Wie RAF-Terroristin Gudrun Ensslin in Hamburg gefasst wurde

Stand: 11.12.2020 08:00 Uhr

Gudrun Ensslin gehört Anfang der 70er-Jahre zur Führungsriege der ersten RAF-Generation. Am 7. Juni 1972 wird sie in einer Hamburger Boutique festgenommen.

Es ist ein Mittwoch gegen 14 Uhr. Die Geschäftsführerin der Boutique "Linette" am Hamburger Jungfernstieg will an diesem 7. Juni 1972 ein paar Kleidungsstücke wegräumen. Dabei hebt sie auch die Jacke einer Kundin hoch, die gerade in einer Kabine Pullover anprobiert. Weil die dünne Lederjacke ihr ungewöhnlich schwer erscheint, tastet die Verkäuferin die Taschen ab und meint den Abzug einer Pistole zu fühlen. Beherzt ruft sie aus einem Nebenraum die Polizei, obwohl sie lediglich eine dünne Wand von der Verdächtigen trennt. Unsicher, wie sie die Situation einschätzen soll, sagt sie: "Hier ist jemand, der eine Pistole in der Tasche hat. Ist es überhaupt richtig, dass ich Sie anrufe?"

Gudrun Ensslins Verhaftung beim Kleiderkauf

Die Kundin nach dem Anruf aufzuhalten ist nicht nötig, denn diese sucht zunächst noch nach Socken. Wenig später trifft der erste von zwei Streifenwagen ein. "Das Geschehen in der Boutique ließ durch die Scheiben keine besonderen Auffälligkeiten erkennen, um einen Überblick zu bekommen, betrat ich das Geschäft zunächst alleine", erinnert sich der ehemalige Polizeibeamte Ulf Millhahn. "Im Geschäft waren etwa 20 Leute, die ganz unaufgeregt wirkten." Eine Verkäuferin weist ihn auf die Verdächtige hin, die sich vom hinteren etwas höher gelegenen Teil des Geschäfts in Richtung Ausgang bewegt. "Die Dame versuchte, nachdem sie mich wohl als Polizeibeamten erkannt hatte, einen Blickkontakt mit mir zu vermeiden, indem sie, den Kopf mir abgewandt, betont nach unten links schaute."

26.05.1972: Fahndungsplakat RAF Erste Generation © picture-alliance / dpa
Auf dem RAF-Fahndungsplakat der Polizei hat Ensslin (oben rechts) lange blonde Haare.

Als sich die Verdächtige nahe des Ausgangs in seiner Höhe befand, sei Millhahn, wie er sagt "hochkonzentriert von rechts mit wenigen Schritten an sie herangetreten" und habe gefragt, was los sei. Darauf hin habe sie dann ohne zu antworten, spontan in die rechte Tasche ihrer Jacke greifen wollen. Millhahn befürchtete, dass die Frau eine Schusswaffe herausziehen könnte. "Die Hand der Dame war bereits ein Stück in der Tasche, als ich sie mit einem gezielten Schlag auf die Tasche gewaltsam daran hinderte, noch tiefer hineinzugreifen", erinnert sich der ehemalige Polizeibeamte. "Sogleich riss ich ihr die Hand aus der Tasche und brachte die Dame mit Gewalt zu Boden." Indem er ihren Arm auf den Rücken drehte und einen Fuß auf ihre andere, freie Hand stellte, habe er einen erneuten Griff zur Waffe verhindern können. In einer geheimen Botschaft aus der Haft an Ulrike Meinhof schreibt Gudrun Ensslin später: "Es ging so schnell, dass ich die Hand aus der Tasche mit der Knarre halb gebrochen von Bullenpfoten nur rausbekam."

Verdächtige wird als Gudrun Ensslin identifiziert

Das ganze Geschehen habe wohl nur wenige Momente gedauert, denn erst dann sei sein Kollege Reiner Freiberg dazugestoßen. "Ich rief ihm zu, dass ich die Dame 'fest im Griff' habe und er in die rechte Tasche ihrer Jacke greifen sollte", sagt Millhahn. Tatsächlich findet Freiberg in der Jackentasche einen geladenen Revolver. Eine zweite schussbereite Waffe wird in der Handtasche der Frau gefunden. "Die Gesamtumstände veranlassten uns, die festgenommene Dame direkt ins Polizeipräsidium zu bringen. Dort wusste zunächst auch keiner, mit wem wir es zu tun hatten", berichtet Millhahn. Gudrun Ensslin, die auf den Fahndungsplakaten mit glatten, blonden Haaren abgebildet war, war mit dunkel gefärbtem, krausen Haarschopf nicht zu erkennen. Ein Fingerabdruck-Abgleich bringt schließlich Klarheit: Es ist die wegen Bankraubs und Bombenanschlägen international gesuchte RAF-Terroristin.

