Stand: 30.08.2019 17:00 Uhr

Bischof Wilmer - Starke Worte und Entscheidungen

von Florian Breitmeier

Am 1. September 2018 wurde der Ordensmann Heiner Wilmer im Hildesheimer Dom zum Bischof geweiht. Er hat in seinem ersten Amtsjahr der katholischen Kirche im Norden seinen Stempel aufgedrückt - durch starke Worte und Entscheidungen.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet seit 2017 die Redaktion "Religion und Gesellschaft" bei NDR Kultur.

Ein Zitat im ersten Jahr, das hängengeblieben ist: "Der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche." Heiner Wilmer hat damit viel Staub aufgewirbelt, in einer gelähmt scheinenden Institution, die selbst im Missbrauchsskandal noch daran glaubte, dass das Böse überwiegend von außen kommt; die Verbrechen an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zwar eine individuelle Täter-Dimension besitzen, aber keine strukturelle. Gegen diese Art theologischer Selbstimmunisierung will Bischof Wilmer offenbar vorgehen. Es ist ein schwieriger Weg, und ob er zum Ziel führt, wer weiß das schon?

Die Frage nach Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung

Eines weiß Heiner Wilmer ganz sicher: In der katholischen Kirche hat ein Bischof enorme Gestaltungmacht. Allemal wenn er frisch ins Amt kommt. Er kann eigene Schwerpunkte setzen, Menschen neu miteinander vernetzen, brachliegende Themenfelder besetzen. Heiner Wilmer hat sich diesen Aufgaben gestellt und Chancen ergriffen: in der Ökumene, in der Jugendarbeit, beim Umweltschutz. Er ist bewusst auf viele unterschiedliche Menschen zugegangen, hat zugehört, war am kritischen Austausch interessiert. Und doch hat er als Bischof auch erfahren müssen, dass manches trotz großer Machtfülle nicht so schnell geht, wie er es vielleicht gerne hätte. An dem Tag, da auf einer vom Bistum einberufenen Pressekonferenz neue Missbrauchsvorwürfe gegen den verstorbenen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen publik wurden, wollte Heiner Wilmer unabhängige Experten "unverzüglich" damit beauftragen, den Anschuldigungen nachzugehen. Es dauerte fünf Monate, ehe dann aber ein respektables Team vorgestellt wurde.

Es gibt Themen, an denen ein Bischof gemessen wird. Im Bistum Hildesheim war und ist dies zweifellos das Thema sexualisierte Gewalt und der eklatante Umgang kirchlicher Verantwortungsträger damit. Wilmer hat erkannt und begriffen, dass in einer konsequenten Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit und des institutionellen Versagens auch ein theologischer Schlüssel für Themen liegen kann, die er im Bistum Hildesheim angehen will und muss: ein selbstbewusstes und fröhliches Werben für die christliche Botschaft in der Welt von heute, dann aber auch die Machtfrage innerhalb der Kirche, Gewaltenteilung, die Partizipation der Gläubigen, das priesterliche Selbstverständnis - und all das vor dem Hintergrund abnehmender Ressourcen: finanziell und personell. All das mündet in die Frage nach Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Begriffe, die der Ordensmann Heiner Wilmer nicht nur in aufsehenerregenden Interviews mit theologischem Gehalt zu füllen vermag.

Ein spannendes Jahr

In Hildesheim fehlt es nicht an einem mutigen Bischof und an frischen Ideen, aber es mangelt noch an neuen oder verbesserten Strukturen, um eine gemeinsame Art des Kirche-Seins auch verbindlich zu leben. Wie soll das gehen? Selbstverständlich auch mit Frauen - ausgestattet mit administrativer Entscheidungsgewalt in den Gemeinden und in der Verwaltung. Im Bistum Hildesheim ist da noch viel Luft nach oben. Mit seinem Amtsverständnis und Führungsverhalten eckt Heiner Wilmer auch an. Seine deutliche Kritik an Bischof Josef Homeyer zu dessen Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt hat unter Teilen der Priesterschaft und am Domhof nicht nur Freude ausgelöst. Vermutlich gab es weitere Differenzen. Wenn ein neuer Bischof nach nicht mal einem Jahr den Generalvikar auswechselt, kann das unter Umständen auch ein Fingerzeig auf den Grad der mannschaftlichen Geschlossenheit an der Bistumsspitze sein. Heiner Wilmer schaut auf ein spannendes Jahr zurück. Der Anfang ist gelungen, bundesweite Aufmerksamkeit inklusive. Er wirkt wie ein Bischof, der Freiräume eröffnen will. Die Gläubigen wären gut beraten, diese mitzuentwickeln und strukturell verbindlich festzuzurren.

"Allein ist man manchmal schneller, aber gemeinsam kommen wir weiter."

Heiner Wilmer, der Bischof des Bistums Hildesheim, zieht am Ostersonntag mit seinem Bischofsstab den zum Gottesdienst in den Dom ein. © dpa-Bildfunk Foto: Peter Steffen/dpa
Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer schaut auf ein spannendes Jahr zurück.

Nur auf den Bischof zu setzen, das reicht nicht. Denn angesichts seines bisher sehr wechselvoll verlaufenen Lebensweges, scheint keineswegs ausgemacht, dass Heiner Wilmer die nächsten 17 Jahre bis zu seiner Emeritierung Bischof in Hildesheim bleibt.

Es gibt in Deutschland derzeit nicht viele sprachfähige Oberhirten, die wie er theologischen Tiefgang und akademische Finesse mit einer bodenständigen Art zu verbinden wissen und darüberhinaus auch noch über erstklassige internationale Kontakte bis in den Vatikan hinein verfügen. Derzeit liegt für den weitgereisten Heiner Wilmer sicher ein großer Reiz darin, die christliche Kunst des Möglichen im Bistum Hildesheim auszuloten und gemeinsam mit anderen nach neuen Orten des Glaubens zu suchen. "Allein ist man manchmal schneller, aber gemeinsam kommen wir weiter." Ein Satz, den Heiner Wilmer gern und oft sagt. Fast schon ein Regierungsmotto. Noch so ein Zitat, das hängengeblieben ist, in diesem intensiven Jahr in Hildesheim.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | vertikal horizontal. Glaubens- und Gewissensfragen | 01.09.2019 | 07:05 Uhr