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Eine Frau radikalisiert sich: Ulrike Meinhof und die RAF

Stand: 22.03.2021 14:00 Uhr

Ulrike Meinhof gilt als die Stimme der ersten Generation der RAF. Am 9. Mai 1976 wurde sie in ihrer Gefängniszelle in der JVA Stuttgart tot aufgefunden.

von Anja Deuble

Engagiert, politisch aktiv und beruflich erfolgreich: Mit Anfang 30 ist Ulrike Meinhof Chefredakteurin bei der Zeitschrift "Konkret", zweifache Mutter, verheiratet und führt ein bürgerliches Leben in Hamburg. Mit 36 ist sie die Stimme der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) und steckbrieflich gesuchte Staatsfeindin. Wer war die Frau, die sich innerhalb kürzester Zeit von der Journalistin zur Terroristin wandelte?

Ulrike Meinhof verliert beide Elternteile in der Kindheit

Ulrike Meinhof, deutsche Journalistin und RAF-Mitglied © Open Source Foto: vermutlich Werner Meinhof
Ulrike Meinhof 1964 als junge Journalistin (Montage).

Ulrike Marie Meinhof wird am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Sie und ihre ältere Schwester Wienke wachsen in einem christlich geprägten bürgerlichen Umfeld auf. Der Vater der beiden Mädchen stirbt 1939, die Mutter 1948. Die Historikerin und Freundin der Mutter, Prof. Renate Riemeck, nimmt die Kinder bei sich auf und sorgt für sie. Erste Erfahrungen im Schreiben sammelt Ulrike Meinhof am Gymnasium Philippinium in Weilburg, sie ist eine Mitbegründerin der noch heute punktuell erscheinenden Schülerzeitung "Spektrum".

Als "konkret"-Chefredakteurin in der Gesellschaft angekommen

Nach dem Abitur studiert Ulrike Meinhof in Marburg, sie möchte Lehrerin werden. 1957 wechselt sie nach Münster, wird Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA). Das Leben in der deutschen Nachkriegszeit ist geprägt von der Protest- und Friedensbewegung, auch Ulrike Meinhof engagiert sich in der Studentenbewegung, erste politische Artikel von ihr erscheinen in den damaligen Studentenblättern. Ab 1959 arbeitet sie für die linke Zeitschrift "konkret", wird 1960 Chefredakteurin und eine Stimme der deutschen Linken. 1961 heiratet sie Klaus Rainer Röhl, den Herausgeber von "konkret". An seiner Seite feiert sie Partys in der Hamburger Intellektuellen-Szene, gern auch auf Sylt, der "Hamburger Party-Insel". Gleichzeitig verfasst sie sozialkritische Artikel und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Themen. 1962 bekommt Ulrike Meinhof Zwillinge.

68er-Proteste: Widerstand und Gewalt

Ab Mitte der 60er-Jahre verstärken sich an den Hochschulen Proteste gegen die Studienbedingungen und konservative Lerninhalte. Immer mehr Studierende gehen auf die Straße. Bei einer Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs Reza Pahlavi in West-Berlin wird 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen - angeblich aus Notwehr. Sein Tod verändert die gesellschaftliche Stimmung, die konservative Presse polemisiert gegen die Studentenbewegung.

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Studenten demonstrieren nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschek am 16.04.1968 in Bonn gegen die Springer-Presse © dpa Foto: Peter Popp

1968: Die kulturelle Revolte

Das Rütteln an gesellschaftlichen Autoritäten: Was passierte 1968 in Deutschland? Und warum? Ein kurzer Überblick über die Ereignisse des Jahres 1968 und dessen Auswirkungen. mehr

1968 schießt ein junger Hilfsarbeiter auf einen der bekanntesten Wortführer der Studenten, Rudi Dutschke, und verletzt ihn schwer. Das Attentat radikalisiert nicht nur die Studentenbewegung. Ulrike Meinhof verfasst einen Artikel für "konkret", in dem sie deutlich Stellung zum Thema Gewalt und Widerstand bezieht: "Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht." 1968 lernt sie als Journalistin die späteren RAF-Mitglieder Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die wegen Brandanschlägen auf Frankfurter Kaufhäuser vor Gericht stehen. Privat verläuft ihr Leben unruhig, die Ehe mit Röhl wird geschieden, sie zieht nach Berlin und verlässt 1969 "konkret".

Baader und Ensslin tauchen unter - auch bei Meinhof

Baader und Ensslin werden 1969 wegen Kaufhaus-Brandstiftung verurteilt, kommen durch einen Revisionsantrag jedoch kurzzeitig wieder frei und tauchen unter. Für kurze Zeit wohnen Baader und Ensslin im Februar 1970 bei Meinhof in Berlin. Wenige Wochen später wird Baader bei einer Verkehrskontrolle geschnappt.