Mehrere RAF-Mitglieder zuvor in Frankfurt festgenommen

1.6.1972: Andreas Baader wird in Frankfurt verhaftet © picture-alliance / dpa
Andreas Baader wird bei seiner Festnahme in Frankfurt bei einem Schusswechsel mit der Polizei leicht verletzt.

Bereits am 1. Juni 1972, lediglich eine Woche vor der Festnahme Ensslins, sind mit Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe gleich drei Mitglieder des harten Kerns der Roten Armee Fraktion (RAF) nach einer Schießerei in Frankfurt verhaftet worden. Daraufhin fährt die damals 31-jährige Ensslin nach Hamburg, wo sie Ulrike Meinhof, Klaus Jünschke und Gerhard Müller trifft. Die Extremisten leben seit 1970 im Untergrund und haben im Mai 1972 mehrere Bombenattentate verübt, darunter gegen US-Militäreinrichtungen und das Hamburger Springer-Verlagshaus.

Ensslin, eine der zentralen Figuren der RAF, steht bereits seit 1971 auf der Fahndungsliste der Hamburger Polizei. Die Beamten haben drei Wohnungen ermittelt, in denen die Germanistik-Studentin zumindest zeitweise gelebt hat. In einer wohl von ihr selbst angemieteten Wohnung in Hamburg-Poppenbüttel wurden Munition, Waffen, Sprengkörper und Funkgeräte sichergestellt.

Zufall oder provozierte Verhaftung?

Über die Gründe für Ensslins ungewöhnliche Unvorsichtigkeit ist viel spekuliert worden. Nachdem sie über Jahre unerkannt im Untergrund gelebt hatte, sei ihr Verhalten in der Boutique außergewöhnlich unaufmerksam gewesen. Im Nachrichten-Magazin Spiegel wurde wenige Tage nach der Verhaftung spekuliert, dass Ensslin ihre Festnahme womöglich absichtlich provoziert habe. Begründet wurde dies durch eine vermeintliche seelische Abhängigkeit von Andreas Baader.

Polizist Millhahn ist hingegen der Ansicht, dass die damals 31-Jährige überrascht wurde. "Spekulationen, die sagen, dass Frau Ensslin sich absichtlich unvorsichtig verhalten habe, um ihre Festnahme zu provozieren, halte ich für gewagt." Auch eine Botschaft aus der Haft an Ulrike Meinhof spricht für die zufällige Festnahme. Hierin schreibt Ensslin, sie hätte sich von einem Taxifahrer erkannt gefühlt und deswegen schnell neue Kleidung kaufen wollen. "Dann in dem Laden hab' ich nur noch Scheiße im Gehirn gehabt, erregt, verschwitzt … Ging auch irre schnell, sonst wäre jetzt eine Verkäuferin tot (Geisel), ich und vielleicht zwei Bullen."

Ulf Millhahn hält es im Nachhinein für einen glücklichen Umstand, dass er zunächst alleine das Geschäft betreten hat: "Dass ich zunächst ganz alleine in der Boutique auftauchte, weckte bei Frau Ensslin vielleicht den Gedanken, dass wohl nicht ein einzelner, uniformierter Polizist käme, um 'mal eben eine Terroristin' festnehmen zu wollen." Möglicherweise habe Ensslin deshalb zunächst versucht, möglichst unauffällig zu verschwinden.

Videos
RAF-Terroristin Gudrun Ensslin 1968 mit ihrem Verteidiger. © picture-alliance / dpa Foto: Manfred Rehm
9 Min

Panorama 1968: Gudrun Ensslins Weg zur RAF

Nach einem Kaufhausbrand in Frankfurt zeigte Panorama im November 1968 Bilder aus Gudrun Ensslins Leben und ein Interview mit ihr über die "Verlogenheit dieser Welt". 9 Min

Gudrun Ensslin: Von der Pfarrerstochter zur RAF-Terroristin

Gudrun Ensslin stammt als viertes von sieben Kindern aus einem evangelischen Pfarrhaus im schwäbischen Bartholomä. Die begabte Germanistik-Studentin betreibt Mitte der 1960er-Jahre neben der Promotion mit ihrem Lebensgefährten Bernward Vesper einen Kleinverlag und engagiert sich im Wahlkontor Deutsche Schriftsteller für die Kanzlerkandidatur Willy Brandts. 1967 bekommt das Paar ein Kind. Bei einer studentischen Protestaktion lernt Ensslin Andreas Baader kennen und verlässt Vesper. Schließlich lässt sie auch ihren Sohn Felix zurück und legt 1968 zusammen mit ihren späteren RAF-Mitstreitern Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein politisch motivierte Brände in Frankfurter Kaufhäusern.

