Grafik einer Schilddrüse © Fotolia.com Foto: Sebastian Kaulitzk

Schilddrüse: Basedow und Hashimoto behandeln

Stand: 17.05.2021 11:08 Uhr  | Archiv

Bei einer Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse kann der ganze Organismus aus dem Gleichgewicht geraten. Hinweise auf eine Schilddrüsenerkrankung gibt oft der Blutwert des Hormons TSH.

Die Schilddrüse ist ein schmetterlingsförmiges Organ  vorne am Hals, das viele Stoffwechselfunktionen, Wachstum und Energiehaushalt steuert. Sie produziert die lebenswichtigen Hormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4), die im ganzen Körper ihre Wirkungen entfalten, Herz und Kreislauf antreiben, die Verdauung beschleunigen und auch die Stimmung beeinflussen. Ist die Funktion der Schilddrüse gestört, kann der ganze Organismus aus dem Gleichgewicht geraten.

Diagnose: TSH-Wert im Labor bestimmen

Ob eine Schilddrüsenerkrankung vorliegt, zeigt oft der im Labor ermittelte Blutwert des Hormons TSH. Es wird von der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ausgeschüttet und stimuliert die Produktion der Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Ein erhöhter TSH-Wert deutet auf eine Unterfunktion hin, ein zu niedriger TSH-Wert auf eine Überfunktion.

Dabei orientiert man sich wie bei vielen Laborwerten am sogenannten Referenzbereich. Er beschreibt den Zahlenbereich, in dem 95 Prozent der Werte liegen, die man bei gesunden Probanden findet. Das heißt aber auch, dass der Blutwert bei fünf Prozent außerhalb dieser Normalwerte liegt, obwohl die Menschen gesund sind. Ebenso sagt der Referenzbereich nichts darüber aus, wo der individuelle Normalwert liegt. Symptome können beim Einzelnen bereits bestehen, auch wenn der Wert normal erscheint. Dann kann es sinnvoll sein, den TSH-Wert im Verlauf mehrfach zu bestimmen, um einen Anstieg oder Abfall innerhalb der „Normwerte“ über die Zeit zu bemerken.

Ohnehin sagt eine einmalige Bestimmung des TSH-Werts wenig aus. Denn das Hormon ist schwierig zu messen und seine Konzentration im Blut hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von der Tageszeit, von akuten Erkrankungen,  eingenommenen Medikamente, Körpergewicht und Alter. Deshalb müssen die Laborwerte immer in der Zusammenschau mit den körperlichen Beschwerden beurteilt werden. Ein auffälliger Wert ohne Beschwerden sollte deshalb ebenfalls nach einigen Wochen kontrolliert werden. Oft hat sich der TSH-Wert bis dahin wieder normalisiert.

Zur weiteren Diagnostik gibt es weitere Laboruntersuchungen (T3, T4, Antikörper MAK, TAK und TRAK). Eine Ultraschalluntersuchung und eine Schilddrüsenszintigrafie (Aufnahmen mit  radioaktiven Markern) können nähere Informationen über die Struktur und Funktion der Schilddrüse geben.

Überfunktion durch Morbus Basedow

Liegt eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) vor, klagen Betroffene oft über eine Gewichtsabnahme trotz guten Appetits, Hitzewallungen, Zittern, Nervosität oder Herzrasen. Ursache dafür  ist häufig die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow sein. Bei der Basedow-Krankheit  besetzen bestimmte Abwehrstoffe (Autoantikörper) die TSH-Rezeptoren der Schilddrüsenzellen und regen die Produktion von Hormonen an – dauerhaft und unkontrolliert. Frauen sind davon fünfmal häufiger betroffen als Männer.

Immer seltener sind  hormonproduzierende Knoten in der Schilddrüse für die Überfunktion verantwortlich. Diese sogenannten heißen Knoten unterliegen dabei nicht der Regulation der Hirnanhangsdrüse. Ursächlich hierfür ist meist ein langjähriger Jodmangel. Aber auch die dauerhafte Einnahme von Kortisonpräparaten, längeres Fasten oder schwere Erkrankungen wie eine Lungenentzündung können die Schilddrüse negativ beeinflussen.

