Die Silhouette vom Dom Mariä Himmelfahrt zu Hildesheim © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Bistum Hildesheim präsentiert neues Missbrauchsgutachten

Stand: 14.09.2021 19:28 Uhr

Das Bistum Hildesheim hat die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung von lange zurückliegenden Missbräuchen präsentiert. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier, dem Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft.

Die Silhouette vom Dom Mariä Himmelfahrt zu Hildesheim © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg
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Herr Breitmeier, die Untersuchung hat den bereits verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen zum Schwerpunkt, der von 1957 bis 1982 Bischof in Hildesheim war. Was lässt sich zu den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn sagen?

Florian Breitmeier: Bischof Heinrich Maria Janssen war der erste Oberhirte in der katholischen Kirche in Deutschland, dem vorgeworfen wurde, aktiv Missbrauch betrieben zu haben. Es gab zwei Meldungen: eine aus dem Jahr 2015 und eine aus 2018. Dort schilderte ein Betroffener, dass er als ehemaliges Heimkind dem Bischof "zugeführt" worden sei, und zwar von dem Leiter des Kinderheims, in dem der Betroffene damals lebte. Das ließ den Rückschluss zu, dass es möglicherweise eine Art pädokriminelles Netzwerk gegeben hat, in dem Priester Kinder anderen Geistlichen "zuführen". Das sollten die Forscher untersuchen. Und dann auch die Missbrauchsvorwürfe gegen Heinrich Maria Janssen selbst, der den Jungen damals aufgefordert haben soll, sich auszuziehen. Er habe ihn dann angeschaut und mit den Worten "den kann ich nicht gebrauchen" entschieden, dass dieser Junge das Zimmer wieder verlassen sollte. Diese Fragen sollten nun geklärt werden. Die Forscher haben keine weiteren Beweise liefern können, dass Bischof Janssen selbst sexualisierte Gewalt ausgeübt hat. Aber sie haben auch die Vorwürfe aus den Jahren 2015 und 2018 nicht entkräften können. Sie halten die Schilderungen derjenigen, die Bischof Janssen sexualisierte Gewalt vorwerfen, für plausibel.

Ähnlich ist es auch bei der Frage nach einem Täternetzwerk. Gab es Strukturen im Bistum Hildesheim, die die Annahme stützen könnten, dass sich Männer Kinder selbst "zugeführt" haben, um an ihnen Verbrechen zu begehen? Auch dafür haben die Forscher keine weiteren Beweise liefern können. Aber sie halten die Aussagen derjenigen, die sie gemacht haben, für plausibel und nehmen sie weiterhin sehr ernst.

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Verstehe ich Sie richtig, dass es um diesen einen Fall geht - und nicht um die Mitgliedschaft oder das Betreiben eines Netzwerkes - und damit um die Reduktion des ganzen Falls?

Breitmeier: Es geht um zwei Ebenen. Zum einen um einen Messdiener, der sagt, er sei von Bischof Janssen in einer Sakristei zu sexuellen Handlungen aufgefordert und auch genötigt worden. Das ist das Eine.

Das Zweite ist die Dimension, dass ein Betroffener sagt, ein Geistlicher habe ihn zum Bischof gebracht. Und das spricht dann vielleicht für die Hypothese eines pädokriminellen Netzwerks. Aber es gab keine Beweise, wie die Forscher festgestellt haben, dass es ein solches aktives Netzwerk, wo sich Männer absprechen, gegeben haben könnte.

Was bedeutet das für die Figur Janssen? Ist das Denkmal gestürzt?

Breitmeier: Reingewaschen ist er in dieser Frage sicherlich nicht, weil die Vorwürfe weiterhin im Raum stehen. Die Forscher haben auch nachgewiesen, dass er erheblichen Machtmissbrauch betreiben hat, dass er bei Geistlichen, die sexuellen Missbrauch begangen haben, vor allen Dingen von der Intention geleitet war, den öffentlichen Skandal zu vermeiden. Diese Priester wurden dann in andere Gemeinden oder Bistümer versetzt, teilweise sogar bis nach Lateinamerika, wenn Janssen die Staatsanwaltschaft im Nacken saß, wenn ihm Dinge doch bekannt wurden. Hier zeigt sich ein Bischof, der auch in der Frage der Fürsorge für die Schwächsten eine Verantwortungslosigkeit an den Tag legte. Denn die Forscher weisen sehr klar nach, dass Bischof Janssen von skandalösen und eklatanten Zuständen in manchen Kinderheimen wusste, wo Priester Kindern sexualisierte Gewalt antun. Aber er hat weggeschaut und nichts unternommen, und deshalb ist das schon ein Punkt, wo man sagen kann, dass dieses Bild des Bischofs durch diese Studie sicherlich schwer belastet ist.

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Und dadurch, dass das so weit streut, geht es dann auch zeitlich über die reine Amtszeit von Janssen hinaus?

Breitmeier: Das in jedem Fall. Man muss einen Schritt zurückgehen und sagen: Durch die Tatsache, dass Bischof Janssen das nicht in den Gemeinden thematisiert hat, wenn zum Beispiel ein Priester auffällig geworden war, hat er Konflikte geschaffen. Er hat also nicht nur die Kinder und Jugendlichen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, alleine gelassen, sondern er hat auch die Problematik des Missbrauchs in den Gemeinden gar nicht thematisiert. Häufig war die Folge, dass es in den Gemeinden emotionale Konflikte gab, dass es die Verteidiger eines Pfarrers gegeben hat und diejenigen, die den Priester weg haben wollten, weil sie etwas gehört hatten. Er hat also Konflikte durch seine "Personalpolitik", durch das Versetzen von Missbrauchstätern und das Vertuschen, gefördert und damit seiner Kirche schweren Schaden zugefügt. Denn er ist nicht als ein Bischof eingetreten, der für die Einheit in einem Bistum auftritt, der dafür sorgt, dass Konflikte gelöst werden, der Gläubige zusammenführt, sondern er hat viele Gemeinden gespalten.

Wie geht nun Bischof Wilmer damit um, der seit 2018 im Amt des Bischofs in Hildesheim ist?

Breitmeier: Es zeigt sich, dass es einen Wandel gibt in der Amtszeit von Norbert Trelle, der 2006/2007 in das Bistum kommt, wo man konsequenter ist, aber bei weitem nicht konsequent. Bischof Wilmer ist ein Mann, der sehr klar formuliert, dass er Transparenz und Aufklärung will. Er hat ja unabhängige Experten mit dieser Studie beauftragt. Er setzt verstärkt auf Prävention in den Gemeinden, aber auch auf Befragungen, beispielsweise von Mitarbeitenden, wie das bei dieser Studie passiert ist, wo viele schildern, dass sie einen Kulturwandel im Bistum wünschen und wollen, wo auch offen über sexualisierte Gewalt gesprochen werden kann und wo auch Machtstrukturen im Bistum angegangen werden. Denn es hat sich unter der Zeit von Heinrich Maria Janssen gezeigt, dass er wie ein absolutistischer Monarch agieren konnte. Er konnte versetzen, verschweigen und vertuschen, und niemand hat das infrage gestellt. Er hat auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag gelegt: Die katholische Sexualmoral wurde offiziell immer streng verteidigt, aber wenn es Missbrauch gegenüber Kindern gab, hat Janssen weggeschaut.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.09.2021 | 18:00 Uhr