Dräger schreibt mit Atemschutzgeräten Medizingeschichte

Stand: 22.04.2021 11:45 Uhr

Mit Johann Heinrich Dräger aus Kirchwerder bei Hamburg und seinem Pioniergeist beginnt der Aufstieg von Deutschlands größtem Unternehmen in der Medizin- und Sicherheitstechnik - der Drägerwerke in Lübeck.

von Stefanie Grossmann

In seinem Laden in Bergedorf bei Hamburg repariert Johann Heinrich Dräger ab 1881 Uhren, baut Nähmaschinen und vertreibt Molkerei-Maschinen. Doch sein Erfindergeist lässt dem Feinmechaniker keine Ruhe. Und so beschäftigt er sich nach seinem Umzug nach Lübeck im Jahr 1886 mit Bierdruck-Automaten, bei denen der Gerstensaft nicht gleichmäßig in die Gläser läuft. Die Bier-Zapfanlagen arbeiten zu seiner Zeit mit komprimierter Kohlensäure, bei denen der Druck zu hoch ist. Akribisch macht sich der ehrgeizige Tüftler gemeinsam mit Sohn Bernhard an die Entwicklung eines Ventils, um den Druck zu mindern und das Bier blasenfrei zapfen zu können. Dabei kommt 1889 das "Lubeca-Ventil" heraus. Das Ventil ermöglicht es, einer Hochdruck-Flasche die Kohlensäure genau regulierbar zu entnehmen. 

Hochdruck-Ventile der Drägers optimieren das Bierzapfen

Johann Heinrich Dräger meldet ein Patent auf das Ventil an und entscheidet sich dafür, seine Erfindung nicht zu verkaufen. Stattdessen produziert und vermarktet er das Ventil selbst. Das ist in der damaligen Zeit auch ein unternehmerisches Risiko, denn das familieneigene Geld reicht für Investitionen und Expansion nicht aus. Die Finanzierung läuft über Kredite von Banken. In der Folge entsteht aus dem einstigen Handelshaus ein erfolgreich produzierendes Unternehmen, das Johann Heinrich Dräger nach dem Tod des Kompagnons Carl Adolf Gerling 1891 als alleiniger Inhaber unter dem Namen Lübecker Bierdruckapparate und Armaturenfabrik H. Dräger übernimmt.

Vier Jahre später erobern Vater und Sohn mit dem "Original-Bierautomat" den Markt. Ventile werden zur Erfolgsformel für die Tüftler-Familie. Im Prinzip der Druckreduzierung im Umgang mit Gasen und Sauerstoff erkennt Bernhard Dräger den Nutzen für die medizinische Versorgung. Die Dräger-Technik stellt sich schließlich als großer Wurf für das Leben - und zukünftige Entwicklungen des Unternehmens - heraus. 

Dräger-Innovationen von Finimeter bis Narkoseapparat

Die Kunst des Erfindens brauchte er nicht zu lernen; diese Gabe hatte ihm eine gütige Fee in die Wiege gelegt, schrieb Johann Heinrich Dräger einmal über seinen Sohn. aus: "Dräger. Die Geschichte des Unternehmens"

Wie sein Vater besitzt auch Bernhard Dräger ein "Entwickler-Gen". Um die Jahrhundertwende entdeckt er das Potenzial eines noch jungen Marktes: die Anwendung von komprimiertem Sauerstoff. Das Prinzip der Druckreduzierung lässt sich sowohl in der Löt- und Schweißtechnik als auch bei Beatmungs- und Atemschutzgeräten anwenden. Unter dem studierten Maschinenbauer bringt das Unternehmen im damaligen Firmensitz in der Moislinger Allee eine Reihe Innovationen hervor. 1899 kommt das Finimeter für Atemgasflaschen auf den Markt. 1902 entwickeln die Drägers gemeinsam mit dem Mediziner Otto Roth einen Narkoseapparat, mit dem sich Sauerstoff und Anästhesie-Mittel kontrolliert mischen lassen. Die Narkose lässt sich bei Eingriffen fortan besser beherrschen. Der "Roth-Dräger" ist damals eine Weltsensation, mit dem sich das Unternehmen einen Namen auf dem Gebiet der Anästhesie macht. 