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Baader-Befreiung: Der bewaffnete Kampf der RAF beginnt

Am 14. Mai 1970 wird Andreas Baader aus der Haft befreit. Die spektakuläre Aktion gilt als Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion. Ulrike Meinhof ist an der Aktion beteiligt. Sie hat dafür gesorgt, dass Andreas Baader für ein vermeintliches Quellenstudium für ein gemeinsames Buchprojekt Ausgang gewährt wird. Baader darf ein paar Stunden im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin "arbeiten". Plötzlich ist es mit der Ruhe vorbei, Schüsse im Vorraum und ein Handgemenge sorgen für Verwirrung und Panik: Andreas Baader, Ulrike Meinhof und weitere Komplizen springen aus dem Fenster des Erdgeschosses und flüchten. Georg Linke, ein Angestellter des Instituts, wird durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt.

Verhaftung und Inhaftierung von Ulrike Meinhof

Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht und steigt in ein Auto, sechs Männer begleiten sie. © imago/Sven Simon Foto: Sven Simon
Ulrike Meinhof wird nach ihrer Festnahme durch die Polizei in Langenhagen bei Hannover in ein Auto geführt.

Am 5. Juni 1970 erscheint in der anarchistischen Zeitschrift "Agit 883" der Text "Die Rote Armee aufbauen" - es ist die erste programmatische Erklärung der RAF. Meinhof reist Ende Juni mit Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Horst Mahler und anderen von Ostberlin nach Jordanien, wo sie für den "bewaffneten Kampf" ausgebildet wird. Zurück in Deutschland ist sie an mehreren Banküberfällen und Bombenanschlägen mit Todesopfern beteiligt. Am 15. Juni 1972 wird Ulrike Meinhof in Langenhagen bei Hannover verhaftet und 1974 zu acht Jahren Freiheitsstrafe für die Beteiligung an der Baader-Befreiung verurteilt. Im Mai 1975 wird sie im sogenannten Stammheim-Prozess wegen vierfachen Mordes und vielfachen Mordversuches angeklagt. Am 9. Mai 1976 findet ein Beamter der JVA Stuttgart Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle auf. Ihr Leben endet - Spekulationen über ihren Tod jedoch nicht: Bis heute gibt es Stimmen, die an ihrem Freitod zweifeln.

Meinhofs Radikalisierung: Erklärungsversuche von Stefan Aust

Ulrike Meinhofs Vermächtnis ist ein Widerspruch: Warum verlässt sie ihr bürgerliches Leben, verzichtet auf Karriere und auf ihre Kinder, um im Untergrund zu leben? Warum hat sie, die immer die Sprache für sich und ihre Zwecke genutzt hat, keinen Abschiedsbrief verfasst?

Stefan Aust © dpa-Fotoreport Foto: Erwin Elsner
Jounalist und Autor kannte Ulrike Meinhof gut und fragt sich, warum sie den Stift gegen die Waffe getauscht hat.

Stefan Aust, Autor des Buches "Der Baader-Meinhof-Komplex", kannte Ulrike Meinhof gut, auch aus gemeinsamen Zeiten bei "konkret". Im NDR 90,3 Kulturjournal Spezial erinnert sich der Journalist an Ulrike Meinhof. "Ich hab sie sehr geschätzt, es gab Zeiten, in denen ich wirklich sehr gut mit ihr konnte", sagt Aust. "Sie war eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Sie hatte eine tolle Stimme, konnte beeindruckend argumentieren und wusste alles - und vor allen Dingen alles besser." Er erinnert sich aber auch an herablassende Züge gegenüber Untergebenen. "Sie hatte eine Assistentin, die für sie Bücher besorgt hat. Wenn ich einmal beim 'Spiegel' eine Sekretärin so behandelt hätte wie sie, dann wäre ich achtkantig rausgeflogen."

Stefan Aust hat viel darüber nachgedacht, warum Ulrike Meinhof den Stift gegen die Waffe getauscht hat. "Es hat sicherlich mehrere Brüche in ihrem Leben gegeben, aber das Entscheidende war glaube ich, dass sie mit ihrer ganzen journalistischen Tätigkeit nicht mehr wirklich zufrieden war", schildert Aust. "Sie wollte eigentlich Aktivistin sein und hat Leute wie Gudrun Ensslin, die was getan haben, bewundert."

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal Spezial | 04.10.2020 | 20:00 Uhr

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