Verwaltungsgebäude der Wohnungsbaugenossenschaft SBV © NDR Foto: Peer-Axel Kroeske

Denkmalschutz in Flensburg: Hässlich oder schützenswert?

Stand: 09.06.2021 10:00 Uhr

Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage stellt sich auch immer wieder der Denkmalschutz. Bei zweckmäßigen Betonbauten erschließt sich dem Laien oft nicht sofort, was daran so schützenswert ist.

Verwaltungsgebäude der Wohnungsbaugenossenschaft SBV © NDR Foto: Peer-Axel Kroeske
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von Peer-Axel Kroeske

An der Tür eines Toilettengebäudes in Flensburg blättert die Farbe, auf den roten Backsteinen hat sich eine helle Patina gebildet. Ein großes, verblichenes Schild mit der Aufschrift "Damen" hängt an der Wand. NDR Kultur Reporter Peer-Axel Kroeske kann den Wert erst einmal nicht erkennen. Denkmalschützer Eiko Wenzel allerdings findet: Das ist ein "sehr schön gestaltetes Gebäude".

"Der Fachmann", erklärt Wenzel, "erkennt die Sprache des Expressionismus, die auch im öffentlichen Bauen in den 20er-Jahren in Flensburg überall zu sehen ist. Ganz prägnant am Deutschen Haus, aber auch an diesem kleinen Toilettengebäude. Sprich: Alles ist horizontal ausgerichtet." Das Flachdach trete hervor, die Fensterformate seien liegend und das Mauerwerk betone die lineare Struktur.

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Dieses Toilettenhaus gehört zum Flensburger Stadion, das komplett unter Denkmalschutz steht. Die Tribüne ist aus Beton. Ein Baustoff, der in den 1920er-Jahren noch ganz modern war. Damals sei es als deutliches - und auch leicht aggressives - Zeichen der deutschen Kulturhoheit gemeint gewesen, dass die Grenzstadt sich als deutsche Grenzstadt behauptet, so Eiko Wenzel. "Das ist ja die Frühzeit der Geschichte des Betons. Dass dieser dann später in Misskredit geraten ist, mag daran liegen, dass man ihn in der Nachkriegszeit sehr kräftig eingesetzt hat und man dann zu der Auffassung kam: Beton ist böse."

Denkmalschutz und ästhetisches Empfinden reiben sich, wenn jetzt auch zunehmend Zweckbauten der 1960er- und 1970er-Jahre unter Schutz gestellt werden, wie das Ahrensburger Rathaus, die City Nord in Hamburg oder das Maritim-Hochhaus in Lübeck-Travemünde. Ein Postgebäude in Lauenburg konnte erst nach langen Diskussionen abgerissen werden.

"Beton ist böse."

Ästhetik ist aber kein Kriterium für den Denkmalschutz. Architektonische Innovation dagegen schon. Betonbauten und der Brutalismus, in dem Beton als Gestaltungselement eine große Rolle spielt, würden deshalb heute unter Schutz gestellt, so Wenzel. Das zu vermitteln sei nicht ganz leicht. Die meisten Flensburger sehen nicht den besonderen Wert der Stadionarchitektur. Stattdessen fällt ins Auge, dass weiterhin Sanierungsbedarf besteht - wobei Denkmalschutz hier eher ein Kostenfaktor und Hindernis ist.

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Eine Spezialkategorie beim Beton stellen die Bunker dar. Zwei runde Exemplare hat die Flensburger Nordstadt zu bieten. Die Zombeck-Türme mit jeweils zwei Wendeltreppen im Inneren, einst gebaut zum Schutz der Werftarbeiter. Gastronomie und eine Diskothek konnten sich in einem der Türme nicht halten. Der Außenbereich verwahrlost zunehmend. Eike Wenzel erläutert, dass dort ein Übungsraum entstehen wird: "In dem Bunker wird zukünftig gerockt. Dafür wird ein wesentlicher Teil seiner inneren Substanz verändert werden müssen, um dort Geschossdecken einzuziehen."

Denkmalschutz: Ästhetik ist kein Kriterium

Auch in Flensburg bekommen immer mehr Nachkriegsbauten einen Schutzstatus, wie das Verwaltungsgebäude der Wohnungsbaugenossenschaft SBV, mit seinen bunten Glasfenstern am Treppenhaus sonst eher schlicht gehalten. Das sei eben auch ein typisches Element der 50er-Jahre, erklärt der Denkmalschützer, dass man Ruhe und bestimmte Akzente in einen Kontrast gesetzt habe.

Und ebenfalls bei den Neuzugängen: Ein Bürokomplex mit Betonfassade und dem Grundriss mehrerer verschachtelter Sechs(!)-Ecke. "Das ist das Bürohaus, das Beate Uhse in den 60er und 70er Jahren an der Gutebergstraße in Flensburg gebaut hat", so Wenzel. Inzwischen nutzt ein Einrichtungshaus die Immobilie für die Verwaltung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.06.2021 | 07:20 Uhr