Morbus Basedow manchmal nicht gleich erkannt

Wenn ein Bluttest trotz deutlicher Beschwerden zunächst keine Basedow-typischen Antikörper (TRAK) zeigt, kann das am Testsystem im Labor liegen, dem sogenannten Assay. Experten schätzen, dass bei ein bis fünf Prozent der Patienten, bei denen  keine Antikörper gefunden werden, dennoch einen Morbus  Morbus Basedow haben. Da die Assays nicht alle gleich sind, kann es sich lohnen, eine weitere Blutuntersuchung machen zu lassen – denn mit einem anderen Testsystem lassen sich Antikörper vielleicht nachweisen.

Überfunktion mit Tabletten behandeln

Für die medikamentöse Therapie der Überfunktion stehen hemmende Präparate zur Verfügung. Für eine dauerhafte Anwendung sind die sogenannten Thyreostatika (Schilddrüsenblocker) allerdings ungeeignet. Die Tabletten sollten nicht länger als 18 Monate eingenommen werden, weil sie auf Dauer zu einer Verringerung der weißen Blutkörperchen und damit zu einer erhöhten Infektanfälligkeit führen und auch die Leber schädigen können. Bei knapp 50 Prozent der Betroffenen ist der Basedow nach der Tablettentherapie geheilt.

Radiojodtherapie und Operation bei Überfunktion

Haben sich die erhöhten Werte nach einigen Monaten nicht normalisiert, kann eine Radiojodtherapie oder eine Operation erforderlich werden:

  • Bei der Radiojodtherapie nehmen die Betroffenen eine Kapsel mit radioaktivem Jod zu sich. Die Substanz reichert sich im überaktiven Schilddrüsengewebe an und zerstört es von innen. Dafür ist ein mehrtägiger Aufenthalt im Krankenhaus nötig. Idealerweise liegen die Schilddrüsenwerte nach der Therapie wieder im Normbereich. Liegen sie darunter, können sie mit Thyroxin-Tabletten ergänzt werden.
  • Eine Operation ist sinnvoll, wenn das Organ schon zu groß gewachsen ist für eine Radiojodtherapie oder der Verdacht auf einen bösartigen Schilddrüsenknoten besteht. Beim Entfernen der Schilddrüse versuchen Chirurginnen und Chirurgen, die winzigen Nebenschilddrüsen zu erhalten, die den Kalziumstoffwechsel steuern. In manchen Fällen kommt es aber während des Eingriffs zu Durchblutungsstörungen der Nebenschilddrüsen. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Stimmbänder durch die Operation geschädigt werden. Nach dem Entfernen der Schilddrüse müssen Betroffene lebenslang Schilddrüsenersatzhormone einnehmen.

Schilddrüse braucht Jod

Für die Herstellung von Schilddrüsenhormonen braucht der Körper die regelmäßige Zufuhr von Jod aus dem Essen. Der Jodgehalt von pflanzlicher Nahrung ist oft gering, wenn der Boden kaum Jod enthält. Bis in die 1980er Jahre war Jodmangel deshalb in Deutschland weit verbreitet. In der Folge kam es gehäuft zu Schilddrüsenvergrößerungen bis hin zum Kropf (Struma) und zur Ausbildung von sogenannten heißen Knoten. Nach Einführung von jodiertem Speisesalz wurden diese Erkrankungen seltener. Die Verwendung von Jodsalz in der Lebensmittelherstellung erhöhte den Jodgehalt von salzreichen Produkten wie Brot, Fleisch und Wurst. 

