Archiv der Flucht, Berlin © HKW

Berlin: "Archiv der Flucht" zeigt Interviews mit Geflüchteten

Stand: 29.09.2021 15:54 Uhr

Am Donnerstag eröffnet in Berlin das "Archiv der Flucht". Dokumentarische Filminterviews mit geflüchteten Menschen werden hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein Gespräch mit der Mitkuratorin Manuela Bojadžijev.

Frau Bojadžijev, Sie haben Menschen befragt, die in unterschiedlichen Zeiten aus verschiedenen Regionen der Welt nach Deutschland gekommen sind - von Afghanistan und Bosnien über Eritrea und Kamerun bis hin zur ehemaligen Sowjetunion und Vietnam. Welche unterschiedlichen Geschichten von Heimat und Exil erzählen sie?

Manuela Bojadžijev: Die Menschen erzählen sehr unterschiedliche Geschichten von Heimat und Exil. Und das ist vielleicht auch das Interessanteste an dem Schatz, den wir da zusammengetragen haben und den die Leute uns zur Verfügung gestellt haben, indem sie biografisch-narrative Interviews mit uns geführt haben. Wir haben das Archiv darauf begrenzt, dass wir Leute befragt haben, die aus Zwang migriert sind oder aus Zwang auch nicht mehr zurückgehen wollten in ihre Herkunftsländer.

Die Geschichten sind sehr unterschiedlich. Wir haben die Geschichte der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg eingefangen, die unter völlig anderen Bedingungen stattgefunden hat, als die Flucht, wie wir sie heute erleben. Was alle diese Geschichten zusammenbringt, ist, dass nicht alle immer gut in Deutschland empfangen wurden.

Sie haben damit schon einen Faktor meiner nächsten Frage beantwortet: Das sind Rassismuserfahrungen, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Aber vielleicht gibt es noch mehr verbindende Elemente in diesen Erzählungen.

Manuela Bojadžijev © Manuela Bojadžijev
Manuela Bojadžijev lehrt "Kultur und Lebensstile in der Einwanderungsgesellschaft" an der Humboldt Universität zu Berlin.

Bojadžijev: Ja genau. Das betrifft schon die Erfahrung nach dem Zweiten Weltkrieg, aber das wiederholt sich dann. Aber es sind nicht nur Erfahrungen von Rassismus, sondern das sind zum Teil auch Erfahrungen der Erleichterung, Erfahrungen beschützt zu sein in dieser Gesellschaft, entkommen zu sein aus dem Herkunftsland und der jeweiligen Situation. Die Leute sind aus sehr unterschiedlichen Motiven gekommen. Manchmal waren sie aufgrund ihrer Sexualität verfolgt, aus politischen, religiösen oder auch aus rassistischen Gründen. Sie haben sehr unterschiedliche Gründe, warum sie hierhergekommen sind. Und manche wollten gar nicht nach Deutschland kommen, sondern sind in ein Flugzeug gestiegen und hier angekommen.

Nach den Ähnlichkeiten gefragt, würde ich sagen, sind die Schwierigkeiten, hier anzukommen, sehr ähnlich. Gleichzeitig unterscheiden sich die Fluchtgeschichten dramatisch, je nachdem, ob sie zum Beispiel in ein Flugzeug gestiegen sind und hier angekommen sind, oder ob sie über Wochen und Monate unterwegs waren und die grausamsten Geschichten auf der Flucht erlebt haben, in Libyen und auf dem Mittelmeer. Dieses Archiv trägt sehr diverse Geschichte zusammen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen für die Flucht nach Deutschland.

Wir stützen uns immer gerne auf Zahlen und Statistiken. Welche Aussagekraft haben solche Interviews?

Bojadžijev: Wir haben nach 2015 einen Diskurs erlebt, der dazu beigetragen hat, Flucht in hohem Maße zu stigmatisieren und auch die Leute, die geflohen sind, zu stigmatisieren. Das heißt, wenn die Leute ihren Beitrag zu diesem Archiv, das wir in den letzten fünf Jahren aufgebaut haben, geleistet haben, dann, weil sie wussten, dass gleichzeitig dieser öffentliche Diskurs der Stigmatisierung existiert. Wir wollten unter keinen Umständen dazu beitragen, diese Stigmatisierung zu verstärken, sondern wir wollten den Leuten die Möglichkeit geben, aus ihrem Leben heraus zu erzählen und zu begründen, warum sie gekommen sind, was sie dazu gebracht hat, dass sie hierher gekommen sind. Wir wollten ihnen auch die Möglichkeit geben, über die Situation hier zu erzählen. Und je nach dem, wann die Leute gekommen sind, erzählen sie die Geschichte dieses Landes aus ihrer Perspektive. Wir erfahren Geschichten über das Studierendenleben der 80er-Jahre in Berlin oder den Fall der Mauer aus der Perspektive dieser Leute.

Wir können uns ab Donnerstag diese Film-Interviews anschauen, online oder im HKW in Berlin. Was passiert darüberhinaus mit diesem wertvollen Erinnerungsfundus? Wie wird damit weiter gearbeitet?

Bojadžijev: Wir erhoffen uns, dass das abgerufen wird, aus der Wissenschaft und der Öffentlichkeit, von Journalistinnen und Journalisten, insgesamt von Medien. Die quantitative Fluchtforschung ist da sehr interessant; die Politik interessiert sich häufig für Zahlen. Was wir dem an die Seite stellen, sind die Geschichten der Menschen, die hierher geflohen sind, in den unterschiedlichen historischen Konjunkturen in Deutschland - ein Land, das sich ja auch konstitutiv aufbaut auf der Geschichte von Flucht. Wir haben versucht, das möglichst nachhaltig zu gestalten. Es gibt ausführliches Bildungsmaterial für Schulen und Hochschulen. Wir haben mit den Stadtbibliotheken in Berlin zusammengearbeitet, das Online-Archiv ist auch in den Universitätsbibliotheken zugänglich und ist dort katalogisiert. Wir haben eine Ausstellung in den Goethe-Instituten in Südosteuropa, die auch am Donnerstag beginnen, sodass die Installationen und auch die Geschichten nicht nur in Deutschland, sondern auch in Südosteuropa zugänglich werden.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.09.2021 | 18:00 Uhr