Die "Drägerman" sind Helden in Film und "Superman"-Comic 

Grubenretter tragen das Dräger-Beatmungsgerät Modell 1904/09.
Das Grubenrettungsgerät von Dräger hat vielen Kumpels unter Tage das Leben gerettet.

Leben retten mithilfe von Sauerstoff schreiben sich die Drägers fortan auf die Fahnen. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt Bernhard Dräger ein Grubenrettungsgerät, das "Modell 1904/09". Es kann den Rettern 50 bis 60 Liter Atemmenge zuführen. Dabei kann ein- und dieselbe Luft immer wieder ein- und ausgeatmet werden. Eine Patrone mit Atemkalk und Sauerstoffzufuhr verhindern das Ersticken. Das Beatmungsgerät ist weltweit im Einsatz, rettet vielen Kumpeln unter Tage bei Feuer, Explosionen und Gasaustritten das Leben. Besonders in Amerika sorgt das Produkt für Begeisterung: Die Einsatzkräfte nennen sich deshalb stolz "Draegermen". In den USA und in Kanada steht der Begriff seitdem für das Mitglied einer Rettungsmannschaft oder Grubenwehr - und schafft es sogar bis in Wörterbücher. Die "Drägerman" sind in den Staaten so populär, dass Warner Bros. 1937 den Streifen "Draegerman Courage" dreht. Und in einem der ersten "Superman"-Comics aus dem Jahr 1938 unterstützen die "Draegermen" den Helden bei der Suche nach verschütteten Bergleuten.

"Pulmotor" ist Vorläufer der maschinellen Beatmung

Der "Pulmotor" von Dräger wird zum Beatmung eines Ertrunkenen eingesetzt. © NDR
Mit dem "Pulmotor" können Menschen, die nach Sauerstoffmangel das Bewusstsein verloren haben, wiederbelebt werden.

Im Bergbau, bei der Wasserrettung und auch in Krankenhäusern finden Atemschutzgeräte derweil bei immer mehr Unfallopfern Anwendung. 1907 bringen die Drägers das weltweit erste transportable Beatmungsgerät auf den Markt: den "Pulmotor" - ein Gerät zum Einblasen von Frischluft oder Sauerstoff in die Lunge. Im gleichen Jahr entsteht in New York die erste Niederlassung im Ausland. Die innovative Technologie wird schließlich zur Basis der maschinellen Beatmung. Nicht nur in Deutschland avanciert der mobile Rettungsapparat zum Verkaufsschlager. Schon 1924 sind insgesamt 5.000 Geräte in 15 Ländern im Einsatz.

Nach dem gleichen Prinzip entwickelt Dräger auch die ersten Tauchretter. Damit sollen vor allem U-Boot-Besatzungen überleben können. 1912 präsentiert Dräger einen tragbaren Tauchapparat, mit dem sich Menschen bis zu 40 Minuten lang frei unter Wasser bewegen können.

Erster Weltkrieg: Gasmasken für Soldaten an der Westfront

Durch die enorme Nachfrage durch Militär und Zivilschutz wächst das Unternehmen im Ersten Weltkrieg weiter. Im Jahr 1915 beginnt Dräger mit der Produktion von Atemschutzmasken, die es ermöglichen, im Gas-Krieg an der Westfront zu überleben. Damals setzen die Kriegsparteien systematisch Giftgas als chemische Waffe ein. Die Dräger-Filtertechnik rettet vielen Solaten das Leben. Rund 4,6 Millionen Stück werden in den Weltkriegsjahren bis 1918 gefertigt. Die Belegschaft wächst, neue Gebäude entstehen. 1917 stirbt Firmengründer Johann Heinrich Dräger.