Für eine gesunde pflanzenbasierte Ernährung wird heute allerdings empfohlen, insgesamt weniger Salz, Brot und Wurstwaren zu konsumieren, was die Jodversorgung wiederum schwieriger macht. Außerdem behindern manche besonders gesunden Lebensmittel wie Kohl, Kresse, Rettich, Leinsamen oder Hirse die Aufnahme von Jod in der Schilddrüse. 

Milch und Fisch als Jodquellen

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung ist die Jodversorgung der Bevölkerung derzeit wieder leicht rückläufig. Vegetarier und vor allem Veganer haben ein höheres Risiko für einen Jodmangel. Denn Milch und Milchprodukte zählen zu den maßgeblichen Jodlieferanten, insbesondere da auch Futtermittel zum Teil mit Jod angereichert werden. Einen besonders hohen Bedarf an Jod haben Schwangere. Schilddrüsenhormone sind unerlässlich für das Wachstum. Deshalb drohen bei einem Mangel schwere Schäden für das Kind. Frauenärztinnen und Frauenärzte raten in der Schwangerschaft zu einer Jodversorgung über Tabletten.   

Eine gute natürliche Jodquelle für die regelmäßige Basisversorgung sind Seefisch und Meeresfrüchte. Der Jodgehalt von Algen wiederum ist oft so hoch, dass Überdosierungen drohen: Schon wenige Gramm Braunalgen können die maximal empfohlene Jodaufnahme von 500 Mikrogramm pro Tag um ein Vielfaches überschreiten. 

Vorsicht bei Überfunktion

Auch medizinische Kontrastmittel enthalten oft große Mengen Jod. Das kann für Menschen gefährlich werden, die eine unerkannte Überfunktion der Schilddrüse haben. Ihre Schilddrüsenzellen arbeiten bereits auf Hochtouren. Bekommen sie nun plötzlich eine große Menge das Ausgangsmaterials Jod, schießt die Hormonproduktion in die Höhe. Gefährliche Herzrhythmusstörungen und Stoffwechselentgleisungen können die Folgen sein. Ist aber eine Neigung zur Überfunktion vor der Untersuchung bekannt, gibt es Möglichkeiten, diese Komplikation der Kontrastmittel zu verhindern.

Schilddrüsen-Unterfunktion durch Hashimoto-Thyreoiditis

Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) macht sich zum Beispiel durch ständige Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Gewichtszunahme, niedrigen Puls, trockene Haut und Haarausfall bemerkbar. Die Ursache kann eine chronische Entzündung des Organs sein, die Hashimoto-Thyreoiditis. Dabei attackiert das körpereigene Immunsystem die hormonbildenden Zellen der Schilddrüse und zerstört sie nach und nach, bis sie nicht mehr genug lebenswichtige Schilddrüsenhormone produzieren kann.

Bei einer chronischen Unterfunktion müssen die Patienten lebenslang eine halbe Stunde vor dem Frühstück die fehlenden Schilddrüsenhormone in Form von Tabletten einnehmen, um den Hormonmangel auszugleichen. Die Diagnose der Unterfunktion muss gesichert sein, denn eine unnötige Einnahme der Hormone kann zum Beispiel Herzrhythmusstörungen und Osteoporose verursachen.

Hashimoto: Beschwerden trotz Therapie

Trotz der Therapie haben viele Betroffene mit einer Unterfunktion der Schilddrüse weiter Probleme. Sie fühlen sich nicht wohl, obwohl die Blutwerte der Schilddrüsenhormone im Normalbereich sind. Oft schwanken die Schilddrüsenwerte bei Hashimoto-Erkrankten - das erschwert die Einstellung der richtigen Dosis. Wenn trotz der Hormontabletten immer wieder Müdigkeit und Abgeschlagenheit auftreten, kann auch bei einem TSH-Wert im Normbereich eine Anpassung der Dosis sinnvoll sein. Vorausgesetzt, andere Ursachen für die Symptome wurden ausgeschlossen. Außerdem kann eine Ernährungstherapie die Beschwerden einer Hashimoto-Erkrankung bessern.

 

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Visite | 18.05.2021 | 20:15 Uhr

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