Berlin richtet den Inhalt und den Rohbau zum Teil ein, und die Fassade wird von diesem privaten Schlossförderverein durch Spenden finanziert. Das war damals die politische Lösung, weil man sich diese Fassade nicht ans Bein binden wollte. Jetzt zeigt sich, dass diese Lösung falsch war.

Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hat in einem Kommentar geschrieben: "Berlin ist eine Stadt, die offenbar weiter mit der Vorstellung lebt, das allein Kreuz und Christentum glückselig machen würden." Würden Sie das in der Schärfe teilen?

Kilb: Nein, das finde ich ein bisschen übertrieben. Aber Tatsache ist, dass der preußische König Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Symbol als Zeichen seines Herrschaftsanspruchs, seines Gottesgnadentums und seiner absoluten Dominanz errichten ließ. Er war strikt gegen eine Verfassung, die er dann doch nach 1848 auf Druck der Untertanen genehmigen musste. Aber man kann dennoch, wie Herr Nachama, sagen, dass dieses Kreuz kein positives Zeichen für das Humboldt-Forum ist.

Sollten wir am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mittlerweile die Souveränität haben, mit unserer Geschichte so umzugehen, dass wir sie zwar rekonstruieren - aber nicht unkritisch?

Kilb: Natürlich. Wir sollten aber auch imstande sein - auch wenn wir selbst eine zutiefst säkulare Gesellschaft sind, in der religiöser Fanatismus nur noch an den Rändern vorkommt -, die Zeichen der Vergangenheit und das, was sie symbolisieren, zu lesen und ernst zu nehmen. Gerade in diesem Umschrifttext, der da ans Haus gedrückt ist. In dem Sinne finde ich diese Entscheidung falsch - und es war letztlich doch eine Entscheidung der Politik, das dem Förderverein zu genehmigen. Ich finde das auch deswegen falsch, weil gerade im 21. Jahrhundert über viele andere Dinge diskutiert wird - zum Beispiel über das Verhältnis Europas zu den übrigen Kontinenten der Welt, besonders zu den Kontinenten des Südens, die es jahrhundertelang kolonial beherrscht hat und deren Kulturschätze zum Teil im Humboldt-Forum zu sehen sein werden. Postkoloniale Aktivisten haben die Debatte um das Humboldt-Forum in den letzten Jahren ein bisschen gekapert. Und ich fürchte, wenn da jetzt auch noch das Kreuz als religiöses Zeichen mit reinspielt, dann könnte sich der ohnehin aufgeheizte Ton noch mehr verschärfen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Die Kuppel Kreuz des zukünftigen Humboldt-Forums in Berlin © picture alliance/dpa Foto: Britta Pedersen

Humboldt-Forum: Debatte um Kreuz und Bibelspruch

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Auf die Kuppel des Berliner Stadtschlosses wurde heute ein Kreuz gesetzt. Für den Journalisten Andreas Kilb ist das ein "falsches kulturpolitisches Signal".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.05.2020 | 19:00 Uhr