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutet weniger Aufträge und damit Einschnitte für das Unternehmen. Inflation und Wirtschaftkrise bringen auch Dräger in Bedrängnis, denn auf dem Markt für Sicherheits- und Medizintechnik bekommen sie Konkurrenz. Die Unternehmer verlieren ihre Auslandspatente, vielen bauen die Drägerschen Produkte mittlerweile nach. Die Lübecker müssen umdenken - und stellen in der Not stattdessen Ersatzgüter wie Wäsche, Kleidung und Gardinen her.

"Heeresretter" und Rüstungstechnik im Zweiten Weltkrieg

Nach dem Tod von Bernhard Dräger im Jahr 1928 übernimmt Sohn Heinrich das Ruder im Unternehmen, in der dritten Generation. Der Agrarökonom hat in der Zeit der Weimarer Republik vor allem die wirtschaftliche Expansion vor Augen - besonders ins Ausland. 1931 gehen bereits 50 Prozent der Produktion in den Export. Aber es treibt ihn auch in die die Nähe der Nationalsozialisten. 1933 tritt er in die NSDAP ein. Im gleichen Jahr nehmen die Aufträge des Reichswehrministeriums stark zu, etwa für einen auf den bewährten Gruben-Selbstrettern basierenden "Heeresretter". Auch wenn Dräger für die Machthaber strategisch nicht so wichtig ist wie Thyssen oder Krupp ist, produziert die Firma mit den damals 7.000 Mitarbeitern für die deutsche Rüstungsindustrie, überwiegend Filtersysteme für die U-Boot-Flotte und Volksgasmasken wie schon im Ersten Weltkrieg.

Zwangsarbeit und Menschenversuche unter dem NS-Regime

Zwangsarbeiterinnen für die Firma Dräger © NDR
550 weibliche Häftlinge aus dem KZ Neuengamme müssen im Zweiten Weltkrieg Gasmasken produzieren. Im Mai 1945 befreit die britische Armee die Frauen.

Im Dritten Reich entfallen 60 Prozent auf Produkte für die Rüstung, nur 40 Prozent entfallen auf den Markt für zivile Produkte. Seit 1941 sind rund 1.200 Zwangsarbeiter im Betrieb eingesetzt. Bei den Bombenangriffen am 29. März 1942 werden die Werke stark zerstört, ein Teil der Produktion muss deshalb ausgelagert werden. Im Jahr 1944 lässt die SS ein Außenlager für Dräger in Hamburg-Wandsbek errichten. 550 weibliche Häftlinge aus dem KZ Neuengamme müssen dort ab Juni 1944 Gasmasken produzieren - mit Wissen von Heinrich Dräger. Außerdem werden die Frauen zu Menschenversuchen in gasdichte Bunker eingesperrt. Für den damaligen Firmenchef hat das nach Kriegsende kaum Konsequenzen, er kommt glimpflich davon - im Entnazifizierungsverfahren wird Heinrich Dräger lediglich als Mitläufer eingestuft.

50er- und 60er-Jahre: "Eiserne Lunge" und Inkubatoren

Die Polio-Epidemie in der Nachkriegszeit stellt auch die Firma Dräger vor neue Herausforderungen. Durch die Lähmung der Atem-Muskulatur droht Kindern wie Erwachsenen ein qualvoller Erstickungstod. Bisher sind Beatmungsapparate nicht auf eine Langzeitbeatmung ausgelegt. 1947 gelingt es dem Hamburger Arzt Axel Dönhardt, die erste "Eiserne Lunge" aus Kriegsschrott wie Torpedorohren zu bauen. Kurz darauf geht Dräger damit in Serienproduktion. In den 50er-Jahren kommt die Produktion von Inkubatoren hinzu - die Brutkästen ermöglichen Frühgeborenen bessere Überlebenschancen. 1952 bringt das Unternehmen den "Pulmonat" auf den Markt. Der Narkoseapparat ermöglicht eine maschinelle Beatmung von Patienten während einer Operation. Sie lösen damit den manuell betätigten Beatmungsbeutel ab. 