Baader-Befreiung gilt als Gründungsaktion der RAF

Nach ihrer Verhaftung und Verurteilung kommen die Angeklagten wegen eingelegter Revision zunächst auf freien Fuß. Sie tauchen unter, reisen auf ihrer Flucht durch Deutschland und Italien. Die Befreiung des zwischenzeitlich wieder inhaftierten Baader am 14. Mai 1970 gilt gemeinhin als Gründungsaktion der Rote Armee Fraktion. In einem palästinensischen Camp in Jordanien erhält die Gruppe eine militärische Ausbildung. Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten verübt die Gruppe Banküberfälle. Ensslin ist bis zu ihrer Festnahme an mehreren Sprengstoffanschlägen beteiligt, bei denen vier Menschen ums Leben kommen. Der Inhaftierung des harten Kerns der RAF im Juni 1972 folgt ein jahrelanger Prozess, bei dem Ensslin unter anderem von Otto Schily verteidigt wird. Wie Baader und Raspe wird sie am 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart in Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden.

Mehr zur RAF
RAF-Logo, Ausschnitt aus einem Foto des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer (Archivbild aus dem Jahr 1977) © dpa

Bomben und Tote: Die Geschichte der RAF

Ihre Ursprünge liegen in der 68er-Bewegung. Dann entwickelt sich die RAF zur brutalsten Terrorgruppe der Bundesrepublik. Nach fast 30 Jahren löst sie sich 1998 auf. mehr

Polizeiwagen stehen nach dem Anschlag der RAF am 19.05.1972 vor dem Springer-Verlagshaus in Hamburg. © picture-alliance/dpa Foto: Werner Baum
33 Min

50 Jahre RAF und die Rolle Hamburgs

Vor 50 Jahren begannen die Aktionen der Roten Armee Fraktion (RAF). Die beispiellose Verbrechensserie hatte immer wieder auch etwas mit Hamburg zu tun. Danny Marques Marcalo berichtet. 33 Min

Eine Frau wird von einem Polizisten am Arm in einen Raum geführt. © dpa - Bildarchiv

Wie RAF-Terroristin Ulrike Meinhof festgenommen wurde

Am 15. Juni 1972 erhält die Polizei in Hannover einen Tipp und nimmt die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof fest. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 14.10.2020 | 20:00 Uhr

Mehr Geschichte

Die Internistin Mechthild Bach mit ihrem Anwalt Matthias Waldraff zu Verhandlungsbeginn am 18. Januar 2011 in einem Gerichtssaal im Landgericht Hannover. © picture alliance / dpa Foto: Peter Steffen

Mechthild Bach: Wie ein Medizinprozess in den Tod führte

13 Patienten soll die Ärztin getötet haben. Zerrieben von einem Mammutprozess begeht sie am 24. Januar 2011 Suizid. mehr

Menschen stehen 1966 auf der "Meckerwiese", einem Debattierforum auf der Hamburger Moorweide.

Vor 50 Jahren: Die Meckerwiese auf der Moorweide

1966 richtet der Hamburger Senat am Dammtor eine Art öffentlichen Debattierclub ein. Ein echtes Bürgerforum wird daraus nicht. mehr

St. Paulis Fabian Boll erzielt im Pokal-Duell mit Werder Bremen 2006 das 2:1 per Seitfallzieher. © imago images / HochZwei/Tomasiello

Vor 15 Jahren: Als St. Pauli Werder im Schneegestöber aus dem Pokal warf

Pokalabend oder Schneeballschlacht? Auf jeden Fall legendär. Am 25. Januar 2006 besiegte der FC St. Pauli im Viertelfinale Werder Bremen. mehr

Alte Schrift wurde über eine Aufnahme der Silhouette von Lübeck gelegt. © NDR

Der vergessene Lübeck-Roman "Die Großvaterstadt"

Neben Thomas Manns "Buddenbrooks" ist ein weiterer Roman über die Geschichte Lübecks fast vergessen: "Die Großvaterstadt". mehr

Norddeutsche Geschichte