"Alcotest" - Drägerwerks Atemtest ersetzt Blutuntersuchung

Das Foto aus dem Jahr 1953, dem Jahr der Markteinführung der berühmten Pusteröhrchen, zeigt einen Polizeibeamten der einen Alkoholtest durchführen lässt. © picture-alliance / dpa / dpaweb / Dräger
Mithilfe des "Alcotest" lässt sich der Alkoholspiegel im Blut von Autofahrern feststellen.

1953 gelingt Dräger eine weitere Sensation: die Erfindung des "Alcotests" nach einer Betriebsfeier. Am Morgen danach sind die Beschäftigten so müde - da kommt der Abteilungsleiter auf die Idee: "Es ist doch sicherlich möglich, die Alkoholkonzentration im Atem mit 'Dräger-Röhrchen' zu messen," schreibt das Unternehmen in seiner Historie. Und so mischen die Lübecker Tüftler die Chemikalien Schwefelsäure und gelbes Kaliumdichromat, die auf Alkoholdünste reagieren und sich grün verfärben. Mit Erfolg, gleich der erste Versuch klappt: Die Alkoholkonzentration im Blut lässt sich erstmals mithilfe eines Atemtests feststellen. Im gleichen Jahr gibt es eine weitere Erfolgsmeldung: Die Erstbesteigung des Mount Everest. Bergsteiger Edward Hillary und sein Sherpa Tenzing Norgay erklimmen mithilfe von Sauerstoffgeräten und Sauerstoffflaschen von Dräger den höchsten Gipfel der Welt.

Die "Helgoland": Abtauchen im stationären Unterwasserlabor 

Das Unterwasserlabor "Helgoland" der Firma Dräger steht heute als Exponat im Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. © Drägerwerk AG & Co. KGaA
Bis 1981 war die "Helgoland" in Nord- und Ostsee sowie im Nordatlantik im Einsatz. Heute ist das Unterwasserlabor Museumsstück.

Im Auftrag der Biologischen Anstalt Helgoland baut Dräger 1969 ein Unterwasserlabor, ein stationäres Tauchsystem, speziell geeignet zum Sättigungstauchen in kälteren Gewässern. Es entsteht ein 15 Meter langer, orangefarbene Gigant aus Stahl. Dank ausgefeilter Gasversorgung und Druckkammern ermöglicht das Labor erstmals einen mehrwöchigen Aufenthalt unter Wasser. Mit der "Helgoland" markiert Dräger einen Meilenstein in der weltweiten Unterwasserforschung. Bis zu Beginn der 80er-Jahre sammeln Wissenschaftler mit dem Forschungslabor geologische Daten über den Meeresboden, die unter anderem Basis für die Offshore-Technik sind. Zu den Einsatzgebieten gehören damals Helgoland, die Lübecker Bucht und der Nordatlantik. Heute steht das opulente Objekt aus Stahl auf dem Außengelände des Nautineum in Stralsund.

Programm-Tipp
Dräger Kreislaufnarkoseapparat "Romulus" von 1952 © NDR/Jumpmedien GmbH

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130 Jahre Medizingeschichte im Sinne der Menschheit

Dräger entwickelt in den weiteren Jahren immer wieder innovative Produkte: Filtersysteme für Spacelab-Missionen, Selbstretter für den Bergbau, Geräte zum Tiefseetauchen, Sauerstoffversorgungsgeräte für den Airbus A340 und moderne Beatmungsgeräte für den Krankenhausbedarf. Diese bekommen gerade in der Corona-Pandemie eine existenzielle und besondere Bedeutung - und bescheren Dräger Aufträge und Gewinne. Was einst in einer kleinen Uhren-Werkstatt in der Nähe von Hamburg mit dem Tüftler Johann Heinrich Dräger begonnen hat, erfährt heute in der fünften Generation des Lübecker Familienbetriebes ganz andere Dimensionen. Rund 15.000 Beschäftigte in 190 Ländern schreiben auch nach 130 Jahren immer noch Medizingeschichte - und immer im Auftrag für das Leben.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 21.04.2021 | 21:00 Uhr

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